Bloggerin Menerva Hammad: „Erlebe häufig Anfeindungen“

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Du bist eine waschechte Wienerin. Noch dazu bist du Bloggerin und hast die letzten Jahre vor allem in einem arabischen Land, in Kuwait, gelebt. Wie war das für dich?
Ungewohnt. Ich habe meine Comfortzone verlassen, das musste ich dort lernen. Es ist eine Gesellschaft, die sehr durchmischt ist, viele Nationalitäten und Religionen prallen dort aufeinander, noch mehr Sprachen und Kulturen. Es war sehr interessant. Die letzten 3,5 Jahre zwischen Kuwait, NY, Texas und Dubai zu leben, war sicher ein Abenteuer, ich würde aber nicht weiter so leben wollen. Ich bin ein Mensch, der Sesshaftigkeit in seinem Leben braucht.
Das Reisen, wie wir es aus den Feeds kennen und denken “Wow, das ist ein tolles Leben”, es ist aufregend und hat auch schöne Momente, aber wir haben in den 3,5 Jahren 6 Wohnungen bezogen. Beim Verlassen jeder einzelnen Wohnung, habe ich ein Stück meines Herzens dagelassen. Viele Sachen meiner Tochter habe ich verkaufen müssen, weil wir nicht alles mitnehmen konnten. Man ist hin und hergerissen. Mental und physisch. Mit Kind noch dazu. Das ist auf Dauer nicht mehr schön. Trotzdem hat mich die Erfahrung weltoffener und selbstständiger gemacht, ich habe das gebraucht.
Wie kam es zum Blog? Es gibt so viele Frauen und Mütter-Blogs? Was macht dein Blog besonders?  
Es kam zum Blog, weil schreiben billiger ist, als in Therapie zu gehen. Ich habe immer schon geschrieben, ich wollte schon viel länger einen Blog haben, wusste aber nicht, worüber ich schreiben sollte, ich hatte keine Nische. Da war ich im Ausland, hatte keine sozialen Kontakte, erlebte aber als Mama so viel Neues und wollte das dokumentieren. So entstand der Blog. Was ihn besonders macht? Das weiß ich nicht. Das suche ich auch nicht, es ist nicht mein Ziel besonders zu sein. Ich bin einfach ich. Der Blog ist einfach ein Blog für die Mama als Frau. Den Blog lesen viele Menschen, die gar keine Eltern sind. Er ist seinem Namen treu. Er ist wirklich ein Hotel, für Alle, die online einmal fliehen wollen, vom Alltag, oder einfach mal lachen, Denkanstöße suchen, oder in der U-Bahn etwas lesen wollen.
Du schreibst auch über Sexualität und Themen, die sehr stark tabuisieret sind. Erlebst du Anfeindungen?

Ja, Anfeindungen kommen häufig, aber nicht gegen den Inhalt, das wäre sogar wünschenswert. Es ist immer gegen meine Person. Ich habe eine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, die mir nicht wirklich auffällt, ich hab das nie so realisiert, plötzlich ist sie Grund, dass jemand einen Fake Account macht und mir sagt, dass ich scheiße aussehe. Eben aufgrund dieser Zahnlücke. Oder meine feministische Einstellung aufgrund des Kopftuches in Frage gestellt wird, das passiert auch oft. Aber der Inhalt wird selten kritisiert, das finde ich schade, ich würde mich über frische Denkanstöße freuen.
Du hast 3000 Follower auf Facebook und stehst im engen Kontakt mit deiner Community. Welche Fragen haben Frauen an dich? Was beschäftigt sie am meisten?
Ich stehe nur in engem Kontakt mit meiner Community, weil sie nicht zu groß ist. Wir sind auf Instagram 3000, auf FB auch und insgesamt um die 15.000 monatlich, das ist viel mehr, als ich mir gewünscht hätte und grad viel genug, wo ich noch sagen kann: es macht Sinn weiterzumachen. Mich lesen hauptsächlich Menschen in binationalen Beziehungen und Menschen, mit einem Humor, der meinem gleicht. Es passiert viel anonym. Die Fragen über Sexualität werden anonym gesammelt und dann von der tollen Sexualberaterin Petra Steiner ausführlich beantwortet. Hinter dem Blog stehe nicht nur ich, sondern vor allem jene Frauen, die mir ihre Geschichten anvertrauen. Ohne sie, gäbe es den Blog gar nicht in dieser Form.
Die letzten Jahre hast du dich darauf fokussiert dein Kind aufwachsen zu sehen und als Mutter da zu sein. Was hat das mit deinem Selbstbild, mit deiner Beziehung zu deinem Partner und mit dir als Frau gemacht?

