Ein Vorzeigemodell für den Islamunterricht

Studenten lernen, Verantwortung für die Bildung und Ausbildung muslimischer Kinder zu übernehmen

Wien – Die Glocke läutet, die Schüler stürmen in die Klasse hinein. Hedija Hadzic betritt den Klassenraum. „Schritt für Schritt lebt man sich in den Schulalltag hinein. Je öfter man unterrichtet, desto besser fühlt man sich“, berichtet die 23-Jährige von ihrer schulpraktischen Zeit. Denn schon vom ersten Semester an musste die Lehramtsstudentin im Zuge des privaten Studiengangs für Islamische Religion an Pflichtschulen schulpraktische Studien absolvieren.

Hedija war 18, als sie sich kurzfristig für die Ausbildung entschied. Jetzt steht sie kurz vor ihrer Bachelorprüfung. „Ethik im Religionsunterricht“ ist der Titel ihrer Abschlussarbeit, die sowohl theoretische als auch praktische Elemente dieser Thematik behandelt. Das hat sie bewusst so entschieden, denn „es soll für die Religionslehrer im Unterricht nützlich und umsetzbar sein. Wir haben noch lange nicht ausreichende Materialien.“
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Köpfe der Zukunft: Jana Kossaibiti


In Teil zwei der neuen KISMET-Serie spricht die Bloggerin Jana Kossaibiti über ihre Leidenschaft täglich das neueste aus der Modewelt zu präsentieren. Das Originalinterview steht vorerst in englischer Sprache zur Verfügung, eine Übersetzung folgt in Kürze.

KISMET: Jana you´re a medicine student and started a blog (Hijab Style) some years ago, which got very popular. Can you tell me what you are doing exactly and what motivated you for doing that?

Kossaibiti: I started my blog, Hijab Style, in September 2007. I already had an interest in blogging, but didn’t really come across blogs which focussed on Muslim women’s fashion and clothing. So I decided to start my own, which is all about style ideas and fashion inspiration for Muslim women who wear hijab.

KISMET: Jana Kossaibiti, you got very public. Why do you gained so much fame and still have so much success with your job?

Kossaibiti: As one of the first blogs to cover Muslim women’s fashion in depth, it caught the attention of the media, and that definitely had a big impact on the blog’s popularity. Writing for The Guardian and Vogue.com brought the issue of hijab into a new light, that was rarely explored previously.

KISMET: You have over 23.000 visitors. What do you think, why there´s such a rush on your blog. How do you cope with it?

Kossaibiti: Even though my blog is primarily aimed at Muslim women in the UK, I often cover international designers and of course style ideas apply everywhere. I think

KISMET: Born and raised up in London, having Lebanese parents. What do you say about yourself? Where do you belong to?

Kossaibiti: I think of myself as British-Lebanese, taking the best of both cultures.

KISMET: Is Fashion something important for every muslim girl/ woman? Does the cultural heritage play a big role or is it minor matter?

Kossaibiti: Everyone places an importance on fashion to differing extents. For Muslim women who wear hijab, often it means that they need to put in more effort than most when considering their clothing options. Cultural heritage, again, will depend on the person. Many Muslim women prefer to wear only their traditional clothing, whereas others will incorporate only parts of it into their outfits.

KISMET: How do you combine western fashion with the Islamic dress code? What does your experience look like? Is it hard?

Kossaibiti: I always keep in mind the basic Islamic principles, for example wearing loose-fitting clothes, and try to find items which fit within those criteria. Although that usually means lots of layering, since it’s difficult to find clothes which for example, are both loose fitting, high-necked and long-sleeved.

KISMET: You said in an interview muslim women are underrepresented. Why? What are you doing to change that?

Kossaibiti: Most of the media discussions around and hijab and Muslim women are extremely polarised, and rarely do you see Muslim women themselves speaking. There always seems to be someone else doing it on our behalf, whether it’s male religious leaders or Western politicians. I think my blog provides a place where Muslim women can talk about hijab on their own terms, without interference from others.

KISMET: The debating of topics like integration, women in Islam etc. is always current and ongoing. Which impact do you have on the English society? Can you be part of a successful integration?

Kossaibiti: I think the issue of integration goes much further than simply what people wear. It’s more to do with attitudes and how much people are willing to part of the wider society.

KISMET: Do you have a certain message, which you are certainly trying to make public? An higher goal?

