Salah aus Damaskus

Horn am 24.07.2015
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‚Seit acht Wochen bin ich hier. Ja, ich lerne Deutsch. Wie ein kleines Kind, das die Sprache zum ersten Mal erlernt. Ich habe eine lange Reise hinter mir. Vor drei Jahren wusste ich, ich muss Syrien verlassen. Keine Zukunft, habe ich dort mir ausdenken können. Ich ging mit meinem Bruder nach Ägypten. Aber die Syrer dort, die, die es geschafft haben, die nutzen dich nur aus. Wir haben dann ein Laden geöffnet, Cocktails und so Säfte. Nach einiger Zeit hat uns ein Ägypter reingelegt. Er bezahlte uns schlecht, nahm unsere Idee und nutzte uns noch mehr aus. Ich habe dann bei einem Muslimbruder gearbeitet. Die waren gut zu mir. Wir transportieren Chips zu den einzelnen Läden. Dann als Mursi gestürzt wurde, wurde das Geschäft von Militär gesperrt und ich ging nach Syrien zurück.In Damaskus, zu Hause, schien das Leben für eine kurze Zeit wieder normal zu verlaufen. Bis man mich zum Militärdienst aufrief. Aber ich wollte nicht kämpfen und bin geflohen.

In Österreich ist es gut. Ich wünsche mir nur, dass ich meine Frau und meine Tochter retten kann. Mehr will ich nicht. Die Sprache kann ich lernen, das ist kein Problem. Aber wenn ich einen freien Kopf hätte. Ich mache mir Sorgen um meine Familie.‘

Überwältigt

Ich bin überwältigt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viel Zuspruch für meine Arbeit erfahren habe. Meine Erfahrungen und Beobachtungen in Traiskirchen zu teilen, sehe ich als meine journalistische Pflicht. Wenn die Politik versagt, liegt es an uns, vor allem Medienmenschen, der Gesellschaft zu zeigen, was dieses Versagen für Folgen auf unsere Mitmenschen, auf unsere Gesellschaft hat.
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Fotos aus Traiskirchen

Ich habe heute erneut Fotos aus Traiskirchen erhalten. Einfach erschreckend, jedes Mal aufs Neue. Familien mit Kindern schlafen im Freien. Das ist eine Entmündigung ohnegleichen, wenn wir Menschen, die dem Krieg entflohen sind und ihr Leben dafür aufs Spiel gesetzt haben, nichts anderes anbieten können außer die Straße.
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Traiskirchen am 14. Juli 2015

Erstaufnahmezentrum Traiskirchen

Heute in Traiskirchen erzählte mir eine Mutter von ihrer Tragödie. Sie und ihre drei Kinder schlafen in einem Zelt. Nachts ist es kalt. Decken bekommt sie nicht. Seit Tagen hat sie nicht geduscht, umziehen kann sie sich auch nicht. Die WCs sind dreckig, nachts kann sie ihre Kinder nicht zum WC bringen, weil es finster ist. Kholoud, ihr Name, wünscht sich nichts außer einen menschenwürdigen Umgang. Familien, mit Kindern, schlafen im Park, erzählt sie. ‚Tiere werden besser behandelt, als wir hier. Es geht nicht um mich, wenn ich alleine wäre ok, aber meine Kinder. Warum sollen sie das hier erleben? Warum? Hat Österreicher wirklich kein Platz für uns? Dann lasst uns gehen!‘

Sie hat mir diese Fotos heute geschickt. Mit der Hoffnung, dass zumindest irgendwer von ihrem Leid erfährt.

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Help us!

***Traiskirchen am 13.7.2015***
Heute war ich mit einem Orf-Kamerateam in Traiskirchen. Zu viele Eindrücke von traumatisierte n Menschen und sehr viel Leid.

Ich möchte nur einige wenige Worte, einige von sehr vielen, hier wiedergeben.

