„Die ausländische Dame“

…damit bin ich gemeint. Ja, ja, wer denn sonst. Und mit der ausländischen Dame kann man ja nicht sprechen. Die spricht ja höchstwahrscheinlich auch nur ausländisch. Deswegen spricht man einfach mit irgendwem anderen über die ausländische Dame.

Montagmorgen. Ich sitze im Zug. Es ist ziemlich warm. Verspätete Passagiere laufen hin und her und suchen nach einem freien Platz. Im ÖBB-Railjet nimmt sich jeder gerne zwei Plätze. Ist doch klar: die Tasche muss ja auch sitzen. Nicht da wo sie hingehört, sondern so nah wie möglich am Besitzer. Der beste Sitznachbar eben. Still und unkompliziert. So lege auch ich meine Tasche neben mir hin, eher unbewusst als bewusst mit der Intention, den Anschein zu erwecken, hier wäre schon besetzt.

…Dann kommt die lustige Frau mit dem Riesenhund. Man hört sie schon von Weitem kommen. Sie spricht laut. Mit ihrem Hund. „Wir sind ein Team. Du musst auf mich hören, damit es besser funktioniert zwischen uns.“ Sie kommt auf mich zu, blickt mich an, dreht sich um. Die zwei Plätze vor mir sind frei. Hier möchte sich die Dame mit der engen Jeans und den hohen Schuhen dem Anschein nach setzen. Sie wendet mir den Rücken zu und spricht mit dem Mann, der mir gegenüber auf der anderen Seite sitzt. „Kann ich mich daher setzen?“ „Ja klar“, sagt er. „Naja ich frage nur wegen der ausländischen Dame. Wissen Sie ich fahre jede Woche mit dem Zug. Mal hat der eine, eine Hundeallergie und der andere eine Religion. Da weiß man ja nie.“ Meine Reaktion: „Und wie wäre es, wenn sie die ausländische Dame selbst fragen?“ Darauf kam keine Reaktion, sondern beinharte Ignoranz. Oh ja. Das habe ich ja fast vergessen. Die ausländische Dame versteht nur ausländisch. Wenn man sie nicht verstehen will, versteht man sie eben nicht.

(c) Nermin Ismail

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