Kossaibiti: I’d like for people to understand that hijab is a ultimately a woman’s choice, and that it shouldn’t be over-inflated and used for political purposes. At the end of the day, it really should be down to the women herself whether she wants to wear hijab, how she does it and what her reasons are.

KISMET: If you close your eyes and think about the future. Where do you see yourself in ten years?

Kossaibiti: In ten years time, I hope to be enjoying my career as a doctor, as well as perhaps keeping up my interest in fashion on the side!

Interviewed by Nermin Ismail.(Picture: Private)

Köpfe der Zukunft: Sineb El-Masrar

In einer neuen KISMET-Serie stellt das Onlinemagazin erfolgreiche muslimische Frauen aus Europa vor. Den Beginn macht die deutsche Publizistin Sineb El-Masrar. Sie spricht über ihr Leben und wie sie sich die Zukunft vorstellt.

KISMET: Sie haben als eine von ersten Frauen in Deutschland ein eigenes Medium für die muslimische Frau in Deutschland auf die Beine gestellt. Wie sind Sie erst mal auf die Idee gekommen „Gazelle“ zu gründen?

El-Masrar: Gazelle ist kein Frauenmagazin nur für muslimische Frauen. Es bezieht allerdings als erstes Frauenmagazin in Deutschland gezielt auch diese Frauen mit ein – sowohl bei der Themenauswahl als auch beim Personal. Gazelle aus einem einzigen Bedürfnis entstanden: Nämlich die Lebensrealität Deutschlands in einem Frauenmagazin abzubilden. Und diese ist multikulturell geprägt. 2006, als Gazelle auf den Markt erschien, war und ist es anderen Frauenmagazin noch nicht gelungen.

KISMET: Sie haben einen großen Erfolg mit ihrem Magazin erzielt. Hat es auf ihrem beruflichen Weg Hindernisse gegeben, die Ihnen den Aufstieg erschwerten?

Der Erfolg ist der Nachfrage zu verdanken, die logischerweise bei der Zielgruppe Frauen besteht. Hindernisse gibt es vor allem noch bei den Anzeigenkunden, die sich schwer vorstellen können, dass Frauen mit einem Migrationshintergrund über Geld verfügen und es eigenhändig für Autos, Reisen, Kosmetika oder Kleidung ausgeben. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

KISMET: Womit beschäftigt sich das Magazin und wie schaut Ihr Team aus? Gibt es einen bestimmten Grundsatz, den „Gazelle“ verfolgt.

El-Masrar: Gazelle greift Themen auf, die Frauen interessieren. Gesundheit, Kultur oder Mode sind genauso vertreten wie in anderen Medien. Es werden Produkte oder Mode vorgestellt, die beispielsweise für dunklen Teint geeignet sind oder für Kopftuchträgerinnen. Nebenbei greifen wir gesellschaftsrelevante Themen auf, die aus der Lebensrealität der Frauen entspringen. Wie gestaltet sich heute eine Partnerschaft; wie erziehe ich meine Kinder bilingual; wie geht man mit dem Tod seiner ausländischen Eltern um oder wie schaffe ich es allein erziehend meinen beruflichen Weg zu gehen. Und vieles mehr. Bei uns ist es einfach immer wieder spannender und vielfältiger. Das haben wir vor allem dem Team zu verdanken, die selbst unterschiedliche Zugänge zur Gesellschaft haben, über Empathie verfügen und dadurch einfach aus einem viel größeren Fundus schöpfen können. Unsere Autoren sind daher nicht nur deutschstämmig, sondern auch russisch, arabisch, persisch oder asiatischstämmig.

KISMET: In einem Interview erzählten Sie von ihrer Erfahrung und gleichzeitig die anderer Jugendlichen und sagten: „Dauernd stellte sich uns die Frage der Identität, wir lebten mit verwandten Brüchen“. Haben Sie nun eine Antwort gefunden? Was wollen Sie den Jugendlichen in Deutschland, die genau mit solchen Problemen konfrontiert sind, heute mitgeben?

El-Masrar: Es ist und bleibt ein Prozess, den übrigens jeder Jugendliche durchlebt. Auch ohne Migrationshintergrund. Wenn aber jeder, der einen ausländischklingenden Namen oder dunkleren Teint hat nach seiner Herkunft gefragt wird, und sich deshalb wegen Diktatur oder Terror rechtfertigen muss, dann zeigt es vor allem, dass der Fragende noch einen langen Weg vor sich hat. Denn Schwarzköpfe – Aischas, Mehmets und Ivans, sind genauso Deutsch oder Österreichisch wie die anderen in dem Land auch. Und dieses Selbstbewusstsein, sollten sich die jungen Menschen aneignen, statt sich infrage zu stellen. Denn wichtiger sollte vielmehr die Persönlichkeit eines jeden einzelnen sein, statt seine Herkunft.