‚Meine Frau ist schwanger. Da drinnen ist es grauslich, nicht sauber. Sie könnte das Baby jederzeit bekommen. Wenn Sie hier unser Kind gebären soll. Werde ich mich vorher noch erschießen.‘

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‚Wir sind Diplomaten, haben eigentlich in Kuwait gelebt. Jetzt sind wir seit Freitag hier. Ich möchte alle Österreicher fragen: würdet ihr wollen, dass eure Kinder in Zelte schlafen, ohne decken? Würdet ihr wollen, dass sie nachts nicht aufs WC können, weil es stockfinster ist? Wir halten das hier nicht aus. Niemand will sich verantwortlich fühlen. Mit wem soll ich reden? Lasst uns gehen, wenn ihr uns nicht versorgen könnt.‘

Ein Mann rennt uns hinterher und möchte nur folgende Worte loswerden: ‚Help! Help us here! This is prison. War is better. Help!‘

‚Ich schlafe mit meiner Familie im Park. Nachts ist es kalt. Es gibt andere Familien. Wir können nicht einmal duschen.

Sie lassen uns nicht rein. Warum werden wir bestraft?‘

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Eine Idee ist geboren

Ich werde jetzt ein Projekt starten, bei dem es darum geht Geschichten von Flüchtlingen zu erzählen. In letzter Zeit treffe ich viele geflüchtete Menschen. Sie alle haben eine Geschichte, die sie mitteilen wollen. Die Geschichten sind sehr bewegend und emotional. Diese ganz persönlichen Erzählungen werde ich hier wiedergeben. Mit einem Bild, oder mehreren. Um die Personen zu schützen, werde ich nicht immer, je nach rechtliche Lage, ihre Gesichter beziehungsweise ihre Namen verraten. Viele befinden sich mitten im Asylprozess und wissen nicht wie es ausgehen wird.

Die Todesreise

Weltflüchtlingstag: Flüchtlinge begeben sich in eine ungewisse Reise in ein fremdes Land, wo für sie ein neues Leben beginnt. Nermin Ismail schreibt über die Todesreise eines jungen Mannes aus Syrien.

(c) Nermin Ismail

Jehad Nour Eddin Al-Hussari lebte noch vor wenigen Monaten in Syrien. Er führte ein gewöhnliches Leben, sagt er und hält kurz inne. Als Imam in mehreren Moscheen tätig, studierte er Islamisches Recht an der Universität in Aleppo. Seine Eltern wohnten in Damaskus. Neben seiner Arbeit und dem Studium, verbrachte er viel Zeit mit seinen beiden Töchtern Rabia und Fatma. Doch dann herrschte Krieg. Der Krieg, der ihn von seinen Geliebten, von seiner Arbeit, seinem Studium und seiner Heimat trennte. Jetzt sitzt Jehad in Wien und versucht sich irgendwie durchzukämpfen, um ein neues Leben anzufangen.

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Der Traum einer Veränderung

Al-Hussari ist ein bekannter Name in der arabischen Welt.  Prominent wurde dieser Name vor allem durch den Koranrezitator Mahmoud Khalil Al-Hussari. Mit ihm ist Jehad verwandt. Nicht nur wegen seinem Namen, aber auch aufgrund seines Berufs sei Jehad in seiner Heimat geachtet gewesen. „Ein Prediger spricht die Massen an und hat somit auch Macht und Ansehen“, so der dreißig-Jährige. Er wirkt zart und schmächtig. Mit einem dünnen Reifen kämmt er seine dunklen, glatten Haare straff nach hinten. Der Syrer lebte mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in deren gemeinsamer Wohnung, die sich innerhalb der Moschee befand. Ihm war klar, dass er in seinen Ansprachen an die Gläubigen keine Kritik gegen Bashar Al-Assad ausüben dürfe. „Politik war immer ein Tabu.“ Dennoch musste er den Präsidenten im Gebet erwähnen und ihm obendrein nur das Gute wünschen. Frei sei er nicht gewesen, da er seine wahre Meinung nicht äußern konnte.

