„Wir wissen wenig über Ägypten”

Regisseurin Alexandra Schneider erzählt von ihrer Arbeit in Ägypten. Ein Gast-Interview von Nermin Ismail.

Zum ersten Teil des Interviews: „Mit Mursi setzte Entsetzen ein“

Nermin Ismail: Wie schätzen Sie die derzeitige Lage in Ägypten ein?
Alexandra Schneider: Es ist jetzt so eine Pendelbewegung, die von der Straße mehr innerhalb der Hausmauern geschwappt ist. Der Diskurs muss innerhalb der Häuser weitergehen. Patriarchale Strukturen müssen in Frage gestellt werden. Es ist auch im Beruflichen kaum üblich, dass man eigenverantwortlich arbeitet, man hat einfach Vorgesetze, die alles diktieren. Solche Dinge gehören auch dazu, wenn eine ganze Gesellschaft auf Dauer demokratischer werden will. In Europa war das auch ein langer Prozess.  Nach der Französischen Revolution kam auch Metternich und Biedermeier, ein Polizeistaat mit Spitzelwesen, trotzdem gab es diese Kultur der Diskussion und diese Bürgersalons. Es ist vielleicht nicht so offensichtlich, was passiert, aber es passiert etwas. Erst dann kannst wieder auf die Straße gehen.

Nermin Ismail: War es gefährlich in einer solchen Zeit in Ägypten zu arbeiten?
Alexandra Schneider:
Ich hatte nie das Gefühl in einer größeren Gefahr zu sein als die Protagonistinnen. Dabei hatte ich immer den Luxus bzw. das Privileg gehen zu können. Das haben die Ägypter nicht. Aber natürlich bin ich eher aufgefallen durch die Kamera und das europäische Aussehen. Deswegen war ich eher Zielscheibe von Aggressionen.

Nermin Ismail: Warum der Titel: „Private Revolutions?! Erleben die Protagonistinnen Revolutionen in ihrem Leben parallel zur ägyptischen Revolution?
Alexandra Schneider:
Jede Frau ist aus dem familiären Umfeld auf eine gewisse Art und Weise ausgebrochen, sogar die Fatema. Fatema macht das sehr subversiv und wirkt angepasst, aber dass sie ihr Studium fertig macht und bei den Muslimbrüdern aktiv ist, obwohl ihr Mann das überhaupt nicht ist, ist schon bewundernswert. Sie zieht ihr Ding durch. Amani hat sowieso mit der ganzen Familie gebrochen. Eine von wenigen Menschen, die abhauen und sich alleine durchschlagen. Die Sharbat lässt sich im Laufe des Films scheiden. Bei Mey haben die Eltern gesehen sie können sie nicht abhalten und unterstützen sie jetzt, aber sie hatte gegen massiven Widerstand des Elternhauses den Job aufgegeben und ist nach Aswan gezogen. Alle brechen unmittelbar aus ihrem Umfeld aus oder verändern es. Das macht sie neben dem gesellschaftlichen Engagement auch so spannend, weil sie einen persönlichen Preis zahlen für ihr Idealismus und ihrem Engagement.

Nermin Ismail: Worum geht es eigentlich im Film? Ist es ein Portrait von vier Frauen in Ägypten?
Alexandra Schneider:
Es sind vier Portraits, die zu einem Gesellschaftsbild zusammenfließen. Es gibt noch Millionen andere Schicksale. Die Vier erlauben zusammen einen Eindruck in eine neue Generation von Ägyptern, die da an allen möglichen Ecken entsteht. Der Film ermöglicht auch einen Einblick in die Vielfalt der ägyptischen und der muslimischen Frau. Die sind nicht unterdrückt oder passiv.

Nermin Ismail: Mit welcher Protagonistin konnten Sie sich am meisten identifizieren?
Alexandra Schneider:
Für mich war das nie Thema. Natürlich habe ich nicht die gleiche Nähe zu Fatema, abgesehen davon, dass wir nicht mehr in Kontakt sind. Aber ich habe nie eine Wertigkeit gehabt. Für mich war es genauso spannend mit Fatema zu drehen, wie mit Mey, Amani oder Sharbat. Sharbat und ich haben eine sehr enge Beziehung, die es ermöglicht hat, ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen, besser als mit einem Dolmetscher. Ich habe auch ihre Söhne ins Herz geschlossen. Amani ist auch eine enge Freundin geworden, aber auch Mey ist wir eine kleine quirlige Schwester, die ich auch sehr lieb habe. Jede der vier hat Eigenschaften, für die ich sie wirklich bewundere und die mich berühren.