KISMET: „Muslim Girls“ nennen Sie Ihr heuer veröffentlichtes Buch, in dem Sie vom Alltag muslimischer Mädchen schreiben. Wie schaut dieser aus und wird sich hier noch in Zukunft viel ändern?

El-Masrar: Wie der Alltag von Frauen und Mädchen eben aussieht. Vielfältig und vor allem spannend! Die Mehrheit dieser Frauen und Mädchen sind bemerkenswert. Wie sie trotz aller Hürden und Startschwierigkeiten, die sie manchmal ihren Eltern oder der gesellschaftlichen Strukturen zu verdanken haben, ihre Ziele mit viel Durchhaltewillen erreichen. Das ist nicht nur inspirierend sondern auch vorbildlich. Statt sie bemitleiden verdienen sie großen Respekt!

KISMET: Gibt es eine bestimmte Message, die Sie durch Ihre Arbeit verbreiten wollen? Einerseits an die Menschen mit Migrationshintergrund und andererseits an die deutsche community?

El-Masrar: Jeden mit dem Respekt begegnen, den man sich auch von seinem Gegenüber wünscht. Und dem Gegenüber zuhören, statt ihn mit seinem vorgefertigten Bild zu nerven. Das gilt für beide Seiten – ohne Ausnahme.

KISMET: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

El-Masrar: Zufrieden mit dem was ich mache.

KISMET: Was wünschen Sie sich für, die immer aktuelle und hitzig diskutierte, Integrationsdebatte in Europa?

El-Masrar: Mehr Besonnenheit und vor allem Aufrichtigkeit.

KISMET: Abschließend noch eine etwas provokante Frage: Glauben Sie, würde sich Herr Thilo Sarrazin freuen Sie kennenzulernen oder wären Sie für ihn noch nicht integriert genug?

El-Masrar: Mich meint er ja nicht. Nur die anderen…

Das Gespräch führte Nermin Ismail.(Bild: Privat)

Köpfe der Zukunft: Kübra Gümüsay

Sie bloggt und publiziert Tag ein, Tag aus. Kübra Yücel-Gümüsay beleuchtet die Welt aus ihren Augen nicht nur auf ihrem erfolgreichen Blog, sondern auch in der renommierten Zeitung “TAZ”. Im dritten Teil der KISMET-Serie “Köpfe der Zukunft” spricht sie über Leben, Politik und große Visionen.

KISMET: Sie sind wie viele andere als Kind türkischer Eltern in Deutschland geboren, als eine von wenigen haben Sie es wiederum geschafft, bekannt zu werden und viel zu leisten. Wie hat ihre Geschichte begonnen? Gab es schwierige Momente auf diesem Weg?

Kübra Yücel-Gümüsay: Ich habe so ein Weltverbesserer- Syndrom. Ich wollte schon immer etwas tun, um den Menschen in meinem Umfeld zu helfen. Dazu habe ich auch verschiedene Wege eingeschlagen, beispielsweise als Modedesignerin, um der Welt zu beweisen, dass man auch mit Kopftuch schön aussehen kann. Anschließend in der Politik, um auf dieser Ebene etwas zu bewegen. Und letztendlich bin ich im Journalismus gelandet, da er für mich einen Rahmen bietet, über Dinge und Probleme in der Gesellschaft zu schreiben und die jeweiligen Lösungsansätze zu finden. Ich habe sehr früh angefangen privat über ganz verschiedene Dinge zu schreiben. Später bat mir die Schülerzeitung die Möglichkeit mehr an die Öffentlichkeit zu treten. Es ging dann relativ schnell weiter. Ich war dann im Vorstand der Jugendpresse, der Verband junger deutscher Journalisten, hier in Hamburg. Und später bin ich dann zur Chefredakteurin vom “Freihafen”, ein Jugendmagazin aus Hamburg, ernannt worden.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich immer offenen und toleranten Menschen begegnet bin und auch immer für Zeitungen und Medien geschrieben habe, die eher dem linken Spektrum angehören, das für die Vielfalt der Menschen steht. Das ist auch der Grund, warum ich kaum oder nur selten Probleme hatte. Nur ein Erlebnis, dass mir immer in Erinnerung bleiben wird, ist dass mir einmal ein bekannter Journalist vor meinen Kollegen weis machen wollte, dass ich als Journalistin nicht gut geeignet wäre, wegen meines Kopftuchs. Ich war natürlich erst einmal überrascht aufgrund seiner Begründung: als Kopftuchträgerin könne man nicht neutral sein. Ich hatte Glück, dass die ganze Redaktion sofort angefangen hatte mich zu verteidigen und ich musste kein Finger krümmen. Sie haben sich auch sehr darüber empört und ihm deutlich gemacht, dass das was er gerade gemacht hat nicht nur krass ist sondern einfach peinlich. In diesem Sinne hatte ich also wirklich sehr viel Glück die richtigen Menschen getroffen zu haben.

