Um 2 Uhr Früh das letzte Abendmahl

Von Nermin Ismail
  • Drei junge Muslime integrieren die Fastenzeit in ihren Alltag
(c) Asma Aiad

Jonas El-Halawany, Dina Mansour und Imen Bousnina – (c) Asma Aiad

Wien. 15 Uhr, Kastanienallee in Wien Meidling Fünf Jugendliche. Zwölf Kinder. Ein bunter Tisch, weißes Papier und unzählige Stifte. Rund herum stehen kleine Rutschen und Räder aus Plastik. Bälle werden quer durch den Raum geschossen. Spielzeuge liegen herum. Kinder schreien. Dina Mansour hat Hunger. Seit Sonnenaufgang hat die 16-Jährige nichts gegessen.

Sie hebt Camila vom Boden und setzt sie auf die Rutsche. Ehe Camila wieder am Boden angekommen ist, schreit das Mädchen: „Nochmal!“ Zwischendurch schlichtet Dina einen Streit zwischen Omar und Alex. „Was ist passiert?“ Dina setzt sich auf das Sofa und nimmt Alex auf den Schoß.

Es gehört zu ihrer Freiwilligenarbeit. Dina macht zum dritten Mal beim Projekt „Fasten Teilen Helfen“ mit. Es ist eine Initiative der Muslimischen Jugend Österreich, die jedes Jahr zur islamischen Fastenzeit, dem Ramadan, angeboten wird. Heute ist Dina in einem Wohnhaus der Caritas in der Kastanienallee. Hier werden Flüchtlingskinder betreut. Für Dina ist Ramadan eine gute Gelegenheit, „Menschen eine Freude zu bereiten und durch kleine Taten Großes zu bewirken“, sagt sie. Die Schülerin ist Muslimin. Noch ist es 15 Uhr. Es ist ein heißer Tag – durch viel Bewegung kommt man schon ins Schwitzen. Das Fasten fällt ihr nicht leicht, aber der Gedanke zu fasten gerät in den Hintergrund, weil man beschäftigt ist, meint sie. „Es macht mich glücklich, nützlich zu sein und nicht nur für mich, sondern auch für andere da zu sein“, erzählt sie. Viele Momente haben Dina bewegt. Diese Kinder hätten sehr wenig und ihre Eltern seien oft traumatisiert von Krieg oder der Flucht selbst.

Bis zur ersten Dattel
17 Uhr, Billa am Praterstern. Jonas El-Halawany fastet und kauft gerade ein. Das Hungern sei gar kein Problem, doch das Nichttrinken bedürfe einer „Eingewöhnungsphase“, meint der Student. Er wird oft gefragt, ob das nicht ungesund sei. Seine Antwort: „Der Mensch schafft mehr, als er selbst oft denkt. Es ist alles nur eine Einstellungssache.“ Jonas hält den Ramadan ein, weil es eine religiöse Pflicht ist, sagt er. Heute ist er mit seinem nichtmuslimischen Cousin David unterwegs. Auch er wollte es einmal ausprobieren, einen ganzen Tag zu fasten. „Ramadan ist für mich der Monat der Spiritualität und des Nachdenkens“, sagt Jonas. Der 27-Jährige nimmt sich bewusst Zeit zum Reflektieren. „Das Fasten ist nicht nur der Verzicht auf Nahrung, sondern auch ein Monat, in dem man sich verbessert und sich selbst und den Mitmenschen näher kommt“, erklärt Jonas. Früher hat er sich nach dem Fasten immer vollgestopft. Und fühlte sich miserabel danach. Heute denkt er an die Millionen Menschen, die nicht nur einen Monat, sondern vielleicht sogar das ganze Jahr „fasten“ müssen, weil sie nichts zum Essen haben.

21 Uhr. Es ist kurz vor dem Fasten-Brechen, auch Iftar genannt. Der Tisch wird gedeckt Jonas hat gekocht und seine Freunde eingeladen. Heiße Teigtaschen mit Spinat und Käse warten. „Allahu Akbar – Allahu Akbar“ – der Gebetsruf ertönt aus einem der am Tisch liegenden iPhones. Jetzt ist der Augenblick gekommen, auf den Jonas und alle fastenden Muslime schon den ganzen Tag gewartet haben. Doch davor erhebt er die Hand und betet. „Vor dem ersten Biss habe ich Allah gedankt, dass wir zu essen haben und dass wir in Frieden leben.“ Dann folgt eine Dattel ganz nach dem Vorbild des Propheten Muhammad. „Es ist ein schönes Gefühl, welches ich schwer mit Worten beschreiben kann.“

Absolute Ruhe
22.30 Uhr, Neue Donau. Im Islamischen Zentrum in Wien zieht Imen Bousnina die Schuhe aus, legt sie ins Schuhregal und eilt in den Gebetsraum. Sie grüßt eine Freundin, dann die nächste. Obwohl Ramadan schon vor ein paar Tagen begonnen hat, hört man immer noch die Glückwünsche zum Erreichen des heiligen Monats: „Ramadan Kareem“. Die einen plaudern, die anderen sitzen am Boden, bereiten sich auf das Gebet vor. Aus den Lautsprechern erklingt der Gebetsruf zum Nachtgebet. Alle stehen auf und stellen sich in geraden Reihen auf. Absolute Ruhe. Imen kommt gerne hierher, schließlich gibt es dieses freiwillige Gebet in der Moschee nur im Ramadan. „Die Atmosphäre in der Moschee ist einfach etwas ganz Besonderes zur Ramadanzeit“, sagt die 20-Jährige. Nach dem Gebet bilden sich „Fahrgemeinschaften“, denn es ist oft sehr spät, sodass keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fahren.

Auch Jonas geht zum Gebet in die Moschee. Dann legt er sich kurz hin. Den Wecker hat er gestellt. Für 2 Uhr Früh. Dann nimmt er die letzte Mahlzeit ein, bevor es wieder losgeht in die nächste Fastenrunde.

*Artikel in der Wiener Zeitung am 11.07.2014 erschienen.

 

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