Vier Jahre nach Mubarak

Vor zwei Tagen, am 8. Februar, wurden 22 junge Ultras- Fans in Kairo getötet. 2012 waren es 70 Jugendliche, die in einem Fußballstadion in Port Said, bei einem Massaker starben. Am 11. Februar 2011 trat Mubarak zurück. Von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf Verbesserung und Veränderung ist heute, vier Jahre später, nichts übrig geblieben.

(c) EPA

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Wut und Trauer. Zorn und Schwermut. Ab und zu höre ich arabische Radiosender. Einfach so, um zu schauen, was gerade Thema ist, worüber sich Menschen freuen, was sie erzürnt und vor allem wie sie das politische Geschehen deuten. Manchmal aber auch um ganz unbeschwert Musik zu hören und an schönen Tagen in Ägypten zurückzudenken. Doch gestern Abend endete mein „einfach mal reinhören“ mit Tränen und Verzweiflung. Der Moderator gibt zu: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich wollte die Sendung heute absagen, weil mir die Worte fehlen.“ Was soll er denn auch sagen? 22 Jugendliche, die ein Fußballspiel sehen wollten, mussten ihr Leben auf brutalster Art und Weise lassen. Warum? Weil sie kein Ticket hatten, wie es von staatlicher Seite dann hieß? Das ist ein Grund junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten, zu töten? Für das Ägypten vier Jahre nach Mubarak anscheinend schon. Man stelle sich vor, der 17-jährige Sohn verlässt das Haus, trifft seine Freunde und geht seine Mannschaft anfeuern. Doch dann kommt er nie zurück. Er kommt nicht lebend zurück. Ahmad Younes, der Moderator der Sendung „3al Qahwa“ (im Kaffee), ist ganz er selbst, er nimmt kein Blatt vor den Mund. Wichtig ist: Er spricht den Vorfall an. Ohne auf ein Feindbild loszugehen, das an allem Schuld haben muss. Er ignoriert das Geschehen nicht. Vor drei Jahren, auch im Februar, kam es in einem Fußballstadion in Port Said zu einem Blutbad. Mehr als 70 Menschen wurden getötet, tausend verletzt. Man spekulierte wie es zu so einem Massaker kommen kann, es hieß die tödlichen Randale seien von langer Hand geplant worden. „Eigentlich bin ich immer der, der sagt: Seid optimistisch, morgen ist ein besserer Tag. Aber heute kann ich das nicht sagen. Ich kann nur um unsere Jugend trauern.“ Er liest ein Gedicht, Worte einer Mutter zu ihrem Sohn: „Geh hin mein Sohn, lach und hab viel Spaß. Geh und komm zurück mit einem Lächeln auf deinem Gesicht.“ Der verstorbene Sohn antwortet: „Bitte verzeih mir, dass ich gegangen bin. Sag meinem Vater, dem ich versprochen hatte, ich werde mich nicht verspäten, es tut mir Leid. (…) Wir leben eigentlich, um zu sterben.“ Im Februar vor mittlerweile vier Jahren trat Mubarak zurück. Die Euphorie und die Kraft, die die Ägypter damals hatten, waren so groß wie nie zuvor. Man wollte sich ändern und alles besser machen. Jugendliche kehrten den Müll auf den Straßen zusammen. Künstler gingen auf die Straße, Menschen gaben ihrer Meinung Ausdruck. Morgen jährt sich dieser Tag und es ist nichts zu sehen, nichts zu spüren außer Verzweiflung, Trauer, Resignation und Zorn. Junge Menschen sterben und niemand weiß, was sie getan haben, um ihr Leben auf dieser Art beenden zu müssen. Die Revolution hat zwar vor vier Jahren begonnen, doch sie ist noch lange nicht vorbei. Denn noch haben die Ägypter nichts von dem verwirklicht, was sie vor vier Jahren bewegte auf die Straßen zu gehen. Vor einigen Jahren wurden Vorfälle wie dieser von den Medien ignoriert. Heute ist man sich bewusst: Es ist zu viel. Auch Moderatoren und Journalisten sagen ihre Meinung offen und sie werden immer lauter. Ägypten hat noch einen langen Weg vor sich. Ahmad Younes beendet die Sendung mit folgenden Worten: „Eigentlich müssen wir nicht um sie trauern, sondern um uns. Sie haben dieses Leben hier hinter sich. Ihnen geht es jetzt gut.“

 

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