KISMET: Sie schreiben nicht selten über die Probleme der ausländischen Gemeinschaft in Deutschland. Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung?

Ein großes Problem hier in der Community mit Migrationshintergrund ist, dass sie keine selbstbewusste Identität haben. Sie sind oftmals hin und hergerissen zwischen zwei Ländern und sie haben oft das Gefühl, sie müssten sich für eine Identität entscheiden, was zu vielen Problemen führt. Obendrein werden sie von beiden Gesellschaften nicht so wie sie sind akzeptiert. Sie sind ständig diesem Druck ausgesetzt irgendwelche Leistungen erbringen oder sich beweisen zu müssen, um Anerkennung zu finden, was oft dazu führt, dass viele diese einfach in anderen Bereichen suchen. Einige rutschen dann in die Kriminalität. Der Großteil macht es sich in seiner Parallelgesellschaft, die es gibt, einfach gemütlich. Es ist natürlich viel einfacher Freunde zu haben, die auch aus dem gleichen Kulturkreis kommen, wo man Vieles nicht erklären muss, beispielsweise man muss nicht erklären warum man betet oder jenes Essen kocht und diese und jene Tradition pflegt. Man kann einfach ganz entspannt und ohne Komplikationen sein Leben führen. Das ist natürlich für die meisten viel einfacher. Aber die Herausforderung ist, das man es schafft die Identität und die Lebensweise, die man hat, beizubehalten, um mit ihr bewusst und eigenständig aufzutreten. Man muss begreifen, dass man sich nicht für ein Land oder eine Kultur entscheiden muss, sondern stolz darauf sein, dass einem diese Identität als Menschen ausmacht, dadurch dass man diesen Hintergrund hat. Ich mag türkische Musik und lese deutsche Autoren. Diese Interessen, die man hat ,soll man weiter ausleben und sie zu einem Tacker machen, der die Identität ausmacht. Mit dieser neuen Identität, soll man selbstbewusst in die Gesellschaft hinaustreten.

KISMET: Haben Sie auch für die Mehrheitsgesellschaft eine Forderung?

Ja, und zwar, dass die bio- deutsche Gesellschaft gleichzeitig auch offen sein soll Menschen als Menschen zu sehen, als Individuen. Dass man alle Vorurteile und alle Konflikte mit einer Religion, die man zum Teil hat, an dieser Person auslebt oder diese Person auffordert diese Religion zu verteidigen. Nein! Man muss Menschen als Menschen begreifen und so auch auf sie zugehen. Das heißt vorurteilsfrei und einfach mal offen.

KISMET: „Fremdwörterbuch“ nennen Sie ihren Blog. Warum noch immer fremd? Soll das eine Anspielung sein?

Am Anfang hatte es keinen tieferen Sinn, sollte auch keine Anspielung sein. Ich wollte nur einen Begriff haben, dass alles umfasst und nichts ausschließt. Eher wollte ich meinen Blog Wörterbuch nennen, das ging aber nicht, deswegen habe ich es Fremdwörterbuch genannt. Im Nachhinein, wenn ich jetzt zurück schaue, find ich das eigentlich gut, weil ich quasi mit der deutschen Sprache spiele und etwas Vertrautes benutze, aber mit fremden Gedanken, Einflüssen- im Sinne von anderen- als die, die hier bekannt sind, kombiniere, Einblick in die deutsche Gesellschaft gewähre aus einer mal anderen Perspektive. In dem Sinne finde ich, dass es sehr gut passt. Die Inhalte haben quasi dem Fremdwörterbuch erst richtig seine Bedeutung verliehen.

KISMET: Ein Internetbuch über Politik, Gesellschaft, Islam und Medien. Außerdem über London, Uni, Filme, Kunst, Musik und Kultur geht. So beschreiben Sie ihren Blog, doch was macht dieses Buch besonders und lesenswert?