2011, als die Revolution erst anfing, war Jehad immer dabei. Bei jeder Demonstration in seinem Viertel hielt er motivierende Ansprachen und erinnerte die Menschen an ihre Verantwortung gegen das Unrecht anzukämpfen und für das Richtige einzustehen. Die Regierung erkannte damals die Wut der Bürger und sprach von geplanten Verbesserungen. Doch das sei alles eine Lüge gewesen, meint Jehad. Die Demonstranten, denen Gewaltlosigkeit ein indiskutables Anliegen war, planten immer regelmäßiger Aufstände. Auch immer mehr Städte und Viertel schlossen sich der Bewegung an. Als dann die Regierung mit dem Beschießen der zivilen Wohnviertel anfing und die Zahl der Opfer immer mehr anstieg, bestärkte das nur den Willen der Syrer im Kampf gegen die Ungerechtigkeit. „Es war unglaublich schön, rauszugehen mit vielen Menschen und nach der Freiheit zu rufen.“, kann sich der Imam erinnern. Die Konfrontation mit den Waffen und horrende Überteuerungen waren die einzige Antwort des Regimes darauf.

Menschen, die trotz dem Morden und Foltern von Gefangenen, hinter dem Regime standen, gab es auch. „Vor allem Aleviten und all jene, die vom Regime profitierten“, weiß er. Menschen, die als Prediger oder Gelehrte tätig waren hatten drei Möglichkeiten: Entweder sie stellen sich hinter Bashar und erhalten im Gegenzug Sicherheit und Schutz; sie schließen sich dem Widerstand an und setzen somit alles aufs Spiel, oder sie versuchen neutral zu bleiben und äußern sich gar nicht zu den Geschehnissen, so, als würde es sie gar nicht geben. Kurz nach den ersten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei, wurde die Moschee, in der sich Jehads Wohnung befand, bombardiert. Der Familienvater hatte keine andere Wahl als wegzuziehen. Doch auch da war die Lage nicht länger ertragbar. Vor allem für die beiden Töchter. „Es wurde jeden Tag geschossen. Meine Töchter, fünf und sechs Jahre alt, hatten Angst und haben viel geweint. Bei jedem Geräusch haben sie geschrien.“ Die Eltern machten sich Sorgen und wollten ihre Kinder vor Traumatisierungen beschützen. April 2011 zogen sie in die Türkei. Dort nahmen sie Freunde der Familie für eine Weile in der Moscheeschule in Gaziantep auf. Vier Monate ist Jehad mit seiner Familie dort geblieben. Jeden Freitag ging er aber nach Syrien zum Predigen.

Er erinnerte die Menschen an die Wichtigkeit gewisser Werte,  die man im Krieg zu haben hat, die Gewaltlosigkeit und an die Geduld, die deren Herzen füllen sollte. Das gefiel vielen Menschen nicht. Sie versuchten ihn zu beeinflussen und ihn davon abzubringen, Menschen gegen das Regime aufzuhetzen. „Sie versuchten mir Angst zu machen und bald kamen dann auch die ersten Drohungen. Von Anhängern Assads aber auch vom IS“, erinnert sich der Student. Für ihn waren es dennoch kostbare Momente der Freiheit, die er so schnell nicht aufgeben wollte und niemals vergessen wird. Die Demonstrationen waren freitags, auch hier war Jehad an vorderster Front. Als sich die Angriffe auf die Moscheen häuften, da als ein Ort des Widerstands vom Regime betrachtet wurden, entschied sich der dreißig-Jährige die Moscheen zu verlassen. Viele ließen sich einschüchtern und die Moscheen wurden auch immer leerer.