Mit mir als Frau…dadurch wurde ich erst eine Frau. Nicht ich als Mutter bin in diesem Fall die Schule, sondern wirklich meine Tochter. Sie ist es, die mich vieles lehrt. Sie hat mir erst meine Grenzen gezeigt und wie ich sie durchbrechen kann. Nichts ist mit einer Mutterschaft vergleichbar. Die Erlebnisse, wie die Zeit vergeht, wie sie wächst, die kleine Person, die sie jetzt ist, das übertrifft all meine Erwartungen. Uns als Partner, naja, das war eine Mutprobe. Wir sind mit ihrer Geburt beide wieder geboren worden und jeder für sich hat sich in seiner Elternrolle finden müssen, dann als Person und dann erst, in diesen neuen Rollen, haben wir zueinander finden müssen, was jeden Tag aufs Neue passiert.
Laura Weissböck schreibt in ihrem Buch „In besserer Gesellschaft“ davon, dass wir uns heutzutage über unsere Arbeit definieren. Wir sagen nicht ich arbeite als Journalistin, wir sagen: Ich bin Journalistin. Meinst du wird die Karriere, Leistung und der Aufstieg in unserer Gesellschaft überwertet?  
Ja, definitiv. Ich habe mich selber beispielsweise noch nie als Journalistin gesehen. Im Englischen ist es leichter, da sagst du einfach: I´m a Writer. Da ist alles dabei. Ich bin fast 30 und weiß immer noch nicht, was ich einmal werden will. Ich verdiene durch das Schreiben mein Geld, bin aber keine Journalistin im herkömmlichen Sinn und würde das auch nicht so werden wollen. Vor der Mutterschaft war für mich Karriere auch alles, aber wenn ich einmal nicht mehr bin, möchte ich keinen Schreibtisch, sondern einen Teil von mir zurücklassen. Meine Ideen. Einen Teil meines Wesens. Meine Frage ist immer: Und wenn ich dann die supertolle Karriere habe, ja was dann? Dieses “was dann” und die Tatsache, dass ich es nicht beantworten konnte, hat mir die Augen geöffnet. Vielleicht geht es nicht um den Gipfel der Karriere, sondern um den Weg dorthin, um die einzelnen Momente, die kleinen Erfolge. Wenn ich mit 27 eine Chefredakteurin bin, dann freut es mich mit 45 nicht mehr. Leistung? Ja bitte, aber unbedingt weniger Labels und mehr …naja, Leistung.
Du stehst sehr stark in der Öffentlichkeit, postest viel aus deinem Leben, jeder weiß wie dein Mann aussieht, und hat das Gefühl dich zu kennen. Was sind die Gefahren oder Herausforderungen die damit einhergehen? Gibt man dadurch nicht ein Stück weit seine eigene Freiheit auf?  
Ich poste nicht viel aus meinem Leben, das ist ja da Instagram-Lüge. Ich poste vielleicht 10% aus meinem Leben, aber da man durch die Feeds nur das sieht, denkt man “Ich weiß alles über sie”. Mein Blog ist dazu noch ein Winzling und ein Hobby, das dann wächst, wenn Laila schläft. Zu wissen, wie mein Mann aussieht, finde ich jetzt nicht schlimm. Ich werde oft gefragt, ob ich eine Single Mum bin, weil er eben nicht so oft zu sehen ist. Ich lass mich gerne mit ihm sehen. Ich finde das schön. Leilas Gesicht war niemals online. Das wollten wir beide nicht. Mein Blog ist persönlich, aber nicht privat. Das was ich teile, damit können sich viele andere Leute identifizieren, aber ich werde nicht intim, oder privat. Ich bewahre oftmals Anonymität, ich verdiene durch den Blog kein Geld. Das mit der Freiheit trifft auf mich deswegen nicht ganz zu, weil ich eben noch einen kleinen Blog habe. Wenn es mich nicht mehr freut, wird alles deaktiviert. Wenn ich 100.000 hätte, wäre das etwas anderes.

 

Zuguterletzt möchte ich von dir wissen, was du dir für deine Zukunft wünschst? Du bist seit einigen Monaten ja zurück in Österreich, arbeitest bei Madonna und führst dein Blog erfolgreich weiter. 

Menerva Hammad

Menerva Hammad

Ich arbeite bei einer anderen Frauenzeitschrift, im Redaktionsmanagement. Ich wünsche meiner Familie und mir einfach nur Gesundheit und das wünsche ich allen Familien da draußen. Gesundheit und inneren Frieden. Dinge, die man halt nicht kaufen kann. Die machen alles aus.

Menerva Hammad ist in Alexandria auf die Welt gekommen. Sie führt den Mamablog „Hotel Mama“ und arbeitet beim Magazin „Madonna“.

 

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