Gastbeitrag: Grießkoch mit Kakao

Eine Geschichte von Menerva Hammad über die „Heimat“ und ihr geliebtes Vienna.

Dunkle Augen wie der Nachthimmel Alexandrias 

Wenn man in einer Stadt schon so lange lebt, dass man in fast jeder Straße eine besondere Erinnerung hat, ist das dann Heimat? Wenn man in einer anderen Stadt vielleicht nur zwei Monate des Jahres verbringt und die Sprache nicht einmal perfekt beherrscht, ist das dann ein verlängerter Urlaub? Wenn all deine schönen Erlebnisse genau dort stattfinden, wo du geistig gar nicht bist, wo du körperlich auch gar nicht sein willst, aber sein musst, haben sie dann überhaupt stattgefunden, diese Erlebnisse? Sind sie dann alle echt, deine Erinnerungen? Es ist das Leben das mit uns geschieht während wir es planen. Wenn wir mit der Planung dann fertig sind, dann ist es vorbei, das Leben. All die Erinnerungen die ich habe, all die Gesichter in meinen Gedanken, die gab es wirklich, nur nicht am richtigen Ort. In meiner Phantasie vereine ich oft beide Welten. Es ist nicht das Land an sich, das mir die Sicherheit raubt, es sind die Menschen. Dies ist nicht so einfach zu verstehen, denn es sind ja auch die Menschen, die mir wertvolle Momente schenken. Oft ist es das Land an sich, das mir Schwierigkeiten macht, und öfter die Menschen mit denen ich leben muss. Mit einigen lebe ich ja nicht freiwillig, nein, das muss ich. Dadurch, dass ich nicht blauäugig bin, nicht blond und einfach nicht europäisch, bin ich unpassend in diesem Land. Ich bin unpassend. Ich bin unpassend. Ich bin unpassend. Bist du auch unpassend? Anpassung ist angesagt! Pass dich an! Aber pass auf, dass du beim Anpassen nicht etwas verpasst. Beim Anpassen da kann was schief gehen, du kannst dich verlieren. Aber was ist es, das dich so unpassend macht? Im Prinzip bist es du selbst! Es sind Teile von dir! Wie du aussiehst, wie du sprichst, was du sprichst, woran du glaubst, was du trägst, was du nicht trägst, wie du denkst, was du tust – weil du anders heißt. Vielleicht hat man dir das noch nie ins Gesicht gesagt! Mir hat man es auch noch nie ins Gesicht gesagt, aber sprechen heißt mehr als Worte sagen! Ich wurde schon einmal im Gesicht angespuckt, weil ich mich angeblich nicht anpasse, weil ich wo anders herkomme, obwohl ich doch da war, in meiner Vienna. Eine der Fragen die mir bis jetzt am häufigsten gestellt wurden: „Woher kommen Sie?“ Was ist Herkunft schon? Herkunft bist du! Dunkle Augen wie der Nachthimmel Alexandrias im Winter. Meine Haut so braun wie der Sand der Sahara, meine Familie reicht über die ganze Welt, von Asien bis Amerika, meine Freunde sprechen nicht alle dieselbe Sprache und glauben nicht an denselben Gott, und mein Wille ist so stark wie jede einzelne Frau in der menschlichen Geschichte. Woher komme ich? Wieso spielt das eine Rolle woher ich komme, ist es denn nicht viel wichtiger wohin ich gehe? Ich gehe nach Hause. Da wo Erinnerungen wirklich stattfinden, da wo man während seinem Leben noch atmet.

Vienna wird immer meine sein

Aber wo ist dieses zu Hause? Ist es er Ort woher man kommt, oder der Ort wohin man geht? Es ist der Ort, den man aus beiden macht! In diesem Land lebe ich nun schon mein ganzes Leben und ich würde lügen wenn ich behaupten würde, dass ich hier niemals aus ganzem Herzen lachte, dass ich keine Freunde für das Leben gefunden habe, oder dass ich es bereut habe hier aufgewachsen zu sein, ganz im Gegenteil: Mein Herz ist erfüllt von diesem Ort, von meiner Vienna! Schon als Kleinkind hat es bei mir mit den schönen Erinnerungen in Wien angefangen. Ich konnte nicht sehr gut Deutsch, also schickte mich meine Mutter zu den Nachbarskindern, um mit ihnen zu spielen und die Sprache dabei zu lernen. Die Mutter dieser Kinder machte uns immer Grießkoch und gab Kakaopulver oben drauf. Ich saß dann immer mit ihren beiden Kindern da, wir aßen den warmen Grießkoch mit Kakao und sprachen Deutsch. Max und Karoline, so hießen die beiden, sie waren meine ersten richtigen Freunde in einem fremden Land. Das Top Trio, das waren wir! Heute, fast achtzehn Jahre später, denke ich immer noch an sie, immer dann, wenn ich warmen Grießkoch mit Kakao esse. Als ich etwas älter wurde trennten sich zwar unsere Wege, aber mein Vienna blieb – mit anderen Menschen und anderen Erlebnissen. Aber je älter ich wurde, umso klarer wurde mir: Auch wenn mir Vienna gehört, sie gehört mir doch nicht, denn ich sehe nicht aus wie Vienna. Vienna ist blond, Vienna hat Haut so hell wie weiße Schokolade und blaue Augen. Vienna hat all das, was ich nie haben werde. Und auch wenn ich es hätte, so habe ich einen anderen Namen als Vienna. Mein Name ist Beweis, dass Vienna mir nicht gehört und meinen Namen ändere ich nicht, meinen Namen passe ich Vienna nicht an. Eines Tages kehre ich wieder Heim, eines Tages werde ich nicht mehr in Vienna sein, aber egal wie viele Jahre vergehen, egal wohin ich gehen werde, Vienna wird immer meine sein, auch wenn sie mir nicht gehört. Eines Tages werde ich Mutter sein, und meinen Kindern warmen Grießkoch mit Kakao machen und ihnen erzählen wie Vienna ist. Egal wo ich dann mit ihnen sein werde, Vienna wird immer dabei sein.

Zur Person:

Menerva Hammad ist 23 Jahre alt. Sie studiere Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Uni Wien. Menerva hat Erfahrung beim Radiosender KRONEHIT gesammelt und dort auch die Moderatorenausbildung absolviert.

 

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