Köpfe der Zukunft: Kübra Gümüsay

Sie bloggt und publiziert Tag ein, Tag aus. Kübra Yücel-Gümüsay beleuchtet die Welt aus ihren Augen nicht nur auf ihrem erfolgreichen Blog, sondern auch in der renommierten Zeitung “TAZ”. Im dritten Teil der KISMET-Serie “Köpfe der Zukunft” spricht sie über Leben, Politik und große Visionen.

KISMET: Sie sind wie viele andere als Kind türkischer Eltern in Deutschland geboren, als eine von wenigen haben Sie es wiederum geschafft, bekannt zu werden und viel zu leisten. Wie hat ihre Geschichte begonnen? Gab es schwierige Momente auf diesem Weg?

Kübra Yücel-Gümüsay: Ich habe so ein Weltverbesserer- Syndrom. Ich wollte schon immer etwas tun, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Dazu habe ich auch verschiedene Wege eingeschlagen, beispielsweise als Modedesignerin, um der Welt zu beweisen, dass man auch mit Kopftuch schön aussehen kann. Anschließend in der Politik, um auf dieser Ebene etwas zu bewegen. Und letztendlich bin ich im Journalismus gelandet, da er für mich einen Rahmen bietet, über Dinge und Probleme in der Gesellschaft zu schreiben und die jeweiligen Lösungsansätze zu finden. Ich habe sehr früh angefangen privat über ganz verschiedene Dinge zu schreiben. Später bat mir die Schülerzeitung die Möglichkeit mehr an die Öffentlichkeit zu treten. Es ging dann relativ schnell weiter. Ich war dann im Vorstand der Jugendpresse, der Verband junger deutscher Journalisten, hier in Hamburg. Und später bin ich dann zur Chefredakteurin vom “Freihafen”, ein Jugendmagazin aus Hamburg, ernannt worden.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich immer offenen und toleranten Menschen begegnet bin und auch immer für Zeitungen und Medien geschrieben habe, die eher dem linken Spektrum angehören, das für die Vielfalt der Menschen steht. Das ist auch der Grund, warum ich kaum oder nur selten Probleme hatte. Nur ein Erlebnis, dass mir immer in Erinnerung bleiben wird, ist dass mir einmal ein bekannter Journalist vor meinen Kollegen weis machen wollte, dass ich als Journalistin nicht gut geeignet wäre, wegen meines Kopftuchs. Ich war natürlich erst einmal überrascht aufgrund seiner Begründung: als Kopftuchträgerin könne man nicht neutral sein. Ich hatte Glück, dass die ganze Redaktion sofort angefangen hatte mich zu verteidigen und ich musste kein Finger krümmen. Sie haben sich auch sehr darüber empört und ihm deutlich gemacht, dass das was er gerade gemacht hat nicht nur krass ist sondern einfach peinlich. In diesem Sinne hatte ich also wirklich sehr viel Glück die richtigen Menschen getroffen zu haben.

KISMET: Sie schreiben nicht selten über die Probleme der ausländischen Gemeinschaft in Deutschland. Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung?

Ein großes Problem hier in der Community mit Migrationshintergrund ist, dass sie keine selbstbewusste Identität haben. Sie sind oftmals hin und hergerissen zwischen zwei Ländern und sie haben oft das Gefühl, sie müssten sich für eine Identität entscheiden, was zu vielen Problemen führt. Obendrein werden sie von beiden Gesellschaften nicht so wie sie sind akzeptiert. Sie sind ständig diesem Druck ausgesetzt irgendwelche Leistungen erbringen oder sich beweisen zu müssen, um Anerkennung zu finden, was oft dazu führt, dass viele diese einfach in anderen Bereichen suchen. Einige rutschen dann in die Kriminalität. Der Großteil macht es sich in seiner Parallelgesellschaft, die es gibt, einfach gemütlich. Es ist natürlich viel einfacher Freunde zu haben, die auch aus dem gleichen Kulturkreis kommen, wo man Vieles nicht erklären muss, beispielsweise man muss nicht erklären warum man betet oder jenes Essen kocht und diese und jene Tradition pflegt. Man kann einfach ganz entspannt und ohne Komplikationen sein Leben führen. Das ist natürlich für die meisten viel einfacher. Aber die Herausforderung ist, das man es schafft die Identität und die Lebensweise, die man hat, beizubehalten, um mit ihr bewusst und eigenständig aufzutreten. Man muss begreifen, dass man sich nicht für ein Land oder eine Kultur entscheiden muss, sondern stolz darauf sein, dass einem diese Identität als Menschen ausmacht, dadurch dass man diesen Hintergrund hat. Ich mag türkische Musik und lese deutsche Autoren. Diese Interessen, die man hat ,soll man weiter ausleben und sie zu einem Tacker machen, der die Identität ausmacht. Mit dieser neuen Identität, soll man selbstbewusst in die Gesellschaft hinaustreten.

KISMET: Haben Sie auch für die Mehrheitsgesellschaft eine Forderung?

