Kann jeder Deutsch-Sein?

Betül Ulusoy schreibt über die traurige Geschichte eines Freundes aus Cottbus in Deutschland und die Reaktion des Bundespräsidenten auf seine Geschichte. Ein Text über das Empfinden einer deutschen Aktivistin, über Alltagsrassismus, Islamophobie und Lichtblicke.
Betül Ulusoy mit Joachim Gauck
Betül Ulusoy mit Joachim Gauck

Am Montag war ich zu einer ganz wundervollen Freundin zum Fastenbrechen eingeladen – bis heute ist nämlich noch die Fastenzeit der Bahai – und wir hatten einen ganz wunderbaren, herzlichen und lustigen interreligiösen Abend mit vielen Gesprächen sprichwörtlich über Gott und die Welt. Es wurde spät und nach einem Abschieds-Selfie (natürlich!) wurde es dann leider doch sehr ernst und traurig, als ein Freund – es gibt selten so herzensgute Menschen auf dieser Welt – davon erzählte, was ihm vor einiger Zeit in Cottbus widerfahren ist.

Gestern Nachmittag hat dann #Bundespräsident Joachim #Gauck in einem Gespräch betont, dass jeder „deutsch sein“ könne, der es nur wollte. Prinzipiell mag das stimmen und dennoch kenne ich so viele, die so gern dazu gehören wollen, denen aber trotz aller Bemühungen immer wieder die Türen zur Gesellschaft(lichen Teilhabe) vor der Nase zugeschlagen werden. So einfach ist das nicht.

Mir fiel mein Freund erneut ein und seine Geschichte, die mich seit Montag nicht los lässt und ich beschloss, Herrn Gauck (und die anwesenden Journalisten) daran teilhaben zu lassen. Zumindest das schuldete ich ihm.

Er – H – wollte in Cottbus in den Bus steigen, um zur Uni zu fahren, zeigte sein Semesterticket vor, doch der Busfahrer meinte nur, er dürfe nicht einsteigen. Erst dachte H, es stimme etwas nicht mit seinem Ticket und zeigte ihn erneut vor. Doch der Busfahrer erwiderte: „Ausländer kommen in meinen Bus nicht rein. Ich fahre erst weiter, wenn du wieder aussteigst.“ Als sich H dennoch in den Bus setze, wurde der Motor ausgeschaltet. Anderthalb Minuten hielt er aus, danach ertrug er es nicht mehr, dass sich die anderen Fahrgäste darüber empörten, dass sie wegen ihm nicht weiterfahren konnten und stieg aus.

Der Bundespräsident und Frau Schadt waren schockiert: „Das gibt es doch nicht!“ – Doch, das gibt es sehr wohl, dachte ich und musste an meine Freundin denken, die in Berlin in einen Bus einsteigen wollte und zu hören bekam: „In meinen Bus kommt keiner mit Kopftuch rein!“ – Sie war total eingeschüchtert und bekam Angst. Es gibt viele derartiger Beispiele.

Am Montag waren wir super aufgebracht: „Hast du denn nichts unternommen dagegen? Bist du nicht zur Polizei gegangen?“
H war nicht zur Polizei gegangen. Mit der Polizei hatte er auch schon seine Erfahrungen gemacht in Cottbus. Also fuhr er mit seiner Geschichte fort und auch ich erzählte dem Bundespräsidenten weiter:

Ein mal gab es einen Konflikt in seinem Wohnhaus und er rief die Polizei. Es wurde auch schon mal ein Hakenkreuz an seine Hauswand gepinselt. Als die Polizei ankam, bekam H nur zu hören: „Gehen Sie doch zurück nach Hause, wenn es Ihnen hier nicht gefällt.“ H wollte sich dagegen wehren, ging zum Polizeichef. Dort wurde alles heruntergespielt: „Die Kollegen haben das nicht so gemeint.“ – Eine Anzeige wurde nie aufgenommen, geschweige denn bearbeitet.

Wenn ich derartiges höre oder erlebe, muss ich lachen, wenn mir jemand sagt, dass ich es doch eigentlich nur wollen muss, dass es leicht ist, als Teil akzeptiert zu werden, so als würden alle mit offenen Armen auf mich warten und ich müsste nur noch auf sie zu gehen.
Es ärgert mich, wenn Bundespräsidenten vom „Raum für Vielfalt“ reden und diesen Raum im zweiten Satz wieder einschränken.
Ich finde es unverständlich, dass sie Imame „Häuptlinge“ nennen und darauf angesprochen meinen, es wäre ein Witz gewesen. Das ist doch wirklich ein Witz.
Höchst problematisch finde ich strukturelle Diskriminierung im Sicherheitsapparat und staatlichen Behörden und wenn ein Bundespräsident nicht jede Gelegenheit nutzt, zB im Fall der NSU, diese aufs schärfste zu verurteilen.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Nein, natürlich ist nicht die gesamte Polizei rassistisch. Ich habe die tollsten Erfahrungen mit Polizisten gemacht. Aber es gibt sie. Genug.
Ja, es läuft auch so vieles so gut in diesem Land. Ich durfte gestern einige ganz wundervolle Verantwortliche dafür kennen lernen. Aber es gibt auch Dinge, die nicht so gut laufen. Genug. Und ich finde, auch die darf man nicht vergessen, wenn man mit dem Bundespräsident zu einer Art Fototermin verabredet ist. Nicht, weil man die Welt verändert, aber weil es immer wichtig ist, nicht lediglich weiß oder schwarz zu malen, sondern bunt. Die guten Dinge zu benennen, natürlich, aber auch die Enttäuschungen.

Ich bin dankbar für diese Erfahrungen. Dankbar, dass ich derartige Gespräche führen darf. Dankbar, so großartige, engagierte, eloquente Menschen kennen gelernt zu haben.

Und mindestens einen großen Lichtblick gab es gestern durchaus: Am Abend – Es gab einen musikalisch-literarischen Empfang im Schloss Bellevue (dazu muss ich den Bundespräsident und seine Mitarbeiter wirklich beglückwünschen und danken – es war großartig!) – kam eine der Teilnehmerinnen am Gespräch vom Nachmittag mit einem Zettel auf mich zu gestürmt: „Wir haben deinem Freund einen Brief geschrieben – Gibst du ihm das? Ein paar von uns haben darunter unterschrieben.“ – Ich war ehrlich gerührt. Was für eine schöne Geste.
„Wir wären demonstrativ mit dir aufgestanden und gegangen“, steht in dem Brief an H und: „Halt die Ohren steif!“

Einer ihrer Facebook-Freunde kommentierte die Geschichte mit folgenden Worten: „Wort wörtlich von einem Polizeipräsidenten einer deutschen Großstadt: „Man brauch sich nicht wundern, dass einige Kollegen Vorurteile haben. Die meisten haben ja berufsbedingt nur mit kriminellen Ausländern zu tun.“ Umso bewundernswerter, wenn Menschen wie Du, liebste Betül, nicht müde werden, nicht aufgeben und dem Frust keine Chance bieten, einen fertig zu machen. Denn wir brauchen Menschen wie Dich, die an einer schöneren, besseren Welt arbeiten. Oder, wie unser Bundespräsident in seiner Antrittsrede sagte: „Speziell zu den rechtsextremen Verächtern unserer Demokratie sagen wir mit aller Deutlichkeit: Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich.“

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