Auslandsreportage: Gestrandet am Weg nach Europa

9.300 Flüchtlinge haben laut der Organisation für Migration (IOM) 2017 die Überfahrt von Marokko nach Europa geschafft.

9.300 Flüchtlinge haben laut der Organisation für Migration (IOM) 2017 die Überfahrt von Marokko nach Europa geschafft.

Europa hat seine Tore geschlossen. Ein legaler Weg existiert für Flüchtlinge nicht. Doch während Länder wie Österreich, Deutschland und Schweden bereits dabei sind, aufgenommene Flüchtlinge zu integrieren, kämpfen täglich Menschen damit, ihren Traum in Europa anzukommen, nicht aufzugeben. Nermin Ismail war in Marokko, Spanien und Italien unterwegs, um zu sehen, wie Menschen leben, die trotz allen Barrieren nach Europa flüchten –oder es immer wieder probieren.

Mit Fotos von Simon Van Hal

(c) Simon Van Hal

Boukhalef in Tanger, Marokko. Für achtzig Dirham, rund acht Euro, am Tag schleppen Mamadou und seine Freunde aus Gambia Ziegelsteine und Zementsäcke. Er ist 32, seit zwei Jahren ist er auf der Reise. Sein Weg führte ihn nach Mauretanien, dann durch Mali, Algerien und schließlich nach Marokko. Angekommen ist er aber immer noch nicht. Noch hat er sein Ziel, Europa, nicht aus den Augen verloren. Mamadou sieht müde aus. Auf seinem Rücken trägt er einen rosa Kinderrucksack. Wir fragen, ob er uns zeigen könne, wo er wohnt. Eine halbe Stunde von der Baustelle entfernt schläft er mit rund 20 weiteren Menschen auf eine große Fläche verteilt. In Betonringen, darin viele Decken. „Wenn es regnet, wird alles nass“, erzählt er. Eine Matratze liegt am Boden, auch hier wird manchmal geschlafen, denn die Betonringe reichen nicht für alle. Ein Auto mit zwei Männern stoppt einige Meter weiter von uns. „Das sind bestimmt Polizisten in zivil“, sagt er mit ruhiger Stimme. Man könne hier keinem trauen. Mamadou kann nicht lange schlafen. Schon um sechs Uhr morgens muss er sich bewegen, bevor die Polizei herkommt, seinen Namen registriert, ihn mitnimmt und wegschickt. Solche Deportationen hat er schon öfter erlebt. Dann musste er aus Meknès, Casablanca oder Marrakesch wieder zurück. Mit dieser Gefahr lebt er täglich, denn er ist illegal im Land. Tanger ist eine Stadt der Begegnung, gelegen zwischen Europa und Afrika. Hier findet er Arbeit, woanders eher nicht. Deswegen ist er jetzt acht Monate schon hier. Jede Woche macht er eine andere Arbeit, manchmal findet er keine. Die Polizei wolle keine geflüchteten Menschen hier, ist er überzeugt: „Sie nehmen sogar unsere Kochtöpfe mit. Sie zertreten unsere Sachen. Wir sind unerwünscht.“ Nicht weit von seinem Schlafort stehen hohe Gebäude leer. „In Marokko würden sie uns die nicht geben, auch wenn wir das Geld hätten.“

Gezwungener Aufenthalt

Mamadou, 32 Jahre alt, versucht immer wieder, nach Europa zu kommen.

Mamadou, 32 Jahre alt, versucht immer wieder, nach Europa zu kommen.

