„Nach den Sternen greifen“

Lehrende und Technikerin Dilek Yücel als Vorbild für muslimische Frauen in der Arbeitswelt*

Dilek Yücel (rechts) und ihre Mentorin Brigitte Ratzer. - © Asma Aiad

Dilek Yücel (rechts) und ihre Mentorin Brigitte Ratzer. © Asma Aiad

Wien. Dilek Yücel hat es als türkischstämmige IT-Spezialistin geschafft, in einer männerdominierten Arbeitswelt erfolgreich Fuß zu fassen. Sie studierte medizinische Informatik an der Technischen Universität Wien und kam über das Projekt „Teach for Austria“ zum Unterrichten in eine Mittelschule. Die Lehrerin ist technikbegeistert und hat im Rahmen des Mentoring-Projekts der Muslimischen Jugend Österreich ihre Passion für die Technik wiederentdeckt. Sie referiert an Hochschulen zum Thema „Transkulturalität und Diversity“ und doziert am privaten Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen in Wien. Ihr Motto: „Gemeinsam für eine bessere Zukunft!“

 

„Wiener Zeitung“: Beim Mentoring-Projekt unterstützen Frauen in führenden Positionen junge muslimische Akademikerinnen. Geht es lediglich darum, ein Steigeisen für Frauen zu sein, oder steckt mehr dahinter?

Dilek Yücel: Beim Mentoring geht es um das Lernen aus Erfahrungen einer Expertin und um intensiven Austausch. Es geht darum, eine erfahrene Begleiterin zu haben, die man um Rat fragen kann, die Hinweise und praktische Tipps für die Karrieregestaltung gibt und auch die richtigen Kontakte in der Berufswelt vermittelt.

Warum ist dieser Einblick in die Arbeitswelt von Top-Frauen aus Wirtschaft und Wissenschaft so wichtig für anstrebende Führungskräfte?

Weil sie es bereits geschafft haben und Vorbilder für andere Frauen sind. Beispielsweise war mir die Kenntnis darüber, wie diese überaus starken und beschäftigten Frauen es schaffen, Privatleben und Karriere unter einen Hut zu bringen, sehr lehrreich. Karriere machen bedeutet nicht, dass man auf ein Privatleben verzichten muss. Darüber hinaus war es interessant für mich zu sehen, wie männerdominiert die unterschiedlichen Felder sind. Je höher man steigen will, umso stärker muss man sein. Man braucht einen starken Willen und darf die eigenen Werte und Visionen nicht aufgeben.

Wer war Ihre Mentorin und was haben Sie von ihr gelernt?

Ich möchte nicht „war“ sagen, denn wir haben vor, weiterhin in Kontakt zu bleiben. Meine Mentorin ist Brigitte Ratzer, die Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenförderung und Gender Studies an der TU Wien. Zu meiner Überraschung habe ich mich durch unsere Gespräche ein Stück weit besser kennengelernt. Sie hat mir Stärken an mir gezeigt, die mir davor nicht so bewusst waren. Sie hat mich darin bestärkt, dass ich ein Rolemodel in der Technik bin und nicht aus diesem Bereich wegzudenken bin – und das gerade in einer Zeit, wo ich mich eigentlich von der Technik verabschieden wollte. Ich dachte immer, dass man in der Technik nicht „Frausein“ kann, dass man männliche Eigenschaften braucht, um erfolgreich zu sein. Meine Mentorin hat mir aus ihren persönlichen Erfahrungen gezeigt, dass man auch erfolgreich sein kann, ohne „sich selbst aufzugeben.

Wir wissen aus Studien, dass Mentoring viele positive Effekte hat. Was war das für Sie?

Ach, da gibt es so viele! Wo soll ich nur anfangen? Zuerst einmal die tiefe Freundschaft und Verbundenheit zu meiner Mentorin, das schätze ich am meisten. Sie hat mir persönlich und beruflich weitergeholfen. Ich sehe nun auch wieder einen Platz in der Technik für mich. Durch ihr Engagement wurde ich beispielsweise im Coaching-Programm der TU Wien aufgenommen. Ich treffe mich nun regelmäßig mit meinem persönlichen Coach, um über Karriere-und Persönlichkeitsentwicklung zu sprechen. Die Gespräche über meine Stärken mit meiner Mentorin als auch mit meinem Coach haben mir die Augen geöffnet. Die Einblicke, die Ratschläge, die ich erhalten habe und noch immer erhalte, sind unbezahlbar.