Was mein Blog für viele lesenswert macht, ist die Tatsache, dass in den Medien ganz viel über den Islam und über die muslimische Frau diskutiert wird, aber nur wenig mit ihnen. Bei vielen, die keinen Zugang zu diesen Communities haben (wollen?) ist es so, dass sie in kopftuchtragenden Frauen einfach ein Meer an Tücher sehen und keine Individuen keine Gesichter keine Einzelschicksale, sondern einfach nur ein unterdrücktes Meer an Frauen, die verhüllt sind. Deshalb ist es für viele sehr interessant, ein Blog zu lesen von einer Frau, die aus diesem Meer stammt. Plötzlich bekommt das Meer ein Gesicht oder Gesichter und viele Individuen werden sichtbarer, das heißt man bekommt einen differenzierteren Einblick in eine Community und das ist natürlich für viele sehr spannend, weil sie einfach keine muslimischen Frauen kennen und auch keinen Zugang zu diesen Frauen finden. Deswegen ist es wichtig, dass politische Themen an persönlichen Erlebnissen diskutiert werden. Das ist vielleicht für Nichtmuslime interessant. Für Muslime ist mein Blog interessant, weil da einfach mal jemand die Probleme oder die Themen, die einem die ganze Zeit durch den Kopf schwirren, anspricht und diskutiert.

KISMET: Wie sehen Sie die Zukunft der Muslime in Deutschland. Einerseits haben wir Leute wie Sie, die ein Vorzeigebild sind und andererseits Menschen wie den Herrn Sarrazin, die alles noch erschweren. Wie blicken Sie in dieser Hinsicht auf die Zukunft?

Es gibt Bereiche in denen es besser wird. Gefühlsmäßig empfinde ich das Engagement als eine äußert positive Entwicklung. Wir haben ein Netzwerk gegründet von aktiven und engagierten Muslimen. Es war wirklich inspirierend zu sehen, wie verschieden sie sind, wie viel sie sich engagieren, welche Ideen dort herumschwirren und wie viel Potenzial in dieser Community ist. Das erste Mal für mich zu sehen, wie intellektuell und aktiv Muslime hervortreten und sichtbar werden. Das ist eine positive Entwicklung, dass sich viele Menschen jetzt trauen sichtbar zu werden. Oftmals wenn man in Deutschland über Muslime redet, hat man über die Problemfälle gesprochen- nur diese sind herausgestochen. Nun stechen auch die positiven Seiten hervor, die normalen eigentlich, die Masse tritt hervor, sie bekommt ein Gesicht, sie bekommt eine Stimme und ich glaube das ist eine unglaublich positive Entwicklung.

KISMET: Trotz diesem Fortschritt kommen beispielsweise Rassismus und Islamophobie häufig zutage. Die Frage ist, wie wird in Deutschland damit umgegangen?

Inzwischen ist in Deutschland Rassismus und Islamophobie allgegenwärtig geworden. Es ist kein Problem mehr Menschen auf der Straße zu beschimpfen oder anzuspucken. Es gibt auch Fälle, wo das Kopftuch runter gerissen wird, wo Menschen in den Universitäten ausgeschlossen werden. Viele diskriminieren auch unbewusst, weil sie das für normal halten, ein gewisses Unbehagen gegenüber Muslimen zu haben. Ich glaube, dass dieser Rassismus in den letzten Jahren zugenommen hat und immer mehr toleriert wird. Ich will nicht sagen, dass Menschen rassistischer geworden sind, das kann ich nicht beurteilen. Aber was ich feststelle und was ich festhalten kann, ist das inzwischen, wenn Rassismus ausgeübt wird da auch beide Augen zugedrückt werden.

KISMET: Ist es legitim der Politik die Schuld zuzuschreiben oder inwieweit schafft sie es Menschen negativ zu beeinflussen?

