„Latenter Generalverdacht in der Luft“

Terrorgewalt im Nahen Osten, Übergriffe auf Musliminnen in Europa und eine Politik, die damit überfordert zu sein scheint. Der Innsbrucker Universitätsprofessor Peter Stöger antwortet darauf mit einem Aufruf gegen Hysterie und zu mehr Besonnenheit. Im Gespräch erklärt er wie verstörend die Medienberichterstattung wirkt und wie damit umzugehen ist.

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Sie haben gemeinsam mit der muslimischen Feministin und Aktivistin Dudu Kücükgöl einen zivilgesellschaftlichen Aufruf zur Besonnenheit gestartet. Warum denn eigentlich?

Tatsächlich gibt es eine gewisse Radikalisierung und eine Senkung der Schamgrenze was das Agieren gegen den Islam betrifft. Dazu kamen einige Vorfälle, wie zum Beispiel das Verprügeln muslimischer Frauen, eine davon ist eine meiner StudentInnen. Sie ist auch Mutter eines Kindes. So unterschiedlich die historischen Einspeisungen sind, aber Ähnliches gab es vor 75 Jahren als das Ende Österreichs begonnen hat. Natürlich sind die Dinge nicht direkt vergleichbar und die geschichtlichen Ausgangssituationen sind völlig unterschiedlich. Trotzdem: die absolute Verächtlichmachung mancher MuslimInnen gegenüber hat tragische Parallelitäten.

In den letzten Tagen und Wochen ist so gut wie täglich von Dschihadisten, Terrorismus und Radikalisierung zu lesen, zu hören. Wie finden Sie den Umgang mit diesen Themen seitens Politik und Medien? Welche Stimmung wird dadurch verbreitet?

Ja, die Stimmung ist durch die Publizierungsart, bekanntlich macht ja der Ton die Musik, aufheizend und nicht zur Besonnenheit gemahnend. Schwarz-Weiß-Schemata überwiegen und es hängt ein latenter Generalverdacht in der Luft. Was fehlt Ihnen in dieser Debatte? In dieser Debatte fehlt die Bereitschaft zur Differenzierung, fehlt das Austarieren, fehlt das Einen-Schritt-zurückgehen und Nachdenken. Das ist das Dialogpädagogische, was ich vermisse.

In nur wenigen Wochen haben bereits über 2 300 Personen ihre Initiative unterschrieben. Was soll dadurch erreicht werden? Wird die Petition einen Einfluss auf Medien und Politik haben?

Ja, mittlerweile haben wir bereits über 2349 Unterschriften. Hellseher bin ich nicht. Aber der Wunsch bleibt. Es braucht ein bisschen Druck von unten auch. Erreicht werden soll eine größere Feinfühligkeit auf allen Ebenen, nicht zuletzt im Sprachgebrauch. Die Sprache ist ein Körper, der lebt und atmet. Die Sprache als Körper kann helfen, trösten, bestärken, aber eben auch trennen, zerschneiden und verletzen. Mit der Sprache gilt es taktvoll und respektvoll umzugehen. Sprache soll nicht trennen, sondern verbinden und uns er-innern helfen, in Gemeinschaft zu sein, was nur eine Übersetzung von „Kommunikation“ ist.

Inwieweit beeinflussen Geschehnisse wie jene im Nahen Osten im Moment das Zusammenleben in Österreich? Wohin könnte das hierzulande auch führen?

Nun gibt es in der Tat Jugendliche, die Österreich in Richtung Syrien, Irak verlassen haben, nicht nur muslimische, sondern offenkundig auch, ich berufe mich auf eine Meldungen der Medien, sind auch christliche Kinder in Gefahr „dort“ ihren Sinn zu suchen und zu finden. Über die Beziehungen zur Levante gibt es natürlich, was den Nahen Osten, im Speziellen auch Syrien, betrifft, alte historische Bände aus der Zeiten der Monarchie, von kirchengeschichtlichen Zusammenhängen ganz abgesehen, nämlich all die urchristlichen Gemeinden in diesen Ländern. Im Vordergrund stehen einmal die derzeitigen Schlagzeilen. Sie lassen erahnen, dass die IS-Thematik bei breitesten Bevölkerungsschichten in Österreich „angekommen ist“ und dies in einer emotional sehr verstörenden Weise, wenn man dauernt abgeschlagene Köpfe etc. sehen muss. Da gäbe es medienpsychologisch natürlich viele kritische Anmerkungen zu sagen, was aber am Grauen nichts ändert.

Welche Verantwortung tragen Ausbildungsinstitutionen wie Universitäten und Hochschulen? Was kann Bildung gegen antimuslimischen Rassismus und Diskriminierung tun?

Bildung kann sehr viel tun, aber nur dann, wenn es auch so etwas wie Herzensbildung gibt, denn auch die Ärzte die in den Konzentrationslagern gearbeitet haben waren medizinisch (aus-)gebildet. Das heißt außer Wissen im, kognitiven Sinne, braucht es auch eine Remobilisierung der alten Werte wie Dankbarkeit und Ehrfurcht – womit Herzensbildung in etwa umschreibbar wäre. Diese Werte klingen auf den ersten Blick altmodisch. Warum? Weil sie zeitlos sind – und eigentlich in allen Religionen beheimatet sind.

Was wünschen Sie sich von jedem einzelnen Bürger unserer Gesellschaft?

Was ich mir wünsche ist, sich der eigenen Wurzeln an Herkunft zu er-innern. Das Hoffnungspotential, das, „wie ich gemeint bin“ umsetzen zu können, das ist der Kern der Pädagogik. Wenn dieser Umsetzungsprozess als Wunsch vorhanden ist, dann ist mir nicht bange, auch wenn es viele Rückschläge dabei geben mag.

Zur Person:

Ao. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Stöger lehrt am Institut für Erziehungswissenschaften in Innsbruck. 2007 wurde ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst durch den Herrn Bundespräsidenten der Republik Österreich verliehen.

 

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