Auf dem Sprung nach Europa

Die türkische Stadt Izmir ist ein Drehkreuz für den Handel mit Flüchtlingen. Schleuser und Geschäftsleute verdienen an denen, die nach Europa wollen. Ein Grenzbesuch

Von Nermin Ismail, Izmir und Lesbos

  1. Dezember 2015, 22:01 Uhr

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In der türkischen Stadt Izmir werden in Läden Rettungswesten für die Flüchtlinge angeboten. © Chris McGrath/Getty Images

Menschen bummeln und shoppen auf der Basmane-Straße. Doch das hier ist keine normale Einkaufsstraße. Das wird spätestens dann klar, wenn man die orangefarbenen Rettungswesten in den Auslagen sieht. Im Altstadtviertel von Izmir, der drittgrößten Stadt in der Türkei, stehen viele syrische Frauen am Straßenrand. Sie verkaufen Taschentücher, viele von ihnen halten ein Kind auf dem Arm. Immer wieder dringen Gespräche auf Arabisch herüber. Spätestens am Ende der Straße angekommen weiß man: Das ist kein gewöhnlicher Ort zum Einkaufen. Vor dem Restaurant Sindibad treffen sich die Schlepper. Sie treffen hier auf die Menschen, die nach Europa wollen und machen ihnen Angebote.

Ein Geschäftsmann aus Aleppo, Ahmad Abdulmajeed, lebt seit drei Monaten in Izmir. Er versucht seine Ware loszuwerden. „80 Prozent der Syrer hier wollen nach Europa. Die werden alle in wenigen Stunden auf Schlauchbooten sitzen.“ Ahmad will in der Türkei bleiben, er kann sich nicht vorstellen, seine letzten Ersparnisse auszugeben und das Leben seiner Kinder zu gefährden. Doch er ist einer von wenigen. Die allermeisten wollen weg.

Vollbepackt mit Rucksäcken und dicken Jacken eilt eine Familie mit großen schwarzen Plastiksäcken in der Hand vorüber. Dieser Anblick schmerze ihn, sagt Ahmad, der die Bedürfnisse dieser Kundschaft erkannt hat und Handyhüllen für die Überfahrt verkauft. „Sie tragen ihre Schwimmwesten so, als wären es ihre Leichentücher.“ Erst kürzlich traf Ahmad eine Familie, die noch unter Schock stand. Ein Schlepper hätte von ihnen 1.200 Euro abkassiert, ihnen versprochen sie nach Griechenland zu bringen. Doch er habe sie einfach stehenlassen. „Falsche Versprechen und Betrug: Das ist Alltag in Izmir.“

Als arabisch aussehende Frau, die den Eindruck erweckt hier fremd zu sein, werde ich ebenso angesprochen: „Brauchst du etwas? Heute kostet die Fahrt nur 850 Euro.“ Es stellt sich ein zweiter Mann dazu. Beide um die dreißig, in dunklen Pullover, Jacke, Jeans. Nach einem „Nein, danke!“ möchten sie immer noch nicht aufgeben.

Klar ist: Eine Sicherheit für die Überfahrt können sie nicht gewähren. Täglich legen hier zehn bis fünfzehn Boote ab. Ein profitables Geschäft, das durch eine große Kundschaft boomt. Die großen Männer dahinter, würde man nie zu Gesicht bekommen, sagt Ahmad. Die wären einige wenige Türken, die Dutzende Leute beschäftigten. Izmir ist längst Drehscheibe für den Handel mit Flüchtlingen geworden. Der illegale Handel mit Menschen boomt.

Lesbos, das Tor zu einem neuen Leben

(c) Simon Van Hal

Während Touristen für 20 Euro bequem mit der fast leeren Fähre von Ayvalik nach Mytilini, der Hauptstadt der Insel Lesbos, fahren, müssen die Flüchtlinge mit einem Schlauchboot über die unsichtbare Grenze nach Europa. So wie die achtjährige Haya und ihre Familie. Sie sind aus Syrien geflohen und haben fast ein Jahr in der Türkei gelebt, bis sie den menschenunwürdigen Bedingungen, wie sie sagen, entkommen wollten.

Jetzt sitzen sie in der Sonne an der Hafenpromenade. Auf der Bank hinter ihnen: ein rosa Rucksack und zwei Plastiksäcke. Das ist alles, was sie besitzen. Haya malt in einem Buch ein Haus mit einem Garten aus, während ihre Mutter von der Überfahrt spricht: „Die Wellen waren sehr hoch. Und als wir mitten auf dem Meer waren, setzte der Motor aus.“ Doch sie hatten Glück und konnten unbeschadet das Festland erreichen.

Eigentlich hat die Europäische Union der Türkei drei Milliarden Euro versprochen, damit sie die Flüchtlinge besser versorgt und die Küsten besser bewacht. Ein Aktionsplan wurde beschlossen, mit dem Ziel, den Zustrom der Flüchtlinge nach Europa zu begrenzen. Doch von diesem Vorhaben ist hier noch nicht viel zu sehen. Zwar hat die Türkei die Kontrollen an der Küste verschärft. Doch führt das nur dazu, dass die Überfahrten nun in der Nacht stattfinden. Überfüllte Schlauchboote und gesunkene Temperaturen führen gerade wieder zu einem Anstieg der Todesopfer. Mindestens 30 Menschen sind allein im Dezember bei nächtlichen Schiffsunglücken gestorben.

