Mitschwimmen um jeden Preis

„Wenn du nicht kommst, haben alle umsonst trainiert“, sagt die junge Lehrerin ihrer Schülerin. Sie will sie ja nicht überreden, sondern ihr nur klarmachen: „Es ist doch ganz egal ob du in dem Ding oder im Badeanzug schwimmst.“ Das muss die Schülerin verstehen und sie soll sich gefälligst anpassen, nicht so stur sein. Ilayda Demirel will im Burkini (Gankörperbadeanzug) schwimmen. „Ich mache das nicht. Ich schwimme nicht im Badeanzug vor all den Leuten und all den Kameras“, sagt sie überzeugt.

Gerade eben, kurz vor dem Schwimmen erfährt sie, dass es doch nicht möglich ist im Burkini zu schwimmen. Sie steht vor der Entscheidung, entweder schwimmt sie im Badeanzug oder sie macht gar nicht beim Rennen mit. Wenn sie hartnäckig bleibt und darauf besteht in der Kleidung zu schwimmen, in der sie schwimmen will, ist ihr ganzes Team disqualifiziert. Ilayda scheint entschlossen zu sein, ihre Lehrerin gibt auf, überlässt ihr die Entscheidung und geht raus, um zu verkünden: Ilayda macht nicht mit. „Scheiße“, klagt ihr Team-Kollege erzürnt. Alle scheinen enttäuscht zu sein: „Nur wegen ihr können wir alle nicht mitmachen“, müssten sie sich gedacht haben. Und plötzlich setzt die fröhliche Musik ein, Ilayda erscheint unerwartet – im Badeanzug. Alle sind glücklich und zufrieden, nur sie scheint es nicht zu sein. Ilayda hat sich angepasst.

Selen Savas, Emily Cox, Die Freischwimmerin © MDR/Petro Domenigg

Anpassen angesagt

Was ist nun die Aussage aus dieser zentralen Stelle im Film? Ilayda wollte sich dem Druck nicht beugen und ihren Werten treu bleiben, aber sie tat es doch. Die Lehrerin und der Direktor versuchten mit dem für den Wettbewerbs- Zuständigen zu sprechen, der jedoch will keine Ausnahme machen: „Die Burschen schwimmen in Shorts, die Mädchen in Badeanzügen. Aus.“ Schließlich macht er das hier seit zehn Jahren und es habe nie Probleme gegeben. Es gibt nun mal Spielregeln, will er klarmachen. Passt du dich nicht an und zeigst mehr von deinem Körper, als dir lieb ist, bist du disqualifiziert. Doch sind das die Spielregeln eines Zusammenlebens in Diversität? Martha, die engagierte Lehrerin, erklärt sie habe mit der Sekretärin gesprochen und diese meinte, Ilayda dürfe im Burkini schwimmen. Doch vergeblich, der Typ lässt sich nicht darauf ein, schaltet auf stur, steht verärgert auf und geht. Der Einsatz der Lehrerin und des Direktors sind wertvoll, schließlich geht es um ihre Schülerin, doch der ist nicht von Dauer. Schnell geben sie auf und der Druck wandert zur Schülerin über. Ich frage mich hier, hätte die Lehrerin diese Sekretärin nicht anrufen können? Hätte der Direktor nicht mehr machen können, als zu sagen das sei diskriminierend und dann machtlos daneben zu stehen. „Warum sollen wir eine Ausnahme machen, soll die Schülerin sich doch anpassen“, müsste er sich gedacht haben.

