Für die Freiheit, gegen den Hass

Dieser Kommentar anlässlich des Pariser Attentats ist in einer kürzeren Fassung am 09.01.2015 im Standard erschienen.

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Wut und Trauer beschreiben die Gefühle vieler Menschen, die sich mit dem Weltgeschehen beschäftigen. Gewalt, Hass und Tod stehen mittlerweile auf der Tagesordnung. Dschihadisten in Syrien, Radikale in Österreich, Pegida in Deutschland und eine Frau die regelmäßig im öffentlichen Raum Musliminnen bespuckt, haben Eines gemeinsam; Sie alle hassen. Ihr Hass führt sie zu gewalttätigen Handlungen, denn sie können keine Vielfalt akzeptieren und fühlen sich verpflichtet „Andere“ zu bekämpfen. Diese Gewalt sei sie physischer oder psychischer Natur schmerzt. Umso mehr, wenn sie im Namen von einer gesamten Religion und ihren Anhängern stattfindet.

Schon allein die Frage „Was halten Sie vom IS?“, tut weh. Welche Antwort erwartet der Fragende eigentlich? Warum nicht gleich fragen „Wie finden Sie Terror?“ oder „Was halten Sie von Mördern?“ Dass diese Terrormilizen sich so einen Namen geben ist für den Islam und die Muslime katastrophal. Nicht nur der Name einer Weltreligion, die dem Wort „Salam“ sprich „Friede“ entstammt, wird missbraucht, es werden alle 1,6 Milliarden Muslime in den Dreck gezogen. Doch es liegt nicht an den Muslimen in Europa sich für die Taten dieser Barbaren zu rechtfertigen. Denn mit ihnen haben sie genau nichts gemein. Es liegt an jeden einzelnen Menschen kritisch zu denken und Zusammenhänge zu erfragen. Wenn 160 Jugendliche von 500.000 Muslimen nach Syrien gehen, um zu kämpfen, auf welcher Seite auch immer; sind dann alle Muslime mörderische Verbrecher? Wenn innerhalb weniger Wochen eine Moschee verschandelt, eine muslimische Frau öffentlich beschimpft und erniedrigt wird und eine weitere Muslima einen Lendenbruch erleiden muss; sind dann alle Österreicher islamophob? Wir müssen aufhören alle Menschen in einem Topf zu werfen. Wir müssen aufhören Hass und Ängste zu schüren. Denn das wird uns sicherlich nicht voranbringen. Wenn Pegida „das normale Volk und keine Horde von Neonazis ist“, wie Politikwissenschaftler Werner Patzelt im Standard- Interview meinte, dann muss man sich fragen wohin dieser Hass und seine Akzeptanz führen sollen und welche Politik es zugelassen hat, dass solch populistische Meinungen Mitten in der Gesellschaft Anklang gefunden haben.  Unser Problem ist nicht der Islam, unser Problem ist die gegenseitige Hetze, die auf Unkenntnis beruht.

Umgang mit Hass

Sowohl rechtsextreme als auch islamistische Hasser sind radikal. Yassin Musharbash schrieb vor vier Jahren den Politthrillers „Radikal“, der sich diesem Sujet widmete. Der deutsche Politiker Omid Nouripour schrieb 2011 in der Frankfurter Rundschau anlässlich des Erscheinens: „Der Islamist, der Nazi und der Islamhasser haben mehr miteinander gemein als der Islamist und der Demokrat muslimischen Glaubens.“ Wie soll man in dieser schrecklichen Phase, nach so einem schrecklichen Anlass wie dem Pariser-Attentat mit so viel Hass umgehen? Die Antwort in Yassin Musharbashs Werk lautet: Man darf sich von Radikalen jeglicher Art nicht mundtot machen, denn sonst haben sie gewonnen. Doch davor müssen wir uns klar werden, dass die gefährlichsten Gegensätze in Europa nicht zwischen Islam und Christentum liegen. Sie liegen in der Feindschaft von Radikalen aller Art. Es sind Radikale die gegen eine offene, demokratische Gesellschaft kämpfen und dagegen müssen wir uns als mündige Bürger wehren. Sowohl jene, deren Glauben missbraucht wird als auch jene, die für Presse-, Meinungs-, und Religionsfreiheit stehen. Wir müssen mehr Demokratie wagen und Mut für die Freiheit eines Jeden haben.

Unser Maßstab liegt in unserer Verfassung – und nicht in einem imaginären „Recht auf Widerstand“ – ob aus religiöser Inbrunst oder der Angst vor einem muslimischen Bevölkerungszuwachs. Der gesellschaftliche Graben verläuft nicht zwischen Religionen, sondern zwischen Demokraten und militanten Radikalen aller Couleurs. Die einzig richtige Antwort auf das Pariser-Attentat ist der gemeinsame Kampf gegen den Hass und der bedingungslose Einsatz für die Freiheit.

Nermin Ismail (23) ist studierte Politologin und freie Journalistin in Wien. Sie bloggt unter www.nerminismail.com.

 

2 Comments Für die Freiheit, gegen den Hass

  1. Erich

    Dschihadisten mit Teilnehmern bei Pegida-Demos in einen Topf zu werfen ist doch etwas kühn. Es darf nicht übersehen werden, daß in zahlreichen vom Islam geprägten Staaten – z.B. Saudiarabien, Syrien, Jemen, Katar – keine „dem Westen“ vergleichbare Toleranz ausgeübt wird – mit religösen und kulturellen Begründungen. Ist es dann verwunderlich, wenn in Europa eine zunehmende Zahl von Menschen „dem Islam“ kritisch gegenüber steht? Nach jahrhundertelanger Bevormundung durch die kath. Kirche im Namen des Christentums kann von einer säkularisierten Gesellschaft nicht erwartet werden, daß sie Menschen, deren Religion und Kultur eine vergleichbar strikte Trennung zwischen Kirche und Staat nicht kennt, unkritisch gegenübersteht.

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  2. Ate Flapper

    Liebe Frau Nermin Ismail, Danke für Ihre Artikel in die Standard, Freitag 9. Jänner. Ganz meiner Meinung. Aber ich denke Sie vergessen etwas. Es macht Sinn das Mitglieder der Islam-Religion sich äußern über die Terrorattacke in Paris (oder über I.S.). Nicht um sich zu verantworten, aber um den Tätern klar zu machen, dass es nicht in Ihrem Namen ist. Die Täter fordern das nämlich (wohl oder nicht ausgesprochen) und eventuelle Nachahmern könnten das auch meinen. Darum ist es so wichtig dass so viel wie möglich Mitglieder der Islam-Relogion klar machen: \\\“not in my name\\\“ oder so etwas. Das verringert der Nahrungsboden für neue Terroristen, die im Namen der Islam schreckliges machen. Verstehen Sie? Freundliche Grüße, Ate Flapper (gebürtige Niederlander)

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