„Die Polizei war bestimmt involviert, die Schlepper schmieren doch die Beamten“, sagt Hayas Mutter. Im Lager lernten sie eine deutsche Helferin kennen. Ihre Hilfsbereitschaft war der Grund für die Entscheidung der Familie, nach Deutschland zu gehen. „Ich hoffe, niemand macht jetzt die Grenzen dicht, denn es gibt sonst keinen Ausweg für uns.“

Der Versuch, in einer Viermillionenstadt zu überleben

Laut einem Bericht von Amnesty International werden Flüchtlinge seit September an der Westgrenze der Türkei festgenommen und entweder verhaftet oder abgeschoben. Die Menschenrechtsorganisation kritisiert auch, dass mit den EU-Geldern Haftzentren finanziert werden. Von unrechtmäßigen Handlungen der türkischen Polizei gegenüber den Flüchtlingen berichtet Mohammed, ein Iraker, der in der Stadt Mytilini auf Lesbos mit seiner Frau und den fünf Töchtern in einem Hauseingang hockt. Einen Monat haben sie in Istanbul verbracht, und dort auf die Überfahrt gewartet. „Sie haben uns unsere Handys und unser Geld abgenommen“, sagt er. „Für uns war das ein Alptraum“, sagt seine Frau. Alles, was sie sich jetzt wünschen, ist, irgendwo anzukommen.

Auf der Nordküste in Skala kommen ebenso viele Boote an. Überall sind Berge von Rettungswesten zu sehen. Ob die Menschen, die sie getragen haben, tatsächlich angekommen sind, oder nur mehr die Schwimmhilfen aus dem Meer gefischt wurden, lässt sich nicht sagen. Schiffswracks säumen die gesamte Küste. In Skala räumt der New Yorker Bob den Strand auf. Ein zurückgelassenes Schlauchboot schneidet er auseinander und fischt Schwimmhilfen aus dem Wasser. Auch Schwimmhilfen für Kleinkinder, die eigentlich nur für den Gebrauch im Schwimmbecken geeignet sind. Bob ist verärgert. „Warum müssen die Flüchtlinge das durchmachen und ihr Leben riskieren“, fragt er. Was sie in ihren Ländern erfahren haben, sei doch schlimm genug.

Viele der Flüchtlinge, die diese gefährliche Überfahrt nach Europa nicht wagen, kämpfen in der Türkei jeden Tag ums Überleben. Drei Monate gilt ihre Aufenthaltsbewilligung. Sollten sie es bis dahin nicht geschafft haben, eine Art Ausweis, genannt Kemlek, zu bekommen, sind sie illegal im Land und müssen ausreisen. In Izmir gäbe es keinerlei Unterstützung für sie, berichten einige. Unweit des Basmane-Bahnhofs sehen die Gassen heruntergekommen und dreckig. Die Häuser sind baufällig.

Diskriminierung gehört zum Alltag

Hier lebt, wie viele andere Syrer, eine ältere Dame aus Damaskus. Sie läuft die Straße entlang, auf der Suche nach einer neuen Bleibe. In drei Tagen müsse sie mit ihren Kindern und Enkelkindern das brüchige Haus verlassen, sagt sie. Sie ist verzweifelt. „Jetzt sollen wir auf die Straße. Der Besitzer droht uns mit der Polizei. Wohin sollen wir mit den Kindern? Was nützt uns das Geld der EU?“ Als sie hierherkamen, war das Gebäude verlassen. Kein Mensch würde hier freiwillig leben, sagt ihre Tochter. „Wir wurden entwürdigt und hatten uns damit abgefunden.“ Doch jetzt empfänden sie Wut. „Das Leben hier ist ein Kampf. Wir müssen uns jeden Tag fragen, ob wir den Kindern etwas zum Essen geben können.“

Auf der Basmane-Straße verkauft der junge Ahmad in einem Bekleidungsgeschäft Rettungswesten. Ahmad ist 20 und arbeitet für 200 Euro 40 Stunden die Woche. Seine Schwester könne nicht in die Schule, auch verdiene er bei gleicher Arbeit weniger, weil er Syrer ist. „Die Türken hassen uns, weil ein Arbeitgeber eher einen Syrer beschäftigt, der auf jeden Lira angewiesen ist, und dem er viel weniger zahlen kann als einem Türken.“ Deswegen will er weg. Für eine Überfahrt hat er momentan nicht genügend Geld. „Wenn Europa uns ohnehin aufnimmt, warum müssen wir im Meer sterben und unsere Schicksale Kriminellen überlassen? Warum können wir nicht legal mit Fähren kommen?“

Auch für Ahmad, den Geschäftsmann, der auf der Straße immer noch Handyhüllen verkauft, ist das Leben in Izmir nicht leicht. Die Sprache sei eine Herausforderung, sagt er, aber auch das Wohnen und Arbeiten. Doch Ahmad möchte nicht sterben. Die Überfahrt wäre für ihn der Tod, sagt er. Viel lieber möchte er nach Hause. „Alle anderen wollen weg. Aber ich habe die Hoffnung, irgendwann nach Syrien zurück gehen zu können.

Nermin Ismail ist 24, ist studierte Politologin und arbeitet als Journalistin für den ORF in Wien. Sie bloggt unter nerminismail.com zu Islam, Flüchtlingen und Migration.

Dieser Artikel ist auf Zeit Online unter http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-12/fluechtlinge-izmir-lesbos erschienen.

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