„Die Einheit der Verschiedenen“ – Ein Statement

Für die einen ist es gelebte Realität für die anderen der pure Alptraum. Diskussionen rund um die Frage: „Gehört der Islam zu Österreich/Deutschland?“ erregen die Gemüter. Muslime werden meist fremdverortet und als temporäre Gäste geduldet. Sie werden gerne als Sündenbock oder Sozialschmarotzer abgestempelt. Dabei sind Menschen mit Migrationshintergrund eine tragende Säule der nationalen Wirtschaft und ein nicht unbedeutender Teil der Gesellschaft. Selten kam ein Zuspruch von der Politik, eine Anerkennung. Nicht nur in Deutschland machte Thilo Sarrazin Schlagzeilen mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“, sondern europaweit. Ab und zu gibt es doch ein Signum der Wertschätzung. Nämlich dann, wenn Politiker erkennen, dass auch in Muslimen eine potentielle Wählerschaft steckt. Aber auch dann, wenn ein Staatsoberhaupt ein Ausdruck der Achtung für unerlässlich erklärt und sich Zeit für eine von vielen Communities nimmt.

(c) Fritz Radinger

Selfie mit einer muslimischen Studentin

Eine gemeinsame Verantwortung

Staatsoberhaupt Heinz Fischer besuchte islamische Religionslehrer in spe in ihrer Ausbildungsstätte (Hochschulstudiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen (IRPA) in Wien-Liesing). Er betonte im Austausch mit Studierenden, DozentInnen, Direktorin und Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, dass ein friedliches Zusammenleben eine Auseinandersetzung mit dem vermeintlich Anderen voraussetzt. Dies sei eine gemeinsame Verantwortung, so Fischer. Amena Shakir, Leiterin der Hochschule, unterstrich wie einzigartig diese Bildungseinrichtungin ganz Europa ist und lobte den Besuch des Staatsoberhauptes. Gemeinsam wurde über die Zukunft des Religionsunterrichtes, die Schulreform und die Erwartungen zukünftiger islamischer Religionslehrender debattiert. Fischer setzte mit diesem Besuch ein Zeichen der Anerkennung der österreichischen Muslime und bekundete seinen Respekt. Er hängte sich eine Tasche mit dem Irpa- Logo um und stand lächelnd da. Fischer, in seinem staatsmännischen Manier, hinterließ einen positiven Eindruck. Er drückte mit seinem Besuch aus: Ihr Muslime seid ein Teil Österreichs und eure Leistungen sind wichtig. Er machte ein Statement. Eine einzigartige Gelegenheit? Ein Anlass um ein Blick nach Deutschland zu werfen.

„Ein neues deutsches Wir“

Heute nutzte der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck die Gelegenheit der Einbürgerungsfeier anlässlich 65 Jahre Grundgesetz , um aufzurufen:

„Das darf nicht sein. Hören wir auf, von „wir“ und „denen“ zu reden. Es gibt ein neues deutsches „Wir“, die Einheit der Verschiedenen. Und dazu gehören Sie genauso selbstverständlich wie ich.“

Angelehnt an Sarrazins These vom Untergang des deutschen Volkes und der Bedrohung der Islamisierung, titelt die Welt: „Wir schaffen uns nicht ab, wir schaffen uns neu“. Deutschland ist erwachsen geworden und sieht ein, es geht nicht um Zuwanderung, sondern um Einwanderung. Denn schließlich kommen nicht nur Fremde hinzu, sondern sie gehören dazu.