Die Politik spielt in diesem Prozess der Rassismustoleranz eine sehr große Rolle, weil sie es ist, die ihre eigene Verantwortung nicht mehr bewusst trägt. Sie reden, polemisieren und polarisieren gesamtgesellschaftliche Themen und Probleme. Wir haben ein sehr schlechtes Bildungssystem, viele Bildungslücken, wirtschaftliche und soziale Probleme. Das sind alles Sachen, die die ganze Gesellschaft betreffen und die wir eigentlich als Gesamtgesellschaft angehen müssten. Was die Politik macht, ist genau das Gegenteil- diese wirtschaftlichen und sozialen Probleme werden auf bestimmte Ethnien und bestimmte Religionen, insgesamt auf den Islam reduziert und dieser Gruppe zugeschrieben. Dabei sind sie zum Beispiel schulisch nicht erfolgreich, nicht weil sie Muslime sind, sondern weil es soziale Probleme in Deutschland gibt, weil unser Bildungssystem keine Chancengleichheit bietet. In Deutschland ist dein schulischer Erfolg zu einem hohen Prozentteil davon abhängig, welcher sozialen Schicht du abstammst. Wenn du aus einer gut situierten Familie kommst, hast du viel mehr Möglichkeiten und höhere Chance das Abitur abzuschließen und danach zu studieren, als jemand, der aus einer finanziell schwachen Familie kommt. Das sind soziale und wirtschaftliche Faktoren, die die gesamte Gesellschaft betreffen und keine Religion und keine Ethnie. Und diese Verantwortung übernehmen die Politiker sehr häufig nicht und versuchen dann ihre eigene Verantwortung einfach einer Religion oder einer Ethnie zuzuschreiben, um sich damit dann selber aus dem Schneider zu machen.

KISMET: Ihre Message an die Politik lautet also…

Dass die Probleme, die ja tatsächlich bestehen verantwortungsbewusst besprochen und diskutiert werden. Und zu ihrem eigenen Vorteil nicht polemisierende Politik zu betreiben, sondern Themen ehrlich angehen.

KISMET: Kann man Sie als eine Motivationsquelle für die jungen Menschen in Deutschland sehen?

Die Augen der Menschen zu öffnen, ihren Horizont zu erweitern- das hat mich immer motiviert. Ihnen die Möglichkeit zu geben sich selber weiterzubilden, sich selbst zu engagieren und sich zu entfalten. Und es ist nämlich sehr häufig so, dass Jugendliche großes Talent haben, riesiges Potenzial für verschiedene Dinge. Aber diese Talente und dieses Potential gar nicht erst entdecken, geschweige denn nützen. Diese Talente schlummern in den Personen und ein Grund dafür ist, dass sie nicht wissen, dass sie sich engagieren können. Sie wissen nicht, wo sie sich engagieren können. Das war auch immer ein Ziel von mir, das zu ändern. (Sie lächelt) Es freut mich sehr, wenn Leute anrufen oder mir schreiben, dass sie auch aktiv werden möchten. Ihnen überhaupt die Möglichkeit zu zeigen, dass sie es können. Dass man mit Migrationshintergrund, mit Kopftuch, als Frau sich weiterbilden kann, sich engagieren kann und positiv in die Öffentlichkeit treten kann, das wissen viele nicht. Es freut mich wirklich sehr, wenn ich solche Rückmeldungen bekomme und ich hoffe, dass es mehr werden, weil ich alleine reiche lange nicht aus und ich will auch nicht ausreichen. Ich will, dass es mehr Leute gibt.

KISMET: Sie haben viel durch ihre journalistische Tätigkeit erreicht und sind sehr bekannt geworden. Haben Sie jedoch ein höheres Ziel im Leben?

Ich habe Metaziele. Ein Stück Welt zu verbessern, da ich ja unter dem Weltverbesserer- Syndrom leide. Aber jetzt so direkte Ziele, wie ich möchte diese Karriere machen, hatte ich eigentlich nie. Ich habe auch immer wenig geplant, sondern immer geschaut, wo kann ich was tun und was macht mir Spaß und wie kann ich beides verbinden. Das hab ich im Journalismus gefunden. Ich kann mir vorstellen akademisch zu arbeiten, anfangen zu zeichnen und mich im künstlerischen Bereich auszuprobieren. Oder auch Modedesignerin zu werden, Buchautorin oder vielleicht weiterhin als Journalistin. Das hängt davon ab in welchem Stadion man sich persönlich befindet.

