Muslimas gegen FEMEN: “Eure Nacktheit befreit uns nicht”


INTERVIEW. Der von den FEMEN-Aktivistinnen ausgerufene „Topless Jihad Day“ in Berlin und Hamburg hat für Aufsehen gesorgt. Musliminnen wehren sich gegen die Generalisierung. Das Kopftuch sei kein Beleg für Unterdrückung, sagt Betül Ulusoy von MuslimaPride.

Sie wollen den Gründerinnen in der Ukraine nacheifern und auch in Deutschland gegen das Patriarchat kämpfen. Vor zwanzig Tagen haben die FEMEN Aktivistinnen in Deutschland für Aufruhr gesorgt. Zum „Topless Jihad Day“ haben sie diesen Tag ausgerufen. Junge Frauen aus Berlin und Hamburg fanden zusammen und zogen vor Moscheen und tunesischen Botschaften, um gegen „Islamismus“ und zur Solidarität für die tunesische Femenmitbegründerin Amina Tyler.

Sie hatte Anfang März ein Foto (oben-ohne) auf Facebook gepostet und islamische Werte beschimpft, woraufhin ihr mit dem Tod gedroht wurde. Seit mehr als einem Monat veröffentlicht FEMEN täglich Fotos von nackten Körpern mit Parolen gegen den Islam, den sie anscheinend als Grund für deren Unterdrückung betrachten, und für die Freiheit der Frau.

„Eure Nacktheit befreit uns nicht“
Doch der Gegenprotest ließ nicht lange auf sich warten. „Muslim Women against Femen“ (bereits über 9.195 Fans auf Facebook; aus aller Welt) und „MuslimaPride“ (1.685 Fans; mehrheitlich aus dem deutschsprachigen Raum) sind entstanden. Sie wehren sich gegen die Generalisierung, denn das Kopftuch sei kein Beleg der Unterdrückung und nicht alle Frauen werden unterdrückt. Oder wie Nadia Pantel in der Süddeutschen am 08.April schrieb: „Nackt und dennoch nicht verfügbar: Dieses Bild als Protest gegen Prostitution funktionierte. Doch die Botschaft der nackten Brüste lässt sich nicht in jede Kultur übersetzen.“ Nermin Ismail mit sprach Betül Ulusoy, die Initiatorin von MuslimaPride über die jüngsten Ereignisse.

Eure Bewegung MuslimaPride ist als Antwort oder Reaktion auf Topless Jihad Day am 4. April entstanden. Warum habt ihr euch durch diese Aktion provoziert gefühlt?

Ulusoy: Ich glaube, dass eine Bewegung wie MuslimaPride nur eine Frage der Zeit war. Daher dürfen wir das Problem sicher nicht an Femen festmachen, auch wann das jetzt auf Grund der medialen Präsenz zum Anlass genommen wurde.
Dass aber muslimischen Frauen oft abgesprochen wird, dass sie nicht frei oder selbstbestimmt leben würden, ist ein generelles Problem, das wir in der Gesellschaft haben und vor allem nicht erst seit Femen. Daher glaube ich, dass sich bei Musliminnen schon länger viel angestaut hat, die ein ganz anderes Selbstverständnis haben, als es oft vermittelt wird. Gegen dieses generelle, oft negative Bild der muslimischen Frau haben wir uns gewendet.

Die Aktionen haben Sie also nicht provoziert? Sie waren ja dann doch der Anlass für die Entstehung von MuslimaPride oder?

Ulusoy: Nein, Provokation halte ich für ein falsches Wort. Wir haben die Aktion von Femen ehrlich gesagt auch nicht ganz ernst genommen. Ich glaube, dass man das auch nicht konnte, denn sie hat offenbart, dass die Frauen anscheinend nicht gut informiert sind. Wir haben uns daher eher gewundert. Das ist das richtigere Wort. Gewundert, warum eine Moschee gewählt wurde, statt die tunesische Botschaft. Gewundert, warum eine Moschee gewählt wurde, an der kaum Passanten vorüber gehen und die kaum eine Gemeinde hat. Gewundert, warum gerade eine Ahmadiyya-Moschee gewählt wurde, denn die Ahmadiyya werden schließlich selbst verfolgt und könnten Hilfe gebrauchen, statt Gegenwind. Entweder haben das die Femen-Damen nicht begriffen oder es war ihnen egal, da sie die Kulisse brauchten und ihnen auf Grund ihrer genialen Pressearbeit durch die Medien auch ohne Gemeinde oder Passanten genug Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

