Aus freiem Willen spenden und nicht aus Gruppendruck

Die ungekürzte Version meines Artikels in der Wiener Zeitung zum Missverständnis bei der Blutspendeaktion, bei der Linzer Muslime abgelehnt wurden.

Wien. Verwirrung, Empörung und Enttäuschung kamen bei den muslimischen Bürgern in Österreich auf, als eine Blutspendeaktion der Islamischen Religionsgemeinde am Dienstag vom Roten Kreuz in Linz bei einem Telefonat abgelehnt wurde. Die Ablehnung wurde im Nachhinein damit begründet, dass die medizinischen Leiter des Roten Kreuzes ein erhöhtes Vorkommen von Hepatitis-B-Antikörpern bei Menschen aus Südosteuropa verorten.

Linzer Muslime wollten Gutes tun, aber ihr Angebot wurde abgelehnt. „Die Entscheidung ist medizinisch fundiert. Hautfarbe, Religion und Nation spielen dabei keine Rolle. Das ist am Telefon vielleicht falsch angekommen und das tut uns leid“, sagt Stefan Neubauer, Sprecher des Roten Kreuzes. Die Grundaussage einer angeblich medizinisch fundierten Entscheidung führte zu einer Debatte: Warum sollte das Blut österreichischer Muslime nicht zu gebrauchen sein?

Christian Gabriel, medizinischer Leiter des Österreichischen Roten Kreuzes in Linz, sieht weitere Beweggründe für die Entscheidung der Ärztin. Seit vier Jahren würde das Österreichische Rote Kreuz Aktionen von Kulturvereinen generell nicht akzeptieren, da „wir ausschließen wollen, dass wir vereinnahmt werden. Einen Trachtenverein würden wir auch nicht annehmen.“ Das Rote Kreuz würde viel Wert darauf legen, dass die Spender freiwillig kommen und nicht aus Druck vom Verein. Dabei würde jeder Verein gleich behandelt werden. „Man hat schnell auf uns geschossen, wo wir peinlichst genau darauf achten, niemanden zu diskriminieren“, so Gabriel. Die Ärztin sei außerdem im Glauben gewesen, es handle sich um einen türkischen Verein. Der höheren Hepatitis-B-Prävalenz von über 40 Prozent bei einigen Blutspendeaktionen wäre ebenso für ihre Absage ausschlaggebend gewesen. Die Zentrale würde sehr stark darauf achten, Erkrankungen im Vorfeld zu verhindern. Gabriel ortet „einen Diskriminierungsvorwurf, den wir als solchen nicht akzeptieren können“.

Muslime machten gute Erfahrung mit Rotem Kreuz
www.mjoe.at
So oder so wurden österreichische Muslime mit Migranten aus Südosteuropa gleichgesetzt. Dabei handelt es sich doch um österreichische Muslime mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Viele von ihnen sind gebürtige Österreicher. Eine Organisation, die diese Vielfalt widerspiegelt, ist die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ). Sie haben mehrere Blutspendeaktionen mit dem Roten Kreuz durchgeführt und bisher andere Erfahrungen gemacht. Zuletzt bei der Hochwasserkatastrophe und beim Projekt „Fasten Teilen Helfen“. Tugba Seker, Geschäftsführerin der MJÖ, meint: „Unsere Zusammenarbeit hat gezeigt, dass der Rote Kreuz ein verlässlicher und kompetenter Partner ist, der Menschen hilft und die Hilfe aller Bürger erfreut annimmt ohne einen Unterschied zu machen.“ Bei all den gemeinsamen Kooperationen waren Mitarbeiter des Roten Kreuzes über die Teilnahme der jungen Menschen und ihr Engagement stets erfreut. Die Herkunft sei überhaupt kein Thema gewesen. Im Gegenteil. Auch Wirtschaftsstudent Shpend Doko hat ein anderes Bild, er hat an mehreren Blutspendeaktionen der MJÖ teilgenommen und ist irritiert: „Die Leute waren wirklich irrsinnig freundlich. Umso mehr irritiert es mich, dass man jetzt das Blut von Bürgern die ursprünglich aus „Südosteuropa“ kommen plötzlich nicht mehr nehmen kann.“ Obwohl medizinische Leiter des Roten Kreuzes eine diskriminierende Haltung völlig ausschließen, ist fraglich, warum die Islamische Religionsgemeinde in Linz ausschließlich mit Migranten aus Südosteuropa in Verbindung gebracht wird. Eine „muslimische Herkunft“ gebe es schließlich nicht. „Warum diese ewig gestrige, unsensibilisierte Beschreibung einer vermeintlich homogenen ausländischen Religionsgemeinschaft?“, fragt sich Rodain El-Batnigi, Ex-Vorsitzende der Bundesjugendvertretung auf Facebook.

Fuat Sanac, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich will das Ganze nicht so ernst nehmen. Die Aktion durchführen will er trotzdem. „Wenn jemand aus medizinischen Gründen nicht spenden kann, ist das kein Problem, aber pauschal alle Muslime abzulehnen ist rassistisch. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Muslime nicht vom Ausland gekommen sind sie sind hier geboren und aufgewachsen. Das ist die neue Generation. Daher ist so eine Behauptung absurd“.

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