Nermin Ismail: Was ist die Message des Films eigentlich?
Alexandra Schneider:
Ich finde in den letzten Jahren haben wir viel über Ägypten gehört, aber wir wissen sehr wenig vom Land und wie es dort ist. Wir hören viel darüber, aber wir wissen nichts über die Menschen. Da erlaubt der Film einen Blick rein und macht eine Nähe auf und zeigt auf einmal eine Vielfalt. Er zeigt Frauen die Opfer und Heldinnen gleichzeitig sind. Opfer von Umständen, wie bescheuerte Regeln in ihrer Gesellschaft, aber sie wehren sich heldenhaft gegen gewisse Umstände und haben eine Stärke, wo man als Europäerin nur total beeindruckt sein kann. Diese Ambivalenz erlebbar zu machen ist eine Stärke von dem Film. Diese Ambivalenz, dass es nicht schönzeichnet die Herausforderungen und die Schwierigkeiten, die auf Ägypten warten und auch auf diese Frauen mit ihrem Engagement. Sie stoßen auf Wiederstände. Aber die haben eine Energie, eine Ausdauer, einen Humor, wo man sich echt eine Scheibe abschneiden kann. Sie machen immer weiter, lassen sich nicht unterkriegen. Immer wieder sich aufrappeln und weitertun. Das macht ein ganz anderes neues Bild auf, zu dem was wir gerne an Bildern und Klischees in den Köpfen haben über den arabischen Raum.

Nermin Ismail: Vor wenigen Tagen jährte sich der Jahrestag vom Rücktritt Mubaraks. Wie steht’s um die Revolution gerade?
Alexandra Schneider:
Rein politisch wird jetzt alles unterdrückt, da wird keine Luft gelassen für irgendwelche Kritik. Macht es sehr eng und sehr schlimm. Ich sehe nicht, dass dieses Regime mit dem Militär an der Spitze Interesse für Reformen hat. Ohne Reformen wird es aber keinen wirtschaftlichen Aufschwung geben. Wenn in einigen Jahren den Ägyptern klar wird, dass sich ihre Situation nicht verbessert und es nach wie vor katastrophal ist mit allem. Mit Strom, Verkehr, Korruption, Bildung, mit Müll usw. – dann wird es hoffe ich schon an den Punkt kommen, wo die Sehnsucht nach Sicherheit u Stabilität kleiner wird gegenüber der Unzufriedenheit, den Frust und Ärger darüber was alles nicht funktioniert und nicht läuft. Ich habe mich geärgert über die westlichen Medien vor allem in den letzten zwei Jahren, die meinten der arabische Frühling sei gescheitert und gestorben, weil ich mir denke, was für eine Arroganz zu sagen, jetzt ist es vorbei der Prozess und er ist auch noch dazu gescheitert. Kannst nicht ein ganzes System über Bord werfen in wenigen Jahren. Dann gibt es viele Interessen im Hintergrund.

Nermin Ismail: Welchen Eindruck haben Sie von der Rolle der Frauen in der ägyptischen Revolution?
Alexandra Schneider:
Mein Eindruck ist, dass die Frauen auf einer gewissen Ebene das Motor der Revolution waren. Wie der Prozess immer mühsamer und immer frustrierender, da waren es immer mehr die Frauen, die der Motor waren. Weil die Frauen, Ägypterinnen sind viel mehr gewohnt Rückschläge einzustecken und sich nicht unterzukriegen zu lassen, können das besser als Männer. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Die Gesellschaft bevorzugt Männer eher, dass ihnen Dinge in die Schoss fallen, aber Frauen haben eine andere Erfahrung gemacht. Frauen sind nicht so schnell so persönlich gekränkt. Frauen, sind die, die den größeren Leidensdruck haben. Sie haben dann mehr Motivation haben etwas zu verändern. Von Anfang an waren auch Frauen am Tahrir dabei, bis in den vordersten Reihen: Frauen, die Sprechgesänge vorgerufen haben auch Mutter, die um ihre Kinder geschrien und gebetet haben. Das hat auch das Regime gemerkt und es ist kein Zufall, dass dann die sexuellen Belästigungen zugenommen haben. Man hat ihren Schwachpunkt erkannt. Frauen haben wenn nicht direkt auf der Straße sicher auch im Hintergrund einen großen Einfluss auf die Revolution gehabt.

Titelbild: © Daniela Praher Filmproduktion

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