Der politische Aktivist Jehad beende die Tätigkeit als Imam und führte seinen ganz persönlichen Widerstand in einem anderen Rahmen weiter fort. Er wagte einen Karrieresprung und moderierte von nun an eine Nachrichtensendung beim Radiosender „Halab Al-Youm“. Es folgte ein religiöses Format mit dem Namen „Ulama Bilad Al Sham“, das von Jehad moderiert wurde und im Sender „Nasaem Syria“ erschienen ist. Nebenher arbeitete der Imam in einer Hilfsorganisation, die die Bevölkerung Syriens mit Brot versorgte. Doch das ist längst nicht alles, was Jehad in den letzten vier Jahren im Krieg in Syrien leistete. „Überall, wo ich etwas leisten konnte, tat ich etwas“, sagt er mit ruhiger Stimme. Wichtig sei ihm stets gewesen, nützlich zu sein und nicht während Unrecht geschieht, zuzusehen. „Du´at Murabitin“ hieß die Vereinigung, die er wenig später gründete.

Hier ging er an die Front und sprach mit den Kämpfern der Freien Syrischen Armee, um sie zu erinnern. „Wir gaben Tipps, leisteten Beistand. Sie sollen keine Unschuldigen töten, keinem Baum und keinem Tier schaden“, so Jehad. Mit der Zeit entstanden viele Probleme, die ihn daran hinderten diese Arbeit fortzuführen. Immer mehr Menschen wollten Unrecht zu Recht erklären und die Religion für ihre Zwecke missbrauchen. Auch innerhalb der Freien Syrischen Armee und der Widerstandbewegung ging es immer mehr um Positionen. Bis dahin kam es für ihn nicht in Frage das Land zu verlassen. Es ist seine Heimat. Auch im Krieg müsse er da bleiben, davon war er überzeugt. „Irgendwann realisierte ich, die Lösung liegt nicht mehr an uns. Die Lösung liegt alleine in der Hand der Weltpolitik. Solange sie den Konflikt in Syrien nicht lösen wollen, wird es nur schlimmer“ , sagt Jehad verbittert.

Ungewissheit und ein ständiges Warten

Jehad entschied sich im November 2014 für die Flucht. Er nennt sie die „Todesreise“. Seine achtjährige Schwester kam mit. Sie würde eine Familienzusammenführung in Österreich erleichtern. Der Plan war von der Küste Mersins nach Italien zu fahren. 6200 Dollar sollte die Bootsfahrt nach Italien kosten.  Täglich versprechen die Schlepper die Abfahrt, dann ändern sie den Plan. Ständig geben die Schlepper Treffpunkte und Uhrzeiten an, die sie nicht einhalten. Fünf Tage ging das so weiter, bis Jehad diese Ungewissheit nicht mehr ertragen konnte und sein Geld zurückforderte. Genau an diesem Tag sollte die tatsächliche Abfahrt stattfinden. Am Meer nicht weit von der Küste kam es zu einem technischen Schaden. Das Schiff mit 320 Passagieren, konnte nicht viel weiter fahren und drehte sich fünf Tage im Kreis. Das Schwanken machte die Menschen am Schiff nervös, viele übergaben sich durchgehend. Die Schlepper kündigten ein anderes Schiff an, das sie holen und weiterfahren würde, doch dieses trat nicht ein. Stattdessen hielt das Schiff in Zypern an, wo man sich um die Flüchtlinge kümmerte und sie nach Mersin zurückschickte. Die Schlepper behielten für diese Fahrt 200 Dollar von jedem einzelnen Flüchtling.

Nach diesem Versuch das Land über das Meer zu verlassen und nach Europa zu gelangen, war sich Jehad sicher, ein zweites Mal würde er dies nicht mehr tun. Freunde rieten ihm mit einem Boot nach Griechenland zu fahren und von dort mit dem Auto nach Österreich. Mit einem Schlauchboot fuhr Jehad, beim zweiten Versuch mit seinem Bruder, nach Griechenland. Es sei die schlimmste Erfahrung gewesen, viel mehr möchte er darüber nicht sagen. Für 1000 Dollar kamen sie in diesem überfüllten Boot in Griechenland an. „Wir gingen dann nach Athen, wo Schlepper auf uns zukamen und uns Angebote machten“, weiß Jehad noch. 5000 Euro seien noch wenig gewesen, doch das Geld hatte er nicht. Die Schlepper, beschreibt der Imam, als eine große Mafia, die die Straßen und das Meer kontrolliert. Da sie meist Lügen erzählten und die Menschen auf der Flucht mit der Zeit immer mehr verunsicherten, entschieden sich Jehad und sein Bruder die Reise alleine ohne Hilfe der Schlepper anzutreten.