MuslimaPride hat sich aus diesem Paradox einen Spaß gemacht. Wir haben im Grunde eine Femen-Parodie gemacht: Selbe Kulisse, selbe Pose, aber andere Messages.
Und: Statt den Fotos, auf denen die Femen Damen über Zeune geklettert sind, um in die Moschee zu gelangen (was im Übrigen Hausfriedensbruch ist), haben wir Fotos vor offenen Toren geschossen. Denn wir und vor allem unsere Moscheen sind offen. Mit uns kann man reden. Man braucht nicht über uns reden.

Was sind nun eure Botschaften?

Ulusoy: Unsere Hauptbotschaft ist ganz klar, deutlich und universell: Denke noch einmal über dein Freiheitsverständnis nach!
Wir sind v.a. in Deutschland zu Recht stolz auf unsere Freiheit. Aber gestehen wir persönlich auch jedem seine Freiheit zu? Oder reicht unser Verständnis nur so weit, soweit das Freiheitsverständnis des Anderen unserem eigenen, persönlichen Freiheitsverständnis entspricht. Das ist unsere Botschaft: Gestehe jeder ihre Freiheit zu. Und mach die Freiheit anderer nicht von deinen persönlichen Ansichten abhängig. Freiheit für den Minirock, für die Krawatte, aber eben auch für das Kopftuch.

Brauchen „westliche“ Feministinnen “die unterdrückte Musliminnen“ um besser dazustehen?

Ulusoy: Ich möchte niemandem Böswilligkeit unterstellen. Ich glaube, dass viel Unwissenheit gegenüber der Muslima herrscht und viele “westliche” Feministinnen es tatsächlich gut meinen, wenn sie die Muslima “befreien” wollen. Das Bild der unterdrückten Muslima muss sich daher in den Köpfen ändern. Feministinnen muss außerdem klar werden, dass sie, in dem sie versuchen ihre Ansichten der Muslima aufzudrücken, eine Quelle des Drucks und der Fremdbestimmung erzeugen. Gut gemeint ist daher leider nicht gleich gut gemacht. Am Ende sitzen die muslimischen Frauen zwischen allen Stühlen und können es niemandem Recht machen. Aber das sollen sie auch gar nicht. Jeder soll so leben dürfen, wie er es für sich für richtig hält.

Seht ihr euch als feministische Bewegung? Was wäre Ihr persönliches Verständnis von Feminismus?

Ulusoy: Ich glaube, ich sehe mich persönlich nicht als Feministin. Ich würde sagen, dass ich für Freiheit kämpfe. Jede Form von Freiheit und Freiheit für jeden Menschen. Ich denke, ich würde mich als Freiheitskämpferin bezeichnen.
Wenn morgen Männer unterdrückt würden, würde ich mich genauso auch für sie einsetzen. Wie würde man das dann eigentlich nennen? Mannismus?

Und was bewegt Sie dazu diesen Kampf für die Freiheit zu führen?

Ulusoy: Anfangs habe ich mir damit einen Spaß erlaubt. Als ich allerdings gesehen habe, wie unsere Aktion ankommt, als ich die vielen Nachrichten von muslimischen Frauen erhielt, für die unsere Aktion wie ein Befreiungsschlag war, wurde aus dem “Spaß” ganz schnell Ernst. Ich habe begriffen, wie wichtig unsere Arbeit ist und das wir unbedingt weiter an unserer Botschaft arbeiten müssen.
Freiheitskämpferin war ich schon immer. Als kleines Kind habe ich begonnen, für die Freiheit meines eigenen Kopfes zu kämpfen. Ich habe immer bekommen, was ich wollte.
Heute sehe ich, wie privilegiert ich bin und glaube, dass ich der Gesellschaft etwas zurückgeben muss. Als Muslima sehe ich das als meine Pflicht an.


Zur Person: Betül Ulu­soy ist 24-jäh­rige Jura­stu­den­tin aus Ber­lin. Sie ist Gründerin der Mus­li­ma­Pride Bewe­gung, die am 05.​April ent­stand und täg­lich immer mehr Fans zählt.

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