Der 32-Jährige hat viele Narben an seinem Körper. Über Fnideq nach Ceuta und weiter nach Europa zu gelangen, das hat er schon mehrmals probiert. Doch der Versuch, über den sechs Meter hohen doppelten Grenzzaun zu klettern, ist bisher nicht geglückt. Kleine Einschnitte verteilt auf seinem Arm erinnern ihn täglich daran. Die Stadt Tanger im Norden Marokkos entwickelt sich zur größten Transitregion Nordafrikas. Für viele Menschen wie Mamadou wurde aus dem Transitland ein erzwungener Aufenthaltsort. Wie er sind auch tausende andere auf dem Weg nach Europa hier gestrandet. Die meisten bleiben, um illegal zu arbeiten, zu betteln und für die Überfahrt Geld zu sammeln. Auch wenn die Überfahrt aufgrund der Meeresströmung im engen Seegebiet sehr riskant ist, hoffen die Migranten immer noch auf die Hilfe der Rettungsboote. Schätzungen zufolge halten sich rund 20.000 bis 30.000 Flüchtlinge in Marokko auf. Sie alle warten darauf, nach Europa zu kommen. Mamadou hat in Gambia seine Mutter und zwei Schwestern zurückgelassen. Nicht jeden Monat gelingt es ihm, ihnen etwas Geld zu schicken. Er weiß, dass Europa auch Menschen abschiebt und dass nicht jedem Asyl gewährt wird. Doch er bleibt optimistisch: „Ich werde mich an die Gesetze halten und werde mich nützlich machen.“  Manchen anderen gelingt aber die Überfahrt. Seit Anfang 2017 haben bisher rund 9300 Flüchtlinge von Marokko aus nach Europa übergesetzt, so die Internationale Organisation für Migration (IOM). Auf dem Seeweg sind es nur etwa 14 Kilometer bis zur europäischen Küste.

Illegale Flüchtlingslager

Mitten auf der Schnellstraße zwischen Tanger und Fnideq, der Ort an der marokkanischen Seite des Zauns, treffen wir immer wieder auf Jugendliche aus den verschiedensten Ländern Afrikas. Rechts und links liegen hohe Berge, keine Menschenseele ist anzutreffen. In einem dieser Berge, rund eine Stunde von Tanger entfernt, sollen sich Flüchtlinge verstecken, die es nach Spanien schaffen wollen. Straßenverkäufer aus Mittel- und Zentralafrika auf den Straßen Tangers erzählen von ihnen. Doch wo genau sie hausen, kann uns keiner sagen. In der Nähe des Berges Jebel Musa treffen wir schließlich auf einen Schäfer. Ein junger Marokkaner, sechzehn, siebzehn Jahre alt, versteht unser Anliegen und möchte uns zu den Geflüchteten begleiten. Wir folgen ihm, ohne wirklich zu wissen, wohin der Weg führt. Rund vierzig Minuten dauert die Wanderung.

(c) Simon Van Hal

Rund 50 junge Geflüchtete hausen im Wald in der Nähe des Berges Jebel Musa. Der jüngste von ihnen ist 13.

Plötzlich riecht es nicht mehr nach Wald, sondern nach alter, verschwitzter Kleidung, nach Feuer, nach Menschen. Wir nähern uns an einem Seil, aufgespannt zwischen zwei Bäumen. Daran befestigt sind viele Dosen mit Steinen gefüllt. Eine Art improvisierte Alarmanlage. Acht Jugendliche stehen da und fragen durcheinander wer wir sind, was wir hier wollen. Wir sind außer Atem. Angespannte Stimmung und Misstrauen. Journalisten aus Österreich erklären wir. Es dauert eine Weile, bis sie uns Zugang gewähren. Wir gehen durch Decken, Verpackungen, Hosen, Rücksäcken, kleine Hocker, Töpfe. Die meisten Jugendlichen sprechen französisch. Nach einiger Zeit erzählen sie vor allem von einem Thema: die Polizeigewalt. „Sie nehmen uns alles weg, auch unsere Telefone, mit denen wir nach Hause telefonieren. Ständig sind sie hier und machen uns das Leben schwer.“ Mehrere Tage können vergehen, ohne ein Stück Brot. Es sind rund 50 Jugendliche da, doch das seien nicht alle, erzählen die Anwesenden. Ihr Leben, geprägt von Angst. Einer ruht sich auf eine Hängematte auf. Der andere frittiert einen Teig in einem kleinen Topf und legt die fertige Speise in einer Plastikdose. Alphadjo aus Conakry (Guinea) ist erst 17, er zeigt uns den saubersten Fleck im Wald. „Hier beten wir“, sagt er stolz. Umrahmt von großen Steinen und einem weißen Klebeband ist die graue Fläche der letzte Ort, in dem sie um alles bitten können. „Nur Gott können wir verdanken, dass wir noch am Leben sind, sagen sie. Der Weg durch die Sahara war gefährlich.“