Im Dezember erreichten die Temperaturen minus sechzehn Grad. Viel hatten die beiden Brüder nicht mit. Die meiste Zeit gingen sie zu Fuß den Bahngleisen entlang, versteckten sich in Wäldern und schauten darauf nicht erkannt zu werden. In Mazedonien angekommen, wurden sie drei Mal geschnappt und an die Grenze zurückgebracht. Jehad wusste nicht weiter. Nun schien die Reise endgültig zu scheitern. Die Kälte war untragbar und die Hoffnung schien immer mehr zu schwinden. Die Brüder trafen einen deutschen Mann, der mit ihnen in den Zug einstieg. „Er wollte uns helfen, aber wir hatten schon das Vertrauen in allen verloren.“ In Skopje konnten sie nicht aussteigen, das sei viel zu gefährlich, denn es könnte Polizisten geben, die ihre Papiere verlangten. An der Grenze, in Loja angekommen, trafen sie einen Mann bengalischer Herkunft. Ein Schlepperboss, wie ihn Jehad nennt, verlangte 500 Euro für sich und 200 Euro für den Helfer, der die zwei nach Serbien bringt.

Drei Tage gingen sie zu Fuß. In Serbien trafen sie auf einen Syrer, der dort lebte und sie herzlich willkommen hieß. „Das war einer der wenigen Menschen, denen ich auf der Flucht begegnet bin, die mir zeigten, dass es noch gute Menschen auf dieser Welt gibt.“ Nach einem ausgiebigen Essen, gab er ihnen Geld für die weitere Reise und empfahl ihnen Serbien sobald wie möglich zu verlassen. Ein weiterer Syrer, den sie am Weg kennenlernten, erzählte ihnen von einem Freund, der sie abholen würde und nach Ungarn bringen würde. „Wir warteten viele Stunden im Schnee. Ich spürte nichts von meinem Körper. Alles war wie vereist, erstarrt“, weiß er noch. Irgendwann nach gefühlten zwanzig Stunden kam das Auto und sie fuhren nach Ungarn. Dort trafen sie einen Schlepper, der sie im Lastwagen nach Villach brachte, wo sich Jehad und sein Bruder trennten. Sein Bruder wollte nach Deutschland und führte die Todesreise, wie Jehad sie nennt, alleine fort.

In Villach angekommen, ging Jehad zur Polizei, später wurde er nach Salzburg verlegt. Am 3.März 2015 wurde er als Asylant anerkannt. „Diese Reise lehrte mir so viel. Vor allem, dass man alles schaffen kann, wenn man daran glaubt“, meint Jehad. Der Syrer sah, dass die Straßen von Kriminellen beherrscht werden, die schon seit Jahren durch jegliche Krisen profitieren. Es wird kaltherzig mit dem Schicksal von hilflosen Menschen gespielt, was deren Geschäft zum Boomen bringt. Die Zustände in den Kriegsgebieten werden immer katastrophaler und es ist kein Ende in Sicht.

 

Suche nach Freiheit in einer neuen Heimat

Jehad wiederholt, er wollte seine Heimat nie verlassen und jedes Mal bekommt er dabei glasige Augen, doch irgendwann ging es nicht anders. Seine beiden Töchter Rabia und Fatma, verlassen niemals seine Gedanken und sind der Grund seiner Sorge, seitdem er gegangen ist. Er ist froh, dass seine Familie zumindest in Sicherheit ist, doch er vermisst sein zu Hause, seinen VW Käfer, den Duft der syrischen Straße und seine Moschee. Er hält kurz inne, sein Blick flüchtet. Nach Syrien zurückgehen will er nie wieder, zu viel hätte er dort an Grausamkeit gesehen. Frei konnte er nie sein in Syrien und als er dies versuchte, und sich in die Vorstellung verliebte in seiner Heimat frei und gleichgestellt leben zu können, wachte er in einem fremden Land auf.

