Ramadan ist anders

Nermin Ismail

Nermin Ismail- Politik. Menschenrechte und alles, was mit Menschen zu tun hat. Hinhören und nachfragen.

Ein Monat lang von drei Uhr morgens bis neun Uhr abends nichts essen, nichts trinken, nicht fluchen und nicht schimpfen? Challenge accepted.

Mein Terminkalender ist voll. Fast jeden Tag eine Einladung oder Gäste im Hause Ismail. Das Zusammenkommen, die Solidarität mit Ärmeren – sprich Gutes tun – und gleichzeitig das Besinnen auf sich selbst stehen im Mittelpunkt dieses Monats. Ein Monat lang von drei Uhr morgens bis neun Uhr abends nichts essen, nichts trinken, nicht fluchen und nicht schimpfen? Challenge accepted.

„Was? Nicht einmal Wasser?“ Das ist oft die Reaktion auf mein Fasten. Aber im Ramadan geht es um viel mehr. Ramadan-Stimmung ist Lebensfreude: Kleine Laternen leuchten in den muslimischen Haushalten auf, alte Ramadan-Lieder ertönen aus den Lautsprechern, der Geruch traditioneller arabischer Küche (Ramadanspezialitäten wie Atayef, Kunafa und Khochaf) erinnert an alte Zeiten. Ramadan war schon immer eine besondere Zeit.

Lampen am Baum, Ramadan in Kairo
CC BY-ND 2.0 Annemee Siersma on flickr (Lampen am Baum, Ramadan in Kairo. CC BY-ND 2.0 Annemee Siersma on flickr)

Eine Woche vom Ramadan ist schon vergangen. Ich habe sie bisher sehr gut bestanden. Ja, wirklich, auch ohne meinen Kaffee, den ich normalerweise täglich in der Früh zu mir nehme. Ich faste nicht, um zu hungern oder um mich selbst zu quälen, sondern weil es eine gute Chance ist, mich im Verzichten und im Gedulden zu üben. Ein Monat im Jahr, in dem man versucht sich auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren. Ein Monat, in dem man zusammenkommt, Beziehungen auffrischt, über den Sinn des Lebens nachdenkt. Eine Zeit, in der man sich etwas mehr als sonst beobachtet, reflektiert und überlegt: Was stört mich denn eigentlich an mir selbst und inwiefern möchte ich ein besserer Mensch sein.

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Auf dem Sprung nach Europa

Die türkische Stadt Izmir ist ein Drehkreuz für den Handel mit Flüchtlingen. Schleuser und Geschäftsleute verdienen an denen, die nach Europa wollen. Ein Grenzbesuch

Von Nermin Ismail, Izmir und Lesbos

  1. Dezember 2015, 22:01 Uhr

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In der türkischen Stadt Izmir werden in Läden Rettungswesten für die Flüchtlinge angeboten. © Chris McGrath/Getty Images

Menschen bummeln und shoppen auf der Basmane-Straße. Doch das hier ist keine normale Einkaufsstraße. Das wird spätestens dann klar, wenn man die orangefarbenen Rettungswesten in den Auslagen sieht. Im Altstadtviertel von Izmir, der drittgrößten Stadt in der Türkei, stehen viele syrische Frauen am Straßenrand. Sie verkaufen Taschentücher, viele von ihnen halten ein Kind auf dem Arm. Immer wieder dringen Gespräche auf Arabisch herüber. Spätestens am Ende der Straße angekommen weiß man: Das ist kein gewöhnlicher Ort zum Einkaufen. Vor dem Restaurant Sindibad treffen sich die Schlepper. Sie treffen hier auf die Menschen, die nach Europa wollen und machen ihnen Angebote.
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„Latenter Generalverdacht in der Luft“

Terrorgewalt im Nahen Osten, Übergriffe auf Musliminnen in Europa und eine Politik, die damit überfordert zu sein scheint. Der Innsbrucker Universitätsprofessor Peter Stöger antwortet darauf mit einem Aufruf gegen Hysterie und zu mehr Besonnenheit. Im Gespräch erklärt er wie verstörend die Medienberichterstattung wirkt und wie damit umzugehen ist.

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Um 2 Uhr Früh das letzte Abendmahl

Von Nermin Ismail
  • Drei junge Muslime integrieren die Fastenzeit in ihren Alltag
(c) Asma Aiad

Jonas El-Halawany, Dina Mansour und Imen Bousnina – (c) Asma Aiad

Wien. 15 Uhr, Kastanienallee in Wien Meidling Fünf Jugendliche. Zwölf Kinder. Ein bunter Tisch, weißes Papier und unzählige Stifte. Rund herum stehen kleine Rutschen und Räder aus Plastik. Bälle werden quer durch den Raum geschossen. Spielzeuge liegen herum. Kinder schreien. Dina Mansour hat Hunger. Seit Sonnenaufgang hat die 16-Jährige nichts gegessen.

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Erdogan bei „uns“

Da ist endlich mal etwas los in meinem 22. Bezirk und ich bin nicht da. Wie ärgerlich. Als ich im Mai in Köln war, war ein großer Aufstand zu spüren. „Erdogan kommt nach Deutschland.“ Das hat man einfach mitbekommen. Dennoch schien mir die Aufregung etwas entspannter zu sein, als hier in Österreich. Der türkische Premierminister, über den seit geraumer Zeit immer wieder in den heimischen Medien berichtet wird, kommt nach Österreich. Der Mann, der friedliche Demonstrationen brutal niedergeschlagen haben soll, der ‚socialmedia‘ wie Facebook und Twitter sperre und als der ‚böse Türke‘ gemeinhin herhält. Nun abgesehen von der türkischen Innenpolitik und der Berichterstattung darüber, möchte ich etwas ganz anderes in den Fokus stellen.