(c) Simon Van Hal

Hier halten sie zusammen. Kameruner, Senegalesen, Gambier, Angolaner. Die Menschen seien rassistisch hier, erzählt Alphadjo. Die politische Instabilität in seinem Land mache es ihm aber unmöglich, über eine Rückkehr nachzudenken. „Das, was sie mit uns machen, das ist Rassismus. Wir haben hier keine Rechte, aber wir können nicht zurück.“ Ob sie eine Chance darin sehen nach Europa zu kommen? „Ja“, sagen sie. Doch sie brauchen Geld und müssen noch sparen, so Alphadjo. Die Jugendlichen fürchten sich vor dem nächsten Versuch den Grenzzaun zu überwinden. Aber es ist ihr einziger Weg. Doch Marokko hindert Asylsuchende daran Europa zu erreichen. Und dafür lässt es sich von Europa bezahlen.

Spanische Exklave Ceuta

"Morgen darf ich das Lager verlassen. In Spanien kann dann endlich mein Leben beginnen."

„Morgen darf ich das Lager verlassen. In Spanien kann dann endlich mein Leben beginnen.“

Das Überqueren der Grenze nach Spanien kann bis zu Stunden in Anspruch nehmen. Auf beiden Seiten herrscht früh morgens Stau, absolutes Chaos und viel Lärm. Täglich passieren hunderte Marokkaner die Grenze, um ihre Ware auf der europäischen Seite zu verkaufen. Ältere Frauen mit schweren Kartons am Rücken, schreiende marokkanische und spanische Polizisten und darunter vereinzelte Touristen. Im August dieses Jahres überrannten knapp 200 Menschen diese Grenze. Obwohl auf afrikanischem Boden gelegen, gehört Ceuta seit einem halben Jahrtausend zu Spanien. Wer hierher kommt, hat es fast nach Europa geschafft. Hohe Zäune sollen Flüchtlinge davon abhalten. Wer erwischt wird, wird mithilfe des marokkanischen Regimes zurückgeschoben. Wer es aber dennoch schafft, kommt in der Flüchtlingsnotunterkunft CETI unter und wird von dort entweder in sein Heimatland abgeschoben oder aufs spanische Festland gebracht. Bis zu tausend Menschen aus ganz Afrika befinden sich hier. Um 13.30 Uhr eilen mehrere Migranten in die Unterkunft, denn nur bis 14 Uhr wird das Essen ausgegeben. Andere jedoch feiern einen Freund aus Angola, der morgen das Lager verlassen darf. Unweit des Lagers wird im Grünen gekocht, Alkohol getrunken, Musik gehört und gesungen. Drei Monate würde er woanders in Spanien unterkommen und dann dürfe er sich frei bewegen, erzählen sie uns. Eine Mischung aus Freude und Neid, aus Zuversicht und Verbitterung. Farid, ein Algerier Mitte vierzig, steht vor dem Eingang des Lagers und spricht uns auf Deutsch an. Er macht einen etwas diffusen Eindruck, hat eine außergewöhnliche Geschichte. Mit einer Deutschen sei er verheiratet gewesen, erklärt er. Sein Ziel: „Ich möchte meine Tochter sehen und in den Arm drücken. Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf oder nicht. Ich wurde 2004 vergiftet in Deutschland. Fragen Sie mich nicht warum.“ Farid hätte Deutschland aus Angst verlassen. Doch jetzt möchte er wieder zurück. Über die Zustände im Lager möchte er, wie alle anderen, die wir fragen, nicht sprechen. Der 45-Jährige möchte illegal nach Europa, er möchte keinen weiteren Tag in diesem Lager verweilen müssen. „Wir sind nicht wie die Schwarzafrikaner, die schaffen es leichter nach Europa. Aber wir Algerier haben keine Wahl und keine Chance. Entweder illegal oder gar nicht.“

Alltag auf Sizilien

85.000 Flüchtlinge kamen 2017 in Sizilien an. In Mineo auf Sizilien befindet sich das größte Flüchtlingslager Europas. Hier leben bis zu 4.000 Menschen.

