Zeit für die Islamstunde

Von Nermin Ismail

Wien. Jahrelang haben die Lehrer für den islamischen Religionsunterricht in Österreich mit unprofessionellen Materialien gearbeitet. Amena Shakir wollte das ändern. Die Germanistin und Religionspädagogin war von der Notwendigkeit kompetenzorientierter und zeitgemäßer Religionsbücher überzeugt und initiierte das Schulbuchprojekt „Islamstunde“. Seit diesem Jahr werden die Bücher in Österreichs Volksschulen verwendet. Mit der „Wiener Zeitung“ sprach Shakir über Diversität, Heimatgefühl und den Generalverdacht, unter dem Religionsbücher stehen.

„Wiener Zeitung“: Wie ist die Idee zustande gekommen, endlich neue Religionsbücher für den Islamunterricht auf den Markt zu bringen?

Amena Shakir:Die Idee besteht schon sehr lange in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich und viele Lehrer haben auch schon vorher sehr schöne Arbeitsblätter für den Islamischen Religionsunterricht erstellt. Neu ist, dass es sich bei der Islamstunde um die systematische Umsetzung eines bekenntnis- und kompetenzorientierten islamischen Religionsunterrichtes handelt.


Amena Shakir hat eine neue Reihe Religionsbücher für den heimischen Islam-Unterricht herausgebracht

Immer wieder wurde in der Vergangenheit kritisiert, dass bislang die Religionsbücher für den Islam-Unterricht veraltet seien. Warum hat es so lange gedauert, bis man das geändert hat?

Weil das eine sehr große Aufgabe ist, die nicht von einer Einzelperson umgesetzt werden kann. Es gibt zwar seit über 30 Jahren einen bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Österreich, allerdings mussten hierzu die passenden Unterrichtsmaterialien erstellt werden. Die Irpa (Islamisch religionspädagogische Akademie, Anm.) als Ausbildungsstätte für islamische Religionslehrer hat hier natürlich die besten Voraussetzungen, ein solches Projekt umzusetzen: indem Professoren, die seit Jahren in der Lehrerausbildung tätig sind, Pädagogen und Theologen, an den Büchern mitgewirkt haben, aber auch Studierende mit Lehrerfahrung eingebunden wurden.

Was waren die größten Herausforderungen bei dem Projekt?

Die größte Herausforderung besteht in der Beantwortung der Frage, wie ein zeitgemäßer, kontextorientierter und dennoch authentischer islamischer Religionsunterricht gestaltet werden sollte. Was sollten seine Ziele sein? Welche Methoden sollten dafür eingesetzt werden?

Im Buch sind ganz unterschiedliche Menschen zu sehen. Sie stammen aus verschiedenen Herkunftsländern. Manche Mädchen tragen ein Kopftuch, manche nicht. Ist die Diversität Absicht?

Wir möchten in den Büchern die Vielfalt der Musliminnen und Muslime in Österreich so zeigen, dass sich alle Kinder in den Büchern wiederfinden können. So haben wir im Buch Kinder mit türkischem, bosnischem und arabischem Migrationshintergrund, aber auch österreichische Kinder dargestellt. Weiterhin geben wir auch die Möglichkeit, dass in manchen Bereichen verschiedene Meinungen innerhalb des Islams als richtige akzeptiert werden.

Was heißt das?

Das Besondere am islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ist, dass die Schüler – außer ihrem Bekenntnis zum Islam und dem in der Regel Beherrschen der deutschen Sprache – kaum etwas gemeinsam haben. Sie sind geprägt durch unterschiedliche Herkunftsländer der Eltern oder Großeltern und durch unterschiedliche kulturelle Einflüsse, aber oft auch durch unterschiedliche Rechtsschulen des Islams. Es besteht ja in gewissen Zusammenhängen innerhalb der islamischen Religion ein Spielraum an Interpretationen, die alle richtig sind. Der Religionsunterricht an der Schule bietet die Möglichkeit, diese Vielfalt innerhalb des Islams sichtbar zu machen und positiv zu deuten.

Die Bücher der „Islamstunde“ sind die ersten kompetenz- sowie bekenntnisorientierten Religionsbücher. Was erhoffen Sie sich davon?