Der zweifache Vater ist überzeugt, dass viele vom Krieg Nutzen ziehen. „Russland, China und Iran. Und so lange es Mächte gibt, die Waffen liefern, wird weiterhin gemordet“ Der sogenannte „Islamische Staat“ ist für ihn nichts als eine terroristische Organisation, die die Religion missbraucht, um politische Interessen durchzusetzen. Viele seien verblendet und das kommt von einem fehlenden Verständnis der Religion. Sein jetziger Schmerz ist Unabhängigkeit und Stabilität. Noch könne er nicht so gut Deutsch, bis er arbeiten kann, wird es dauern. Und eine Wohnung ohne Arbeit wird er nicht bekommen.

Ein Anliegen hat Jehad: Er möchte als Mensch und weniger als armer Flüchtling behandelt werden. Er wünscht sich von Österreich mehr Nachsicht und Beistand. „Wir kommen vom Krieg zerstört hierher und wollen nur ein normales Leben. Wir wollen arbeiten dürfen, auf unsere eigenen Beinen stehen und nicht vom Staat abhängen.“ Das Zusammenleben funktioniere in seiner Heimat seit Jahrzehnten problemlos, deswegen müsse es doch auch hier in Europa möglich sein. Seine Wünsche für die Zukunft: „Ich möchte meine Kinder und meine Frau bald wieder sehen und sie hier bei mir haben. Ich möchte studieren und als Arabischlehrer arbeiten.“ Jehads Reise geht weiter, dieses Mal in Richtung Leben.

(c) Nermin Ismail

Das lange Warten

„Friedhof der Flüchtlinge“, so nennen syrische Flüchtlinge Oberösterreich untereinander. Auch in der kleinen Gemeinde Waldzell im Innkreis warten 24 Männer aus Syrien seit Mitte September 2014 auf ihren Bescheid. Ein Stimmungsbericht. | Reportage und Fotos: Nermin Ismail

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Waldzell, eine kleine Gemeinde im Bezirk Ried im Innkreis in Oberösterreich. Der Ort ist das, was man verschlafen nennt. Am Dorfplatz thront eine Statue von Andreas Goldberger, einem österreichischen Skispringer. Man ist stolz auf den Waldzeller. Daneben gibt es noch einen Supermarkt, eine gotische Kirche, eine Schule und zwei Wirtshäuser. Mitten im Ort, gegenüber dem Hauptplatz, liegt der stattliche Georgshof. Zuletzt blieben die TouristInnen aus, das Hotel meldete Konkurs an. Seit vergangenem September ist im Georgshof eine Gruppe syrischer Kriegsflüchtlinge untergebracht.

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Türkische Aktivistin: „Es gab einen Zwang, sich europäisch zu kleiden“

INTERVIEW | NERMIN ISMAIL
5. Mai 2015, 16:03
Hidayet Şefkatli Tuksal über Strafen für Gewalt, die nur in der Theorie existieren, und Frauen zwischen Tradition und Modernität

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dieStandard.at: Welche speziellen Probleme haben Frauen in der Türkei?

Tuksal: Auf rechtlicher Ebene gibt es kaum Probleme. Dazu beigetragen hat die konsequente Arbeit der Frauenrechtsbewegungen, aber auch die EU-Beitrittsverhandlungen. Im Zuge der Vorbereitungen auf den Beitritt hat die Türkei die internationalen Menschenrechte über ihre eigenen Gesetze gestellt. Was die Umsetzung angeht, da mangelt es noch. Es wurden immer noch keine effektiven Lösungen gefunden, wenn es um Gewalt an Frauen geht. Zusätzlich hat sich die Gleichstellungsrhetorik der Regierung zu einer entwickelt, die ein sehr traditionelles Geschlechterbild hat. Die Regierungspartei ist grundsätzlich konservativ. Die religiösen Gruppen, die stark und einflussreich sind, vertreten auch ein veraltetes Geschlechterverständnis.