85.000 Flüchtlinge kamen 2017 in Sizilien an. In Mineo auf Sizilien befindet sich das größte Flüchtlingslager Europas. Hier leben bis zu 4.000 Menschen.

Schauplatzwechsel: Auf der anderen Seite des Mittelmeeres, in Caltagirone auf Sizilien, treffen wir diejenigen, die es nach Europa geschafft haben. Doch die Situation scheint nicht viel besser zu sein. Schwarze Sandalen, Jeans, ein weißer Pullover, eine schwarze Sonnenbrille. Und die Kopfhörer, mit denen er Musik aus seiner Heimat Gambia hören kann. Noah ist im September volljährig geworden, noch ist er aber in der Unterkunft für Minderjährige – „bambini“, in Caltagirone. Keine Fragen zu seinem Weg, zu seiner Vergangenheit, macht er beim ersten Treffen klar. Er möchte sich an nichts erinnern. Aber er möchte loswerden, dass die Menschen hier rassistisch sind, ihn schräg ansehen, ihm das Leben schwermachen. Noah ist dünn, schmächtig. Beim zweiten Treffen im großen Park Caltagirones – Giardino Pubblico- will er mehr erzählen. Mit fünf Freunden aus seinem Dorf sei er losgegangen. Doch irgendwann kamen die vier in der Sahara zwischen Mali und Niger nicht mehr nach. „Es ist verrückt“, diesen Satz wiederholt er immer wieder und schüttelt dabei den Kopf. Er sei nicht der Kräftigste gewesen, doch er ist der Einzige, der es geschafft hat. „Sie sind bestimmt tot. Wir waren am Verdursten. Und sie kamen nicht nach. Ich kann es ihren Eltern immer noch nicht sagen. Jeden Tag mache ich mir Vorwürfe. Ich habe sie nicht gesucht, ich war selbst am Sterben.“ Noah sagt wieder und wieder, es sei nicht einfach, das Leben hier, das Nichtstun, das Nachdenken. Die Verwunderung steht ihm ins Gesicht geschrieben, er kann es selbst nicht fassen, dass er es bis hierher geschafft hat. Doch er weiß nicht, ob es das wert ist. „Ich würde nicht mehr kommen. Ich habe meinem Freund, der schon in Mali war, gesagt, er solle zurück, er soll nachhause. Das Leben in Europa ist nicht das, was wir uns gedacht hatten.“ Doch eigentlich hatte Noah eine starke Motivation. Die Ungerechtigkeiten des Kolonialismus prägen sein Denken. „Sie stehlen unser Gold und unsere Ressourcen und wir sollen dasitzen und verarmen. Nein!“ Sein Großvater sei Sklave gewesen, er habe ihm gesagt, er müsse verstehen, dass es nicht die Schuld der Afrikaner sei, dass ihr Land in der Misere steckt. Noah will lernen, er will studieren und er will etwas zurückgeben. Seine Freunde könne er nicht mehr zurückbringen, aber er könne all jenen helfen, die den Traum haben, ein besseres Leben für sich und ihre Familie zu verwirklichen.

Erbärmlicher Lohn

Sein Blick weicht immer wieder aus. Er wollte doch eigentlich gar nicht darüber reden, über das, was vergangen ist. Doch er muss. Und immer wieder fällt auf: Er befindet sich gar nicht im Park, sondern in seinem Heimatdorf in Gambia. „Da heiratet der Sohn, gründet eine Familie, baut ein Haus, neben dem Haus des Vaters und es entsteht ein Dorf. Man ist nie alleine, immer mit der Familie.“ Hier aber ist er alleine. Er denkt oft zurück. An sein zu Hause. Noah sucht die Erinnerung auf seinem Smartphone. Tanzende Menschen machen Musik. Er lächelt, seine Augen strahlen. „Hier habe ich gewohnt. Hier war es schön.“ Mehr als 85.000 Flüchtlinge kamen 2017 in Italien an. Im größten Flüchtlingslager Europas in Mineo auf Sizilien leben bis zu 4000 Menschen in Häusern die einst für US-Soldaten gebaut wurden. Auch wenn die Bauten nicht an eine typische Flüchtlingsunterkunft erinnern, die gelangweilten Soldaten mit ihren Gewehren und gepanzerte Fahrzeuge, die am Eingang stehen, erinnern uns: Hier ist kein gewöhnliches Leben möglich. Es ist aber auch ein Ort, der viele Arbeitsplätze für Italiener schafft, erzählen uns Einheimische. Eine Win-Win-Situation kann man wohl sagen. Denn auch die Flüchtlinge machen sich nützlich. Morgens stellen sich einige an die Schnellstraße Catania-Caltagirone. Hier werden sie dann von Landwirten der Umgebung gesammelt, um für einen erbärmlichen Lohn auf den Plantagen zu arbeiten. Das Geld schicken sie ihren Familien in die Heimat und riskieren dadurch ihre Chance auf einen positiven Asylbescheid, um der Langeweile zu entkommen.