Wir hoffen, dass solche Bücher langfristig die Qualität des islamischen Religionsunterrichtes hierzulande heben. Am Ende geht es darum, dass die Schüler einen Religionsunterricht haben, bei dem sie sich angesprochen fühlen, der sie interessiert und der ihre eigene Lebenswelt und Wirklichkeit thematisiert. Er soll ihre Gedanken und Sorgen ernst nehmen und sie in ihrer Sinnfindung unterstützen. Er soll ihnen helfen, die Frage zu beantworten, was es heißt, als Muslim in Österreich und in Europa zu leben.

Ist das die Hauptbotschaft, die Sie mit den Büchern transportieren wollen?

Die Hauptbotschaft ist, dass Muslimsein und Österreichsein keinen Widerspruch darstellen. Im Gegenteil, als muslimische Österreicher müssen junge Menschen überlegen, welchen Beitrag sie in der Gesellschaft leisten möchten. Welche Werte möchten sie leben? Wie soll das Zusammenleben gestaltet sein? Was können Sie zum Frieden in der Gesellschaft und zu einem besseren Miteinander beitragen? Welche islamischen Werte sind bedeutsam für sie und wie wollen sie diese in ihrem Leben integrieren? Welche Verantwortung tragen sie als Muslime in einer Welt, die von Umweltzerstörung, Armut und Kriegen bedroht wird – besonders, wenn sie selber vielleicht nicht betroffen sind?

Wie wird dieses Heimatgefühl vermittelt?
Im Buch gibt es zahlreiche Bezüge zur österreichischen Identität, etwa wenn das Wandern und das Skifahren in den Bergen dargestellt oder wenn in einem Rap über das Leben in Österreich nachgedacht wird. Auch Bezüge zu österreichischen Spezialitäten finden sich in der Islamstunde.

Religionsbücher stehen generell unter dem Verdacht, zu missionieren bzw. bekehren zu wollen. Was sagen Sie dazu? Wie ist das mit diesen Büchern? Wollen Sie die Kinder bekehren?

Die Zeiten, in denen Religionsunterricht an der öffentlichen Schule einen rein belehrenden Charakter hatte, sind längst vorbei – das würde auch keine Schülerin und kein Schüler freiwillig über sich ergehen lassen. Im Gegenteil sehe ich den Religionsunterricht, von dem sich jede Schülerin und jeder Schüler einfach abmelden kann, viel stärker als jeden anderen Unterricht gefordert, sinnvolle und lebensweltbezogene Fragestellungen zu thematisieren und einen Raum zu bieten, diese auch zu diskutieren.

Zum Buch:
Islamstunde
Leja und Emre führen durch das erste Buch der „Islamstunde“. An ihrem ersten Schultag erleben sie vieles. In ihrer Klasse sitzen im Islamunterricht blonde Mädchen, braunhaarige Burschen und ein Mädchen mit Kopftuch. Vielfalt wird in den Büchern großgeschrieben: Da findet sich ein Bursche im Rollstuhl, ein Mädchen mit rotem Kopftuch, eines mit einer Perlenkette, ein rundlicher Junge, etc. Die Klassengemeinschaft und Freundschaft der Kinder untereinander sind wichtige Themen.

In der „Islamstunde“ Teil zwei sind es Yusuf und Hannah, die gleich auf der ersten Seite grüßen und sich ankündigen. Yusuf hat schwarze lockige Haare, dunklere Haut, Hannah ist blond und hellhäutig. Gemeinsam lernen sie die Moschee kennen, erfahren Neues, interviewen den Imam, lernen den Fastenmonat Ramadan kennen und feiern das Zuckerfest.

In den letzten zwei Jahren ihrer Volksschulzeit werden die Kinder sichtlich älter, die Bücher werden eine Spur dicker, die Texte mehr. Sie lernen über andere Religionen, diskutieren über Armut und ihre Verantwortung der Umwelt und ihrer Mitmenschen gegenüber. Durch iPhones, Computer und Bücher lernen sie über ihre Religion, berichten vom Urlaub, möchten bessere Menschen sein. Lückentexte, persönlicher Kalender für besondere Momente, Lieder zum Mitsingen und Fragen zum Nachdenken sollen die Islamstunde spannend machen und die Schüler fordern.

Zur Person:


Amena Shakir ist Germanistin, Religionspädagogin und Leiterin des Privaten Studiengangs für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen. Sie ist Mitinitiatorin des Buchprojekts und hat die Bücher „Islamstunde“ im Auftrag der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) herausgegeben.

Dieses Interview ist am 25.03.2014 in der Wiener Zeitung erschienen.

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