Ist Akzeptanz zwischen Frauen eine Voraussetzung für das Weiterkommen muslimischer Frauen in der Arbeitswelt?

Ja, ich denke schon. Die Unterstützung von Frauen und Frauensolidarität halte ich nicht nur im Beruf, sondern in allen Bereichen für wichtig. Wir müssen einander stärken und fordern, dass Inklusion endlich gelebt wird und nicht eine Worthülse bleibt. In der Berufswelt muss die Leistung im Vordergrund stehen und nicht das Geschlecht oder das Aussehen, unsere Unterschiede bereichern uns.

Wie kann diese Bereicherung, diese Vielfalt in der österreichischen Berufswelt ermöglicht werden?

Junge Muslime müssen ihre Chancen erkennen. Sie müssen sich trauen „nach den Sternen zu greifen“: Wir leben hier in einem der reichsten Länder der Welt, alle Türe stehen ihnen offen. Auch wenn es manchmal etwas schwer ist, eine Tür zu öffnen, sie müssen es versuchen! Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass die Gesellschaft und vor allem die Wirtschaft offener werden. Die Tatsache, dass es beispielsweise überhaupt Frauenquoten geben muss, ist traurig. Unternehmen sollten nicht gezwungen werden, Frauen aufzunehmen, sie sollten es „freiwillig“ tun, die analytische und kritische Denkweise von Frauen als Bereicherung sehen.

Wie sah Ihr vergangenes Jahr als Mentee aus?

Ich habe mich mindestens einmal im Monat mit meiner Mentorin getroffen. Zweimal war ich auch bei ihr zu Hause eingeladen und wir haben uns privat kennengelernt. Gleich nach unserem ersten Treffen hat sie mich zu Auftaktveranstaltung von „GenderFair“ eingeladen, wo sie mich ihren Kontakten vorgestellt hat. Außerdem war ich auch bei der „Blue and Mint“-Veranstaltung an der TU Wien, wo ich wertvolle Kontakte in die Wirtschaft knüpfen konnte. Gemeinsam mit den anderen Mentees habe ich zwei Workshops besucht: über das richtige Netzwerken und zum Thema Karriere- und Bewerbungstraining. Ich habe jeden Moment des Mentoring Projektes der Muslimischen Jugend Österreich (MJÖ) genossen, wertvolle Erfahrungen gesammelt, die ich situationsbedingt jederzeit „abrufen“ kann.

Ist die Technik Branche nicht eine besondere Herausforderung? Da haben es Frauen schwieriger als Männer und muslimische Frauen wahrscheinlich noch schwieriger?

Bereits als Studentin war ich in Lerngruppen, Übungen oder Vorlesungen oft die einzige Studentin. Hin und wieder durfte ich mir diverse frauenfeindliche Witze anhören und wurde manchmal in Lerngruppen durch „Macho-Nerd-Gelaber“ ausgeschlossen. Während einer Programmierprüfung, bei der ich die einzige Frau war, versammelten sich die Tutoren hinter meinem Rücken, um zu sehen, was ich denn da schreibe, während alle anderen Kollegen „in Ruhe“ arbeiten konnten. Doch mit jeder Herausforderung suchte ich weitere Herausforderungen und ließ mich nicht abschrecken. In meinem Fall habe ich auch noch einen etwas anderen Namen und bin eine sichtbare Muslimin und das macht es wirklich nicht einfacher. Meine Mentorin meinte, dass auch sie durch mich gelernt hat, und ich ihr eine andere Sicht auf Diskriminierung von Frauen gezeigt habe, die sie zuvor so nicht kannte.

Werden Frauen mit Kopftuch in der Arbeitswelt grundsätzlich abgelehnt?