Hasan Mamri ist selbst  vor mehr als 20 Jahren aus Marokko nach Italien gekommen. Heute hilft er geflüchteten Jugendlichen hier zu überleben.

Hasan Mamri ist selbst vor mehr als 20 Jahren aus Marokko nach Italien gekommen. Heute hilft er geflüchteten Jugendlichen hier zu überleben.

Hassan Maamri, ein Flüchtlingsaktivist, ist selbst vor mehr als 30 Jahren von Marokko nach Italien gekommen. Heute ist er einer der wichtigsten Ansprechpartner vieler junger Flüchtlinge Caltagirones. Auch in diesem Café wird er von jungen Menschen angesprochen. Scheinbar ist das sein Stammplatz. Zwei junge Flüchtlinge begrüßen ihn mit einer warmen Umarmung. Hassan ist mittlerweile ein richtiger Italiener. Sowohl seine arabische als auch seine englische Sprache haben einen italienischen Teint. „Schwarzarbeit ist nicht das einzige Problem hier“, berichtet er. Auch Verfahren, die sich über mehrere Jahre ziehen, Prostitution und die Involvierung der Mafia in das Geschäft mit den Flüchtlingen. „Es ist ein Prozess, der nie aufhören wird. Flucht wird nie stoppen. Momentan ist die Route eine andere. Es heißt immer wieder wir sollten ihnen in ihren Ländern helfen. Aber dort Geld zu investieren, heißt wieder heimische Strukturen zu zerstören. Vielleicht ändern sich die Wege oder die Richtungen, aber Flucht wird es immer geben, egal ob legal oder illegal.“

Gefangen in Libyen

Die meisten Menschen, die hier ankommen, bleiben nicht in Italien. Die Wirtschaft Italiens sei aber auf Migranten angewiesen, das verstünden auch die Italiener. „Was viele aber nicht verstehen, ist die schreckliche Erfahrung, die die ganz jungen Menschen auf dem Weg hierher und zuvor auch zu Hause machen mussten.“ Viele Menschen, die wir hier treffen, können noch gar nicht über die Geschehnisse auf ihrer Flucht in Libyen erzählen. Manche wurden gefangen gehalten, andere geschlagen und gefoltert, andere als Sklaven verkauft und sexuell missbraucht. Eine von ihnen ist Yunis. Sie ist 21. Eine der wenigen Frauen, die wir vor dem Camp in Mineo treffen. Das Leben hier mit Stillstand gleichzusetzen, ist ihr lieber als alles zuvor. Auch wenn sich hinter der idyllischen Fassade, dem blauen Himmel, dem Duft der Orangenblüten in Mineo ein trostloser Alltag befindet.

Mamadou in Marokko möchte nach Europa, um zu verdienen, der Familie Geld zu schicken und endlich anzukommen. Noah kann sich im Italienischunterricht nicht konzentrieren, denkt zu viel über seine Freunde, die er in der Wüste verlor, nach. Eigentlich bereut er es gekommen zu sein, möchte aber dennoch etwas aus seinem Leben machen, studieren und etwas zurückgeben. Sie beide sind gefangen an einem Ort, an dem sie eigentlich nicht sein möchten. Sie beide sind gestrandet auf dem Weg zu einem Ort, den sie sich nur erträumt haben.

Diese Reportage ist in der Ausgabe vom 2.2.2018 im „News“ erschienen.

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