Freies Lernen und ein Signal für die Gesamtschule

Mit Methodenvielfalt will das GWIKU Haizingergasse die Chancengleichheit fördern

Wien – Die zweite Stunde der 2C im Gymnasium Haizingergasse hat begonnen. Im Pausenraum machen es sich zwei Mädchen am Boden bequem, links von ihnen stehen vier Schüler und besprechen ihre Aufführung bei einer Buchvorstellung. Im hellen Klassenraum herrscht Ruhe, ab und zu ist Geflüster, Geplauder und Gelächter zu hören. Alleine, zu zweit oder in einer Gruppe arbeiten die Kinder an ihren Aufträgen in Mathe, Deutsch oder einem anderen Fach. All das können sie selbst bestimmen, sofern am Übungsblatt nichts anderes angegeben ist.

„Das klappt gut“, erzählt die Klassenlehrerin Brigitte Brauneder. Neben ihr sitzt Markus, der gerade am Computer sein Referat über Astrid Lindgren ausarbeitet. „Es macht viel mehr Sinn, als wenn ich die Tafel vollschreibe“, meint Brauneder. Sie hat die Möglichkeit, sich einzelnen Kindern individuell zu widmen, während die anderen weiterarbeiten. Wichtig ist der Direktorin Renate Knaus dabei die Methodik. „Denn für einen Frontalvortrag, der die Kinder zunehmend nervt, bringen sie auch durch die gesellschaftliche Entwicklung in vielen Ebenen gar nicht mehr die Geduld auf. Die Freiarbeit ist eine adäquate Reaktion darauf.“

Dieses Gymnasium, mitten im 18. Bezirk, führt in der Unterstufe jeweils eine Freiarbeitsklasse pro Schulstufe. Supun ist gerade mit seinem Sitznachbarn Valentin in die Arbeit vertieft. „Wir machen vieles gemeinsam und können uns beraten“, schildert er. Trotz aller Vorteile sei diese offene Art zu lernen nicht für alle Kinder geeignet, weiß Knaus. „Schüler, die diese Arbeitshaltung nicht bereits in der Volksschule entwickelt haben, können bei der Freiarbeit leichter ausweichen. Man muss aber sagen, dass auch Kinder, die beim Frontalunterricht abschalten, nicht erreicht werden.“

Schluss mit Separation

Lange schon verfolgt Knaus die Diskussionen und Blockaden zur Schulreform und hofft, dass sich diese endlich auflockern. „Es wäre wichtig, nicht nur neue Titel zu vergeben, sondern endlich die Schüler nach der Volksschule nicht mehr in Gymnasien, Hauptschulen oder Mittelschulen zu separieren. Alle Schüler zwischen zehn und 14 Jahren sollten in einer Schule integriert werden.“ Außerdem brauche es ein neues Dienstrecht, meint Knaus und schlägt eine gemeinsame Lehrerausbildung für alle Lehrer vor. Mit ihrer Methodenvielfalt bemühe sie sich ständig um Verbesserungen, doch gehe es darum, die Chancengleichheit grundlegend zu erhöhen, indem von der Selektion mit zehn Jahren Abstand genommen wird. „Aber dem stehen die Interessen der Eltern, sprich der Wähler, im Weg. Man möchte das Gymnasium, welches als etwas Besonderes gilt, nicht aufgeben“, ist für Knaus klar.

Im Gang vor der Direktion stimmen sich gerade einige Jugendliche auf ihre bevorstehende Reifeprüfung ein. Die Maturanten Julia und Beat erzählen, dass sie besonders viel aus dem Fach „Präsentation und Kommunikation (Puk)“ für sich mitnehmen. „Denn diese Skills werden wir immer brauchen, besonders nach der Schule“. Puk haben alle Schüler in der Oberstufe. Genauso wie Internet, Print, Radio und Video, die für die Jugendlichen an dieser Schule mit Medienschwerpunkt auf dem Stundenplan stehen. Für die Direktorin ist dieser Zweig mit einem heiklen Balanceakt verbunden. „Denn wenn Stundenreduktionen von oben vorgeschrieben sind, geht intern immer etwas verloren.“ Dennoch ist es Knaus gelungen, 15 Stunden in der gesamten Oberstufe für diese neuen Fächer umzuwidmen. In Wien ist ihr Gymnasium das einzige, an dem Medienkunde praxisnah unterrichtet wird. So werden auch immer wieder Experten eingeladen.

„Das Internet verändert sich beispielsweise sehr rasch. Doch wir bleiben immer auf dem Laufenden, weil wir uns Unterstützung von Fachleuten aus dieser Branche holen. Das bringt Leben in unser Haus, und die Schüler spüren dann auch, dass sich die Lehrer anstrengen. (Nermin Ismail, DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2011)

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