Die Freischwimmerin

Selen Savas, Die Freischwimmerin © MDR/Petro Domenigg

Bitte mitschwimmen

Außerdem warum hat Ilaydas Team kein Interesse an ihrem Wohlgefühl und interessiert sich tatsächlich nur für das Gewinnen. In diesem Moment zählte nichts anderes als das Mitmachen. Ilayda passt sich an, um mitzuschwimmen. „Sie ist ein Schwan, der sich selbst zum hässlichen Entlein gemacht hat.“ Das schreibt Elmar Krekeler in „Die Welt“ über Ilayda. In der Filmbeschreibung steht, sie hätte sich ihre Ausgrenzung selbst gewählt. Warum? Entscheidet sie sich für ein selbstbestimmtes Leben, entscheidet sie sich für das Kopftuch, so ist sie automatisch ausgegrenzt. Und daran wäre nur sie Schuld, denn sie wählt es selbst aus. Nein sie wurde nicht gezwungen oder unterdrückt, sie selbst will es so. In diesem Fall ist es die Schule, die zur Quelle des Drucks wird und sie dazu zwingt etwas zu machen, was sie nicht machen will. Ein Schwan, der sich selbst zum hässlichen Entlein gemacht hat, so wird sie beschrieben. Dass ein Mädchen sich für eine bestimmte Lebensform entscheidet, die anscheinend nicht gefällt, wird nicht akzeptiert, denn sie grenzt sich selbst damit aus. Aber zu akzeptieren, dass dieses Mädchen sich so kleiden will, das will keiner, obwohl auch der Lehrerin bewusst ist, dass ein Burkini genauso zum Schwimmen geeignet ist wie ein Badeanzug. Wie dem auch sei: Von ihr wird erwartet mitzumachen, mitzuschwimmen und ja nicht anders zu sein. Will sie anders sein, will sie im Burkini schwimmen, kann sie nicht dazu gehören, wird sie nicht zugelassen, grenzt sie sich aus und bleibt ein hässliches Entlein. Sie ist die Freischwimmerin, weil sie sich äußerlich von ihrer Kleidung befreit, innerlich jedoch sich dem Druck der anderen ergibt und sich fremdbestimmen lässt. Die Gesellschaft entscheidet also darüber wer frei ist und wer nicht. Ilayda zieht sich aus, um nicht ausgeschlossen zu werden, wider Willen. Und das ist die Botschaft des Filmes der gelungenen Integration: Ihr habt euch anzupassen. Ihr habt mitzuschwimmen.

Kein Platz für Vielfalt

Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund geraten in ihrem Prozess der Identitätsfindung ins Schwimmen. Verheerend finde ich, dass hier öffentlich-rechtliche Sender ihren Bildungsauftrag grob missachten. Es wird vermittelt, dass es für Vielfalt keinen Platz gibt, wer mitschwimmen will, muss seine eigenen Werte komplett ablegen und im wahrsten Sinne des Wortes mitschwimmen. Ob das Mädchen will oder nicht, sie muss den Burkini ablegen, um mitschwimmen zu dürfen, um sich erst recht nicht auszugrenzen. Ilayda ist eine engagierte Jugendliche und ein Symbol vieler Jugendlichen in Österreich, die durch Leistung partizipieren wollen. In diesem Film wird aber klar gezeigt, dass sie sich assimilieren muss, denn sonst bleibt ihr jede Anerkennung verwehrt.

Dieser Text ist in M-Media, im deutschen MiGAZIN und im Online-Standard erschienen.

2 Comments Mitschwimmen um jeden Preis

  1. Chadidscha

    Salam und danke für diese treffende Kritik.

    Was mich auch störte an diesem Film war, dass der Schleier gar nichts mit Religion zu tun hatte sondern „nur“ mit dem Tod des Vaters. Das scheint den Leuten weniger suspekt zu sein als ein Glaube…

    Überhaupt – eigentlich war das doch nur eine seichte Story, das Kopftuch mitsamt seinen Klischees nicht mehr als ein Quoten bringendes Accessoire.

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  2. Ryan Hennawi

    Während der Betrachtung des Films war ich anfangs positiv überrascht, da er Möglichkeiten zur eigenen Entfaltung trotz Diversität aufzuzeigen schien. Umso enttäuschter war ich, als das ganze in ein Happy-„Pass-dich-an“-End mündete…
    mMn kippte die (zu Beginn gute) Message bei der Szene, als die Teilnahme des Schwimmteams von Ilayda und nicht vom Schwimmrichter abhängig gemacht wird (im Artikel gut beschrieben). Die Absage des Schwimmrichters hätte man ausschlachten und ein Politikum daraus machen können; Die Teamkameraden hätten sich solidarisieren und das Staffelschwimmen boykottieren sollen, die Schule im Anschluss klagen (hatte die Lehrerin im Vorfeld nicht die Auskunft bekommen, dass es möglich sei mit Burkini teilzunehmen?)
    Es ist absurd, im Alltag (als Mauerblümchen) Kopftuch zu tragen, um sich im Rampenlicht zu entblößen. Ob die Tatsache, dass sie das Kopftuch „für ihren Vater“ trägt, das Ganze relativiert oder noch schlimmer macht – ich bin mir nicht sicher. Dass das Schwimmteam am Ende Badetücher zu Kopftüchern umfunktioniert, wirkt aber weniger wie eine nette Geste denn wie Hohn.

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