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Die Prinzessin der Rhythmen

Véro La Reine will die kamerunische Bikutsi-Musik von Österreich aus in die Welt tragen. Ein Porträt der Sängerin von Nermin Ismail.

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Voller Elan und für ihre Bühnenperformance bekannt: Véro La Reine singt am 30. Mai beim Südwind Straßenfest im Alten AKH in Wien.

Ohne Musik geht es nicht. Wenn Véro La Reine morgens aufsteht, legt sie Bikutsi auf und tanzt los. Bikutsi? Das ist der Name der traditionellen Musik der Béti in Südkamerun. Das Wort weist auf eine typische Tanzbewegung der Musikrichtung hin. „Bikutsi ist mein Leben. So muss der Tag anfangen“, sagt Véro La Reine.

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Konvertitin: „Meine Familie akzeptiert mich nicht als Muslima“

PORTRÄT | NERMIN ISMAIL
1. April 2015, 07:00

Silke Kettmann trat vor vier Jahren zum Islam über und rief in Wien das Projekt „Hatice“ ins Leben, das Musliminnen in Notlagen hilft

Ihre Sprache verrät ihre Herkunft. Silke Kettmann ist in Ostdeutschland auf die Welt gekommen und groß geworden. Mit 21 Jahren kam sie als Republikflüchtling nach Bayern. 2002 führte sie ihr Weg nach Wien, wo sie „ein ziemlich normales Leben“ führte. Ihr ehemaliger Mann war Diplomat. Mit ihm ist sie nach Österreich gekommen. Ihre Familie ist zurück nach Deutschland gegangen, doch sie blieb in Wien. Von einer selbstständigen Zahntechnikerin zur Künstlerin bis hin zur Begleitlehrerin und Sozialarbeiterin hat sie alles probiert.

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„Wir wissen wenig über Ägypten”

Regisseurin Alexandra Schneider erzählt von ihrer Arbeit in Ägypten. Ein Gast-Interview von Nermin Ismail.

Zum ersten Teil des Interviews: „Mit Mursi setzte Entsetzen ein“

Nermin Ismail: Wie schätzen Sie die derzeitige Lage in Ägypten ein?
Alexandra Schneider: Es ist jetzt so eine Pendelbewegung, die von der Straße mehr innerhalb der Hausmauern geschwappt ist. Der Diskurs muss innerhalb der Häuser weitergehen. Patriarchale Strukturen müssen in Frage gestellt werden. Es ist auch im Beruflichen kaum üblich, dass man eigenverantwortlich arbeitet, man hat einfach Vorgesetze, die alles diktieren. Solche Dinge gehören auch dazu, wenn eine ganze Gesellschaft auf Dauer demokratischer werden will. In Europa war das auch ein langer Prozess.  Nach der Französischen Revolution kam auch Metternich und Biedermeier, ein Polizeistaat mit Spitzelwesen, trotzdem gab es diese Kultur der Diskussion und diese Bürgersalons. Es ist vielleicht nicht so offensichtlich, was passiert, aber es passiert etwas. Erst dann kannst wieder auf die Straße gehen.

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Alexandra Schneider: „Mit Mursi setzte Entsetzen ein”

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Ein Film erzählt von der Zeit nach der Revolution in Ägypten. Im Mittelpunkt steht die neue ägyptische Generation – Opfer und Heldinnen

Regisseurin Alexandra Schneider erzählt  von ihrer Arbeit in Ägypten und ihrem neuen Dokumentarfilm „Private Revolutions“, der derzeit in den österreichischen Kinos zu sehen ist. Im Film begleitet sie eine Bankerin, die ihre Karriere für ihren Traum aufgibt, eine Muslimschwester, die für die Kampagne Mursis arbeitet und zwei weitere Revolutionärinnen. Ein Gast-Interview von Nermin Ismail.

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