Ja, und zwar, dass die bio- deutsche Gesellschaft gleichzeitig auch offen sein soll Menschen als Menschen zu sehen, als Individuen. Dass man alle Vorurteile und alle Konflikte mit einer Religion, die man zum Teil hat, an dieser Person auslebt oder diese Person auffordert diese Religion zu verteidigen. Nein! Man muss Menschen als Menschen begreifen und so auch auf sie zugehen. Das heißt vorurteilsfrei und einfach mal offen.

KISMET: „Fremdwörterbuch“ nennen Sie ihren Blog. Warum noch immer fremd? Soll das eine Anspielung sein?

Am Anfang hatte es keinen tieferen Sinn, sollte auch keine Anspielung sein. Ich wollte nur einen Begriff haben, dass alles umfasst und nichts ausschließt. Eher wollte ich meinen Blog Wörterbuch nennen, das ging aber nicht, deswegen habe ich es Fremdwörterbuch genannt. Im Nachhinein, wenn ich jetzt zurück schaue, find ich das eigentlich gut, weil ich quasi mit der deutschen Sprache spiele und etwas Vertrautes benutze, aber mit fremden Gedanken, Einflüssen- im Sinne von anderen- als die, die hier bekannt sind, kombiniere, Einblick in die deutsche Gesellschaft gewähre aus einer mal anderen Perspektive. In dem Sinne finde ich, dass es sehr gut passt. Die Inhalte haben quasi dem Fremdwörterbuch erst richtig seine Bedeutung verliehen.

KISMET: Ein Internetbuch über Politik, Gesellschaft, Islam und Medien. Außerdem über London, Uni, Filme, Kunst, Musik und Kultur geht. So beschreiben Sie ihren Blog, doch was macht dieses Buch besonders und lesenswert?

Was mein Blog für viele lesenswert macht, ist die Tatsache, dass in den Medien ganz viel über den Islam und über die muslimische Frau diskutiert wird, aber nur wenig mit ihnen. Bei vielen, die keinen Zugang zu diesen Communities haben (wollen?) ist es so, dass sie in kopftuchtragenden Frauen einfach ein Meer an Tücher sehen und keine Individuen keine Gesichter keine Einzelschicksale, sondern einfach nur ein unterdrücktes Meer an Frauen, die verhüllt sind. Deshalb ist es für viele sehr interessant, ein Blog zu lesen von einer Frau, die aus diesem Meer stammt. Plötzlich bekommt das Meer ein Gesicht oder Gesichter und viele Individuen werden sichtbarer, das heißt man bekommt einen differenzierteren Einblick in eine Community und das ist natürlich für viele sehr spannend, weil sie einfach keine muslimischen Frauen kennen und auch keinen Zugang zu diesen Frauen finden. Deswegen ist es wichtig, dass politische Themen an persönlichen Erlebnissen diskutiert werden. Das ist vielleicht für Nichtmuslime interessant. Für Muslime ist mein Blog interessant, weil da einfach mal jemand die Probleme oder die Themen, die einem die ganze Zeit durch den Kopf schwirren, anspricht und diskutiert.

KISMET: Wie sehen Sie die Zukunft der Muslime in Deutschland. Einerseits haben wir Leute wie Sie, die ein Vorzeigebild sind und andererseits Menschen wie den Herrn Sarrazin, die alles noch erschweren. Wie blicken Sie in dieser Hinsicht auf die Zukunft?

Es gibt Bereiche in denen es besser wird. Gefühlsmäßig empfinde ich das Engagement als eine äußert positive Entwicklung. Wir haben ein Netzwerk gegründet von aktiven und engagierten Muslimen. Es war wirklich inspirierend zu sehen, wie verschieden sie sind, wie viel sie sich engagieren, welche Ideen dort herumschwirren und wie viel Potenzial in dieser Community ist. Das erste Mal für mich zu sehen, wie intellektuell und aktiv Muslime hervortreten und sichtbar werden. Das ist eine positive Entwicklung, dass sich viele Menschen jetzt trauen sichtbar zu werden. Oftmals wenn man in Deutschland über Muslime redet, hat man über die Problemfälle gesprochen- nur diese sind herausgestochen. Nun stechen auch die positiven Seiten hervor, die normalen eigentlich, die Masse tritt hervor, sie bekommt ein Gesicht, sie bekommt eine Stimme und ich glaube das ist eine unglaublich positive Entwicklung.

KISMET: Trotz diesem Fortschritt kommen beispielsweise Rassismus und Islamophobie häufig zutage. Die Frage ist, wie wird in Deutschland damit umgegangen?

Inzwischen ist in Deutschland Rassismus und Islamophobie allgegenwärtig geworden. Es ist kein Problem mehr Menschen auf der Straße zu beschimpfen oder anzuspucken. Es gibt auch Fälle, wo das Kopftuch runter gerissen wird, wo Menschen in den Universitäten ausgeschlossen werden. Viele diskriminieren auch unbewusst, weil sie das für normal halten, ein gewisses Unbehagen gegenüber Muslimen zu haben. Ich glaube, dass dieser Rassismus in den letzten Jahren zugenommen hat und immer mehr toleriert wird. Ich will nicht sagen, dass Menschen rassistischer geworden sind, das kann ich nicht beurteilen. Aber was ich feststelle und was ich festhalten kann, ist das inzwischen, wenn Rassismus ausgeübt wird da auch beide Augen zugedrückt werden.

