Ägypten, Ein Jahr nach Mubarak – Die unvollendete Revolution

(c) Jasmin Ismail

Der Tag an dem Mubarak gegangen ist jährt sich also erstmals. Aber spätestens nach den Ereignissen in Port Said ist nichts mehr wie bisher. Das Vertrauen ins Militär ist geschwunden. Der Tahrir Platz, einst Symbol für Widerstand und Hoffnung, hat seinen Glanz verloren. Er ist leer, beängstigend, enttäuschend. Nermin Ismail berichtet aus Kairo.

Kairo, 10. Februar – Es ist Freitagmittag- der Ruf zum wöchentlichen Gebet ertönt aus den Lautsprechern einer jeden Moschee. Auch in der Moschee, nebenan wird erhofft eine große Menge an Menschen zu erreichen, um ihnen vom geplanten Generalstreik abzuraten. Auch Al-Azhar die anerkannte religiöse Instanz des Landes ist dagegen. Die wirtschaftliche Lage sei im Moment katastrophal.

Samstag der 11. Februar 2012. Der Tag an dem Mubarak gegangen ist jährt sich also erstmals. Gestern meinte ein Taxifahrer: „Wir Ägypter können uns nicht freuen. Wir schaffen es nicht einmal zu feiern. Warum sollen wir streiken? Wohin führt das? Druck ausüben? Wir müssen nicht immer Druck auf das Militär machen, warum können wir uns nicht ein wenig gedulden?“ Die Zeit bis zu den Wahlen im Juni scheint wie eine Ewigkeit für die Ägypter zu sein. Obwohl jeder genau weiß, dass eine gewählte Person, ein Phasenwechsel für dieses Land bedeuten würde, zweifeln die Menschen an die Glaubwürdigkeit des Militärs. Dieser wolle nur an der Macht bleiben, ist ebenso eine gängige Meinung.

Sind die Bewegungen wie die des 6. April und weitere „revolutionäre“ Bewegungen nun weiterhin zu befolgen? Oder ist deren Rolle des Führens schon Vergangenheit? Nun, seitdem eine politisch demokratische Instanz nämlich das Parlament schon gewählt wurde, sollte sie das Volk repräsentieren. Auf wen sollen die Menschen hören? Die Meinungen gehen in dieser Thematik auseinander, nicht wie vor einem Jahr, denn da waren sich alle einig.

Seit dem Massaker im Fußballstadion in Port Said sind die Menschen wie niedergeschlagen, sie fühlen sich nicht sicher und haben die Hoffnung auf Veränderung verloren. Nur die Gefühle des Niedergangs haben sich vermehrt. Jetzt wird erzählt, dass Alaa und Gamal Mubarak, Söhne von Hosni Mubarak dahinter gewesen seien. Sie hätten trotz Isolation im Gefängnis Pläne geschmiedet und Verbrecher bezahlt, um diese Gräueltat auszuüben.

Alle sind politisch

Was vor dem letzten Sommer, als ich das letzte Mal hier war, als unvorstellbar galt, ist nun gelebte Realität. Alle sind politisch, alle sind am Politischen interessiert. Mit jedem Taxifahrer, der mich fährt, diskutiere ich über die politische Lage und erfahre somit immer wieder Neues. Ashraf sprach von einem geplanten Attentat. Die Waffen sollen schon vor dem Spiel im Stadion montiert gewesen sein und mehrere Busse hätten die Verbrecher zum Tatort geführt. Hier sollte sich das schrecklichste Ereignis in der Geschichte des Fußballs ereignen. Über 70 Jugendliche werden grauenhaft ermordet und tausende weitere verletzt. Der Jüngste unter ihnen war erst elf Jahre alt. Die Spieler sind traumatisiert. Sie waren wie Gefangene in einem Käfig, die den Mördern nicht entfliehen konnten- ja sie waren ihnen ausgesetzt- es gab kein Ausweg, denn die Türen waren alle versperrt. Im Fernsehen werden Tage später noch Bilder vom Massaker gezeigt. Im Hintergrund Lieder, die von der Heimatliebe schwärmen. Jeder will wissen- wo war die Polizei? Wo war das Militär? Warum gab es keine Sicherheitskräfte? Fragen über Fragen. Die Antworten sind nicht klar gegeben. Jeder malt sich sein Bild vom Geschehen. Hier frage ich mich: Warum tritt die derzeitige politische Führung des Landes nach vor und versichert den Menschen eine gerechte Verhandlung und Sicherheit, wenn die einzige Konsequenz die Trennung der Häftlinge des alten Regimes in verschiedenen Gefängnissen war, sodass sie nicht weitere Attentate planen können.

Tahrir-Platz –  eintönig und beängstigend

Das Militär hatte seine Soldaten schon ab dem Freitagsgebet im Land verteilt, die Menschen sind beängstigt und erwarten das Unmögliche. Wahrscheinlich werden die Soldaten die Protestbewegungen niederschlagen- um Sicherheit zu gewähren?

Die Menschen wissen nicht mehr was sie glauben sollen. Erzählungen von Verschwörungstheorien des Westens und der Boshaftigkeit des Militärs prägen die Atmosphäre. Unsicherheit, Angst um das Land und Zukunftsbefürchtungen prägen die Stimmung. Und über all dem, natürlich die Trauer um die Opfer der noch immer nicht beendeten Revolution.

Der Tahrir-Platz ein Abbild der ägyptischen Revolution. Vor einem Jahr: bunt bemalt, sauber, freundlich und voller Menschen. Heute: schmutzig, beängstigend, leer und enttäuschend.

11.02.2012 | 16:10 | Nermin Ismail

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