Das Gespräch führte Nermin Ismail.(Bild: Privat)

„Das Kopftuch ist wie ein Piercing“

Unterdrückt, ungebildet, unterwürfig: So stellt man sich eine Frau mit Kopftuch vor – Die Realität sieht anders aus: Viele muslimische Frauen sind gebildet, selbstbestimmt und emanzipiert – und stehen zu ihrem Glauben

Wien – Montag, 18 Uhr, vor der Haupt-Uni. Eine Gruppe StudentInnen unterhält sich angeregt. Durch ihr energisches, selbstbewusstes Auftreten fällt eine von ihnen besonders auf: Asma Aiad, 22-jährige Politikwissenschaftsstudentin. Sie trägt weiße Sneakers, Jeans, eine beige Tunika, eine extravagante Brille – und ein pinkes Kopftuch. Dem Klischee eines unterdrückten „Kopftuchmädchens“ entspricht sie ganz und gar nicht. „Als muslimische Frau mit dunkler Hautfarbe musste ich mich doppelt und dreifach behaupten“, erzählt Aiad. Das habe ihr Selbstvertrauen gestärkt.
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DerStandard SchülerTalk mit Heinz Fischer

Was wissen Jugendliche über Österreichs Geschichte?

Diese Frage war der Ausgangspunkt einer Diskussion, an der ich als Schülerin und Autorin des SchülerStandards mit Bundespräsidenten Heinz Fischer, teilnahm.

Der SchülerStandard berichtete:

„Der Unterricht endet meist beim Zweiten Weltkrieg“

21. April 2010, 18:49

Ein entspannter Bundespräsident diskutierte mit 130 Jugendlichen beim Standard-Schülertalk

Wien – „Man muss Geschichte mit viel Action vermitteln. Dann kommt sie bei den Jugendlichen an“, erklärt Gerlinde Szklarski, Geschichtslehrerin am ibc Hetzendorf. Actionreich gestaltete sich auch der Standard-Schülertalk zum Thema „Was wissen Jugendliche über Österreichs Geschichte?“ Dienstagabend in der vollbesetzten Lounge des Mumok.

Neben Stargast Heinz Fischer, diskutierten die Leiterin des Demokratiezentrums Gertraud Diendorfer, Gerlinde Szklarski, sowie Nermin Ismail (18) und Johanna Tirnthal (17). Neben der „Action“ dürfe der „Bezug zur heutigen Situation“ nicht verlorengehen, fordert Tirnthal. Denn erst die Verknüpfung mit der Gegenwart mache Geschichte lebendig. „Welche historischen Ereignisse sind Ihnen aus Ihrer Schulzeit in Erinnerung geblieben?“, wendet sich Moderatorin Bettina Reicher an den Bundespräsidenten. „Mein Lieblingsfach war Turnen“, erwidert dieser lachend. „Aber Geschichte und Mathematik kamen gleich danach.“ Neben der römischen Geschichte und der Aufklärung erinnere er sich vor allem an das 20. Jahrhundert.
Bei der Wahrnehmung des Unterrichts müsse man auch die Herkunft der Schüler berücksichtigen, fordert Diendorfer. Bei diesem Punkt hakt die 18-jährige Ismail ein, deren Familie aus Ägypten stammt: „Der Unterricht muss weiter in die Gegenwart reichen und die Geschichte von Einwanderern berücksichtigen. Dadurch kann man zu einer gemeinsamen Identität der Schüler beitragen.“ „Wo endet denn der Unterricht heute?“ , fragt Reicher ins Publikum. „Meistens beim Zweiten Weltkrieg“ , sind sich einige Gäste einig. „Das ist tragisch“, reagiert Fischer betroffen. Beim Holocaust angelangt, fordert Tirnthal, dass sich der Ton, in dem darüber erzählt wird, ändern müsse: „Man muss wegkommen von diesem ‚Wir sind verantwortlich, wir müssen das aufarbeiten‘. Denn wir Schüler sind nicht schuld daran“ .

Szklarski ergänzt, dass es wichtig sei, als Lehrer objektiv zu bleiben und nicht „mit der Moralkeule“ zu kommen. Nur so könne man Bewusstsein dafür schaffen. „Wo liegt da der Widerspruch?“, fragt Fischer irritiert. „Ich möchte meinen Schülern keine Meinung vorgeben, die sie unreflektiert übernehmen“ , reagiert Szklarski. „Eine Bewertung zwischen Gut und Böse ist bei diesem Thema aber doch notwendig“, kontert der Bundespräsident. Der Krieg und die Ermordung der Juden seien zweifellos die grauenvollsten Taten der jüngeren Geschichte und sollten auch als solche bezeichnet werden. Mit einem Schwenk zur Gegenwart wendet sich Karim Rihan (17) aus dem Publikum an Fischer: „Sind sie besorgt, weil es bei den letzten Wahlen so eine starke Tendenz nach rechts gegeben hat?“ . Der Bundespräsident reagiert entspannt: „Ich setze meine Hoffnung in alle neuen Jahrgänge, die jetzt erstmals ihre Stimme abgeben“. Rihan bestärkte Fischers Optimismus: „Ich kenne viele Leute, die bei der letzten Wahl eine rechte Partei gewählt haben. Doch durch das unmögliche Verhalten von Barbara Rosenkranz sind sie aufgewacht“ .