„Als längst klar war, dass viele bleiben würden, hieß es noch lange, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Diese Haltung ist weitgehend überwunden – zum Glück, denn sie hat denen, die dazugehören wollten, Beheimatung und Teilhabe erschwert, und sie hat der aufnehmenden Gesellschaft die Illusion erlaubt, sie müsse sich nicht gleichfalls verändern“, so Gauck.

http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2014/05/140522-Einbuergerung-Integration.html

Schloss Bellevue, 22. Mai 2014

Die Einwanderung stellt einen Prozess dar, in dem ein „neues deutsches Wir“ entsteht. Ein Prozess geprägt durch Veränderung und Dynamik. Dabei sind es nicht (nur) die Einwanderer, diejenigen die ihr Leben und auch sich selbst in Bewegung setzen, sondern auch die Einheimischen. An die richtete schon Christian Wulff vier Jahre zuvor folgende Worte:

„Deutschland – mit seinen Verbindungen in alle Welt – muss offen sein gegenüber denen, die aus allen Teilen der Welt zu uns kommen. Deutschland braucht sie!“

Damit setzt er ein Ende der These, die lange Zeit aus den Reihen der beiden Volksparteien kam und besagte, Deutschland sei kein Einwanderungsland. „Das Boot ist voll“, wie Willy Brandt mal sagte, gilt nicht mehr. Auch die Lebenslüge des rosigen Multikulturalismus, das sich auf das Folkloristische beschränkte und so gut wie nur durch die rosa-rote Brille die Welt betrachtete, ist nun passé. Ein „neues Wir“ verlangt mehr als Döner und Brezen.

Das Ringen um Respekt und Teilhabe

Jede/r kann Deutsche/r sein. Gauck hat zwar weder Bezug auf die Feststellung seines Vörgangers Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, genommen, noch habe er Religionen genannt, doch vertritt er einen aufgeklärten Multikulturalismus. Hier wird die Vielfalt als Bereicherung empfunden. Der Wandel der Gesellschaft rufe unterschiedliche Reaktionen hervor, so Gauck. Dabei können die Begleiterscheinungen der Einwanderungsgesellschaft nicht allen gefallen, was auch verständlich sei.

„Das eigene Stadtviertel verändert sich. Nachbarn sprechen fremde Sprachen, haben andere Lebensgewohnheiten und Religionen. Ja, manche fürchten gar, ihr Heimatgefühl zu verlieren.“

Gauck schreckt nicht ab über Probleme zu sprechen, sie zu benennen. Das deutsche Staatsoberhaupt sieht Ghettobildung, Jugendkriminalität, patriarchalische Weltbilder, Homophobie, Sozialhilfekarrieren und Schulschwänzer als klare Herausforderungen dieser Zeit.

„Ja, es gibt Familien, deren Mitglieder Dauergäste bei Polizei und Justiz sind. Ja, es gibt Milieus, in denen die Hinwendung zur Religion zur Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft führt. Ja, es gibt Einwanderer, die Antisemitismus mitbringen. Ja, es gibt Familien, in denen die Rechte von Frauen und Mädchen missachtet werden.“

Diese Konflikte sollen benannt werden und ausgetragen, um gelöst werden zu können. In dieser Welt der Migration und in einem Europa der Freizügigkeit, kann es keine Abschottung geben. Der Bundespräsident macht deutlich: Deutschland gehört uns allen. Denn wir werden dafür sorgen, dass alle, die hier Leben Deutschland als „unser Land“ bezeichnen können.

„Dieses, unser Land ist heute, und es ist auch mit Ihrer Ankunft in der Staatsbürgerschaft, nicht vollendet und nicht perfekt. Nach Ihnen werden andere Menschen zu uns kommen wollen. Und es wird weiter Reibung geben und Annäherung. Und Sie werden dann zu den Alteingesessenen gehören und werden, zusammen mit meinen Kindern, neu um Toleranz, Respekt und Teilhabe ringen. In einer offenen Gesellschaft sind es auch die Kontroversen, die zu neuen Normalitäten führen.“

Mit diesen Worten beendet Gauck seine Rede und mit diesen Worten fängt für einige das neue Leben als Deutsche an.

(c) Fritz Radinger

Das Geschenk: Ein kalligraphisches Kunstwerk mit dem Zitat „Gerechtigkeit ist die Grundlage gerechter Herrschaft“.

 

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