Jetzt oder nie | Wozu warten?

Erinnerungen an Frau Prof. Widhalm-Kupferschmid, Gedanken zu ihrem Tod und daraus gewonnene Erkenntnisse.


 

 

Dauernd muss ich daran zurückdenken, wie ich mit meiner Freundin Briefe im Unterricht geschrieben habe. Plötzlich wurde ich aufgerufen: „Nermin, bitte!“ Die Kunst lag nun darin, in wenigen Sekunden herauszufinden, wo wir stehengeblieben sind und dort anzusetzen ohne, dass die Professorin merkt, dass ich die letzten Minuten geistig woanders verweilte. Irgendwer flüsterte mir von der hinteren Reihe die ersten Wörter im Satz zu: „Verum ego hoc“ Ich nahm sie rapide auf, scannte den Text und los gings: „Verum ego hoc, quod iam pridem factum esse oportuit, certa de causa nondum adducor, ut faciam.“ Es hat funktioniert, ich konnte den Satz übersetzen. Hin und wieder fiel mir die Bedeutung eines Wortes nicht ein oder ich habe den Fall verwechselt bzw. verfehlt. Widhalm, meine engagierte Lateinprofessorin, war immer verständnisvoll. Ab und zu schrie sie, aber ehrlich, wer tut das nicht. Sie liebte die lateinische Sprache. Wir nahmen an, sie hätte alle lateinischen Texte auswendig gelernt. Aber sie war immer lieb, nie unhöflich oder gar taktlos. Sie war eine gute Lehrerin, die ein Mensch geblieben war. Auf der Reise mit ihr nach Rom, lernten wir auch die religiöse Frau in ihr kennen. Als ich vor einigen Jahren maturierte, nahm ich mir vor, sie zu besuchen. Immer wieder fasste ich innerlich die Absicht, bei ihr vorbeizuschauen. Im Gegensatz zu einigen anderen Lehrern, die ich am liebsten nie wieder sehen wollte, blieb sie mir immer in guter Erinnerung. Vorgestern erfuhr ich von ihrem Tod.

 

Auf der Romreise im Maturajahr

Eine Entscheidung im Leben
Ich habe es immer wieder aufgeschoben. Ich habe gewartet und gewartet. Keine Ahnung worauf. Vielleicht darauf, dass während ich zum nächsten Termin eile, mir unerwartet auf der Strasse ein Korb vom Himmel auf meinem Kopf faellt. Langsam taste ich mich heran und finde darin, genau das was ich brauche: alle Zeit der Welt, um alles zu tun, was ich so ständig aufschiebe. Ich wollte sie besuchen, aber ihr Tod hat nicht gewartet. Die Zeit ist da, nur wir sehen sie nicht, wir nehmen sie nicht wahr. Wir sind geblendet von Sachen, von denen wir glauben, dass sie die absolut Wichtigsten im Leben sind. Wir schieben Sachen auf. Ins Ungewisse. Und wir sind dann schockiert, wenn unsere Pläne, die ja Keine sind, nicht aufgehen. Der perfekte Zeitpunkt, um das zu tun, was du immer schon tun wolltest, ist jetzt. Es gibt keinen Grund zu warten. Es ist eine Entscheidung, entweder will man leben und entscheidet sich dafür oder man wartet darauf zu leben und lebt wahrscheinlich nie. Schlussendlich schieben wir nämlich nicht bestimmte Ereignisse ins Ungewisse, sondern wir schieben unser gesamtes Leben auf.

Warte nicht!
Wir haben alle unsere Baustellen im Leben. Die Eine will unbedingt ausziehen, ist nicht zufrieden in ihrer Wohngemeinschaft, die Andere hält es in der Arbeit nicht aus. Sie warten, denken es wird wohl von selbst besser werden. Der Dritte möchte jemanden ansprechen und traut sich nicht, er denkt, der richtige Zeitpunkt sei nicht gekommen. Er wartet. Sie alle wissen, dass sich nichts ändern wird, wenn sie sich nicht bewegen und doch tun sie es nicht. Aus Gewohnheit? Aus Faulheit? Aus Angst? Warum auch immer. Sie alle machen aber dasselbe: sie warten. Doch spätestens dann, wenn sie sich die Frage stellen, worauf sie warten, werden sie merken, dass es nichts gibt, worauf man warten kann. Sie werden erkennen, dass sie gehemmt sind, dass sie sich vielleicht fürchten oder dass sie sich nicht trauen. Manche Menschen haben ihr Leben wartend verbracht und haben erkannt, dass sie somit ihr Leben verschwendet haben. Wenn du unzufrieden bist in der Arbeit, weil du dich nicht entfalten kannst, suche eine andere. Wenn du nicht mehr in dieser Wohnung verweilen willst, weil es dir nicht gut tut, schau dich nach anderen Optionen um. Und wenn du jemanden ansprechen willst, dann tu´s doch einfach. Warte nicht, denn das Leben ist kein Wartezimmer. Ein Vers im Koran fällt mir in diesem Zusammenhang immer wieder ein: „وَقُلِ اعْمَلُوا فَسَيَرَى اللَّـهُ عَمَلَكُمْ“ (Koran 9:105; Zu Deutsch: „Und sprich, handelt! Gott wird eure Handlung sehen.“ Es ist ein Aufruf, etwas zu tun und eine Motivation, denn das was wir tun, ist nicht unwichtig. Es wird gesehen und geschätzt. Unsere Handlungen bestimmen unser Leben, unser Sein. In einer anderen Sure heißt es: كَبُرَ مَقْتًا عِندَ اللَّـهِ أَن تَقُولُوا مَا لَا تَفْعَلُونَ (Koran 61:3; Zu Deutsch: „Allah mag nicht, dass ihr sagt, was ihr nicht tut“). Deswegen tut doch endlich, was ihr tun könnt! Lasst euer Wissen Früchte tragen!

Hört auf zu warten. Wartet nicht auf den perfekten Moment oder den perfekten Mann/die perfekte Frau, was es ohnehin nicht gibt. Jeder ist der „Master“ seines Lebens. Jeder weiß ganz genau, wo die Baustellen seines Daseins sind und wo die innersten Wünsche liegen. Pack´s an, denn wenn nicht du es machst, macht es keiner und dein Leben bleibt eine Baustelle. Lasse es nicht zu, dass du auf dein Leben zurückblickst und dir denkst, warum um Gottes Willen habe ich es nicht getan? Dann wirst du nämlich nicht an die ganzen Hindernisse denken, die du dir selbst in den Weg stellst, sondern wirst es nur bereuen, es nicht probiert zu haben.

Ein Dank
Ich danke Wilhelmine Wiedhalm-Kupferschmied dafür, ein Mensch gewesen zu sein. Und vor allem danke ich ihr dafür, dass sie als die gerechteste aller LehrerInnen in meiner Erinnerung verbleibt, sodass ich mir an ihr ein Vorbild nehmen kann. Auch, wenn ich es nicht mehr geschafft habe, sie zu sehen und ihr damit eine Freude zu bereiten, hat sie in ihrem Leben und mit ihrem Tod viel Gutes in meinem Leben bewirkt. „Ein Danke dir, liebe Frau Professor, dass ich vielleicht niemals ausgesprochen habe und dass du nicht mehr hören kannst. Ein Danke für diese Erinnerung und ein Danke für diese Lehre für das Leben, die ich durch deinen Tod zu spüren bekam.“

 

 

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