Politik und Geschichte müssen jedenfalls ineinanderfließen, reagiert eine Lehrerin im Publikum. „Der Lehrplan darf keine Entschuldigung für die fehlende Politische Bildung sein.“ (Selina Thaler, Antonia Reiss, DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2010)

Kopf der Woche: Ilham Moussaid

Anfang Februar wurde eine junge Muslimin als Kandidatin der Neuen Antikapitalistischen Partei im französischen Avignon präsentiert. Dieser Schritt brachte viel Trubel, rund um die ständige Diskussion des Kopftuches in Frankreich, mit sich.

Die neue antikapitalistische Partei (NPA- Nouveau Parti Anticapitaliste) besteht erst seit einem Jahr und hat jüngst für viel Aufsehen gesorgt. Durch die Kandidatur einer jungen Politikerin mit Kopftuch zur Regionalwahl, entstand angesichts der Kopftuchdebatte in Frankreich eine heftige Diskussion. Eine ungewöhnliche Entscheidung für eine Partei, die auf kommunistische Ideale basiert und sich u.a. auf eine anti-religiöse Grundlage stützt. Dazu kommt, dass nicht nur außerhalb der Partei starke Kritik ausgeübt wurde, sondern auch innerhalb der neuen Partei.

Jung, selbstbewusst, politisch aktiv und Muslimin mit Kopftuch. Die 21- jährige Ilham Moussaid zeigt sich empört über die Reaktionen auf ihren Antritt. Sie ist traurig „zu sehen, dass acht Jahre meines Lebens auf mein Kopftuch reduziert werden… zu sehen, dass mein persönlicher Glaube eine Gefahr für andere darstellt, während ich für Freundschaft, Respekt, Toleranz , Solidarität und Gleichwertigkeit aller Menschen kämpfe.“

Sie erzählt lächelnd, dass sie verstehe, dass man sie beschützen wolle, doch die Frage, die sich an dieser Stelle bietet ist: Wovor? Die in Marokko geborene Betriebswirtschaft-Studentin vertraut den LeserInnen in einem Interview mit der französischen Tageszeitung an: „Die Werte, die mir meine Eltern vermittelten sind die Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Solidarität.“

Reaktionen auf die junge Politikerin

Obwohl Moussaid mit der Unterstützung der Mehrheit ihrer Partei gerechnet hat, lehnen 15 Mitglieder das Kopftuch ab. Bemerkenswert ist die Reaktion der Feministinnen. Seit 2005 besteht die Organisation „Ni putes Ni Soumises“, die sich für Frauen und ihre Rechte einsetzt. Wie die französische Tageszeitung Le Monde berichtet, will diese gegen die Kandidatur Beschwerde einlegen, da sie diese Aktion als „eine anti-feministische, anti-laizistische und anti-republikanische Einstellung“ betrachten.

„Ich hab oft genug gesagt und erklärt, dass ich nicht unterdrückt werde, und ich glaube, dass sich hier sehen lässt, dass ein Mangel an Verständnis besteht“, so Moussaid. Betrachten viele das Kopftuch doch als Symbol der Unterdrückung der Frau.

Allerdings teilte die Partei mit, dass die Entscheidung Ilham auf die Liste zu stellen nur von den Parteimitgliedern in Vaucluse beschlossen wurde. Zudem sei die Nominierung nicht als nationale Entscheidung der NPA zu verstehen. Junge muslimische Frauen werden in den europäischen Gesellschaften aktiv und präsent, doch die große Barriere ist das Kopftuch. Werden sie sich zwischen Religion und Aktivismus entscheiden müssen?

Nadia El Bouroumi, Stadträtin der Opposition von Avignon schildert die Situation der jungen MuslimInnen in Frankreich und betont im Interview mit der französischen Tageszeitung: „Die Muslime meiner Generation versuchen um jeden Preis so wie die anderen zu sein. Ilham’s Generation hat keine Komplexe.“ Pierre Golard, Kopf der regionalen Liste war genauso zuversichtlich wie vor einigen Tagen und meinte Ilham hätte den Schock gut überstanden. Er fürchtet nur mögliche gewalttätige Angriffe.