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„Super bist!“ – Frauenlauf 2014

Ich steige in die U-Bahn ein. Eine, nein zwei Frauen blicken mich an und lächeln mich an. Auch sie haben das gelbe, grau gepunktete T-Shirt an. Na klar, alles stellt sich auf den Frauenlauf ein. Die U2 fährt nur bis Stadion und die Frauen Groß und Klein, fühlen sich verbunden. „Wir sind dabei!“ Sie alle werden in wenigen Minuten gemeinsam laufen. Sie alle werden einen gemeinsamen Weg haben und sie alle werden in die Zielgerade gehen. Dabei sind es nicht nur Frauen, die anwesend sind, sondern auch jede Menge Männer. Väter, Söhne, Brüder, Freunde, Lehrer, Kollegen. Sie alle sind gekommen, um die Frauen anzufeuern. Um ihnen zu sagen: „Ihr schafft es! Bleibt ja nicht stehen!“ Ein Lehrer der HTL ist auch da und hält ein Plakat mit folgender Aufschrift hoch: Weiter, meine Technikerinnen!

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في أمل

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Is there hope – Yes there is hope

Gibt es Hoffnung – Ja es gibt Hoffnung

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Fayruz. Sie ist die populärste Sängerin des Libanons und eine der bekanntesten im mittleren Osten. Während des libanesischen Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 verließ sie den Libanon nicht. Sie blieb in ihrer Heimat, fürchtete sich nicht. Fayruz festigte damit ihren guten Ruf in der arabischen Welt.

Inspiriert. Täglich sterben Menschen vor Hunger. Täglich versuchen Menschen vor ihrem Leben zu flüchten, in eine bessere Welt. Täglich erkranken Menschen. Täglich trauern Menschen. Heute haben wir alle möglichen technischen Möglichkeiten, Bilder aus aller Welt zu empfangen. Eine Auswahl dieser Menschen zu sehen, zu hören, mit ihnen mitzuempfinden. Das löst in mir Trauer aus. Ein Gefühl der Ohnmacht. Continue reading

„Die ausländische Dame“

…damit bin ich gemeint. Ja, ja, wer denn sonst. Und mit der ausländischen Dame kann man ja nicht sprechen. Die spricht ja höchstwahrscheinlich auch nur ausländisch. Deswegen spricht man einfach mit irgendwem anderen über die ausländische Dame.

Montagmorgen. Ich sitze im Zug. Es ist ziemlich warm. Verspätete Passagiere laufen hin und her und suchen nach einem freien Platz. Im ÖBB-Railjet nimmt sich jeder gerne zwei Plätze. Ist doch klar: die Tasche muss ja auch sitzen. Nicht da wo sie hingehört, sondern so nah wie möglich am Besitzer. Der beste Sitznachbar eben. Still und unkompliziert. So lege auch ich meine Tasche neben mir hin, eher unbewusst als bewusst mit der Intention, den Anschein zu erwecken, hier wäre schon besetzt.
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Die Hoffnung ist dahin

Hamza Namira, ein gesellschaftskritischer ägyptischer Sänger, hat ein neues Lied auf den Markt gebracht. Er drückt die Wut, die Trauer und das Leid vieler Ägypter aus. Vor allem aber auch spricht er die Zerspaltung des ägyptischen Volkes an und ihre Hoffnungslosigkeit.
„Ich will nie wieder nach Ägypten“, teilte mir eine Freundin, nach ihrem letzten Aufenthalt in Kairo, mit. Die Menschen seien frustriert wie noch nie zuvor. Die Hoffnung sei dahin. Genau diese Gefühle versucht Namira in seinem neuen Song: „Und was soll ich dir nur sagen?“ musikalisch auszudrücken. Continue reading

Feminismus für Dummies

Was ist denn das?
www.asmaaiad.com

Für die Rechte der Frau einzustehen zu sagen so geht das nicht, das ist für mich Feminismus. Ob man sich nun als Feministin bezeichnet oder nicht, ist im Grunde genommen zweitrangig. Es geht um wichtigere Sachen wie das Recht auf ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben und Gleichberechtigung. Dabei spielt es doch keine Rolle wie eine Frau aussieht oder welche Religion sie hat. Manche Feministinnen wollen aber leider anderen Frauen den Verstand absprechen und meinen Sklaven hätten auch nicht gewusst, dass sie versklavt seien. Für mich ist das eine Art Ignoranz. Zu sagen was für mich gut ist, muss auch für andere gut sein. Eine gute Frauenarbeit sollte keinen bestimmten Lebensentwurf aufzwingen, sondern jeder Frau die Freiheit geben zu tun und zu lassen was sie will.

Glaub an Dich!

Ich mache dieses Jahr eine Ausbildung in Salzburg. Deswegen bin ich oft dort. Das letzte Mal bin ich mit dem Zug gefahren. Er hatte ein wenig Verspätung und ich musste danach den Bus erwischen, um nicht zu spät zu kommen. Ist ja meist ein sehr unangenehmes Gefühl. Kennen wir doch alle. Gerade als ich aus dem Bahnhof rauskam, sah ich den Bus, der jeden Moment losfahren könnte. Kurz ganz kurz dachte ich nach: Rennen oder es sein lassen, weil es ohnehin total unrealistisch ist. Weiterlesen …