Einmal wurde mir explizit wegen meinem Kopftuch abgesagt. Bewerbungsschreiben ohne Foto kommen mit einem Kopftuch anders an als mit. Bei denen, wo ich ein Foto hatte, wurde mir meistens abgesagt. Bei den Bewerbungsschreiben ohne Foto hatte ich oftmals die Chance auf ein persönliches Gespräch, auch wenn dann der „erste Anblick“ oft etwas überrascht war. Ich glaube vielen Unternehmen fehlt der Mut etwas Neues auszuprobieren, einer jungen Frau eine Chance zu geben. Aber es gibt auch viele Unternehmen, wo Musliminnen arbeiten, aber über die hört man leider wenig. Es ist auch schade, dass die Medien oft lieber Klischees und Opferbilder verbreiten. Ich frage mich immer wo bleiben die Erfolgsstories, von denen es doch so viele gibt?

Was müsste sich ändern, damit mehr Diversität und Vielfalt in der Arbeitswelt zu sehen sind?

Es müssen Menschen in ihrer Vielfalt sichtbar sein: egal ob Kopftuch, dunkle Hautfarbe oder ein „ausländisch-klingender“ Name. Wir sind alle Österreicher. Ein schwarzer Nachrichtensprecher, eine Frau mit Kopftuch als Moderatorin oder Beamtin, die die Vielfalt unseres Landes widerspiegeln, sollten verstärkt sichtbar sein. Selbst meine Schüler sagen, dass eine bunte Gesellschaft, in der Menschen mit verschiedener Herkunft zusammenleben viel besser ist, da auch voneinander gelernt wird.

Sie sind durch das Projekt „Teach for Austria“ Informatik- und Mathematiklehrerin geworden. Wie erleben Sie ihre Zeit in der Schule?

Mir macht die Schule sehr viel Spaß! Ich probiere Neues mit meinen Schülern aus, versuche ihnen mehr Spaß am Lernen zu geben. Natürlich sind die Probleme der nicht gelebten Inklusion auch im Bildungssystem zu sehen. In sozialen Medien wird momentan folgendes Zitat geteilt: „Wir sind Schüler von heute, die in Schulen von gestern von Lehrern von vorgestern auf die Probleme von übermorgen vorbereitet werden.“ Dieser Ausspruch verdeutlicht die Wahrnehmung der Schüler. Es gibt viele engagierte Lehrer, aber teilweise müssen die Schulbücher und Unterrichtsmethoden aktualisiert und überdacht werden. Themen wie Transkulturalität und Diversität gehören in die Ausbildung und auch in die Lehrpläne.

Diese Woche läuft an ihrer Schule ein karitatives Pionierprojekt, in dem sie eine Woche mit Schülern Menschen helfen. Damit wollen Sie Verantwortung gegenüber den Mitmenschen stärken.

Ich will meinen Schülern zeigen, dass sie Gutes bewirken können und dass ihr gemeinsames Engagement trotz ihrer Unterschiede möglich und wichtig ist. Gleichzeitig wollen wir der Gesellschaft zeigen, dass Schüler aus unterschiedlichen Kulturen am gemeinsamen Wohl interessiert sind und auf eine bessere gemeinsame Zukunft hinarbeiten.

Partizipatorisches Engagement ist ihnen ein Anliegen. Die Direktorin ihrer Wiener Mittelschule möchte ab dem kommenden Schuljahr wegen dem großen Anklang Ihres Projekts eine unverbindliche Übung „Soziales Engagement“ planen.

Als ich das Projekt in der Konferenz angekündigt habe, habe ich überhaupt nicht mit solch einem großen Andrang gerechnet. Ich erhalte von allen Seiten nur positives Feedback und Bestärkung zum Weitermachen. Das Projekt „Karitative Woche“ habe ich ins Leben gerufen, weil ich durch dieses Projekt meine Hauptmessage, nämlich „gemeinsam für eine bessere Zukunft“ auf allen Ebenen sehr gut vermitteln kann.

* Dieses Interview ist am 02.06.2014 in der Printausgabe der Wiener Zeitung erschienen.

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