KISMET: Ist es legitim der Politik die Schuld zuzuschreiben oder inwieweit schafft sie es Menschen negativ zu beeinflussen?

Die Politik spielt in diesem Prozess der Rassismustoleranz eine sehr große Rolle, weil sie es ist, die ihre eigene Verantwortung nicht mehr bewusst trägt. Sie reden, polemisieren und polarisieren gesamtgesellschaftliche Themen und Probleme. Wir haben ein sehr schlechtes Bildungssystem, viele Bildungslücken, wirtschaftliche und soziale Probleme. Das sind alles Sachen, die die ganze Gesellschaft betreffen und die wir eigentlich als Gesamtgesellschaft angehen müssten. Was die Politik macht, ist genau das Gegenteil- diese wirtschaftlichen und sozialen Probleme werden auf bestimmte Ethnien und bestimmte Religionen, insgesamt auf den Islam reduziert und dieser Gruppe zugeschrieben. Dabei sind sie zum Beispiel schulisch nicht erfolgreich, nicht weil sie Muslime sind, sondern weil es soziale Probleme in Deutschland gibt, weil unser Bildungssystem keine Chancengleichheit bietet. In Deutschland ist dein schulischer Erfolg zu einem hohen Prozentteil davon abhängig, welcher sozialen Schicht du abstammst. Wenn du aus einer gut situierten Familie kommst, hast du viel mehr Möglichkeiten und höhere Chance das Abitur abzuschließen und danach zu studieren, als jemand, der aus einer finanziell schwachen Familie kommt. Das sind soziale und wirtschaftliche Faktoren, die die gesamte Gesellschaft betreffen und keine Religion und keine Ethnie. Und diese Verantwortung übernehmen die Politiker sehr häufig nicht und versuchen dann ihre eigene Verantwortung einfach einer Religion oder einer Ethnie zuzuschreiben, um sich damit dann selber aus dem Schneider zu machen.

KISMET: Ihre Message an die Politik lautet also…

Dass die Probleme, die ja tatsächlich bestehen verantwortungsbewusst besprochen und diskutiert werden. Und zu ihrem eigenen Vorteil nicht polemisierende Politik zu betreiben, sondern Themen ehrlich angehen.

KISMET: Kann man Sie als eine Motivationsquelle für die jungen Menschen in Deutschland sehen?

Die Augen der Menschen zu öffnen, ihren Horizont zu erweitern- das hat mich immer motiviert. Ihnen die Möglichkeit zu geben sich selber weiterzubilden, sich selbst zu engagieren und sich zu entfalten. Und es ist nämlich sehr häufig so, dass Jugendliche großes Talent haben, riesiges Potenzial für verschiedene Dinge. Aber diese Talente und dieses Potential gar nicht erst entdecken, geschweige denn nützen. Diese Talente schlummern in den Personen und ein Grund dafür ist, dass sie nicht wissen, dass sie sich engagieren können. Sie wissen nicht, wo sie sich engagieren können. Das war auch immer ein Ziel von mir, das zu ändern. (Sie lächelt) Es freut mich sehr, wenn Leute anrufen oder mir schreiben, dass sie auch aktiv werden möchten. Ihnen überhaupt die Möglichkeit zu zeigen, dass sie es können. Dass man mit Migrationshintergrund, mit Kopftuch, als Frau sich weiterbilden kann, sich engagieren kann und positiv in die Öffentlichkeit treten kann, das wissen viele nicht. Es freut mich wirklich sehr, wenn ich solche Rückmeldungen bekomme und ich hoffe, dass es mehr werden, weil ich alleine reiche lange nicht aus und ich will auch nicht ausreichen. Ich will, dass es mehr Leute gibt.

KISMET: Sie haben viel durch ihre journalistische Tätigkeit erreicht und sind sehr bekannt geworden. Haben Sie jedoch ein höheres Ziel im Leben?

Ich habe Metaziele. Ein Stück Welt zu verbessern, da ich ja unter dem Weltverbesserer- Syndrom leide. Aber jetzt so direkte Ziele, wie ich möchte diese Karriere machen, hatte ich eigentlich nie. Ich habe auch immer wenig geplant, sondern immer geschaut, wo kann ich was tun und was macht mir Spaß und wie kann ich beides verbinden. Das hab ich im Journalismus gefunden. Ich kann mir vorstellen akademisch zu arbeiten, anfangen zu zeichnen und mich im künstlerischen Bereich auszuprobieren. Oder auch Modedesignerin zu werden, Buchautorin oder vielleicht weiterhin als Journalistin. Das hängt davon ab in welchem Stadion man sich persönlich befindet.

Das Gespräch führte Nermin Ismail.(Bild: Privat)

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