„Die ausländische Dame“

…damit bin ich gemeint. Ja, ja, wer denn sonst. Und mit der ausländischen Dame kann man ja nicht sprechen. Die spricht ja höchstwahrscheinlich auch nur ausländisch. Deswegen spricht man einfach mit irgendwem anderen über die ausländische Dame.

Montagmorgen. Ich sitze im Zug. Es ist ziemlich warm. Verspätete Passagiere laufen hin und her und suchen nach einem freien Platz. Im ÖBB-Railjet nimmt sich jeder gerne zwei Plätze. Ist doch klar: die Tasche muss ja auch sitzen. Nicht da wo sie hingehört, sondern so nah wie möglich am Besitzer. Der beste Sitznachbar eben. Still und unkompliziert. So lege auch ich meine Tasche neben mir hin, eher unbewusst als bewusst mit der Intention, den Anschein zu erwecken, hier wäre schon besetzt.
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Zeit für die Islamstunde

Von Nermin Ismail

Wien. Jahrelang haben die Lehrer für den islamischen Religionsunterricht in Österreich mit unprofessionellen Materialien gearbeitet. Amena Shakir wollte das ändern. Die Germanistin und Religionspädagogin war von der Notwendigkeit kompetenzorientierter und zeitgemäßer Religionsbücher überzeugt und initiierte das Schulbuchprojekt „Islamstunde“. Seit diesem Jahr werden die Bücher in Österreichs Volksschulen verwendet. Mit der „Wiener Zeitung“ sprach Shakir über Diversität, Heimatgefühl und den Generalverdacht, unter dem Religionsbücher stehen.
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Kann jeder Deutsch-Sein?

Betül Ulusoy schreibt über die traurige Geschichte eines Freundes aus Cottbus in Deutschland und die Reaktion des Bundespräsidenten auf seine Geschichte. Ein Text über das Empfinden einer deutschen Aktivistin, über Alltagsrassismus, Islamophobie und Lichtblicke.
Betül Ulusoy mit Joachim Gauck
Betül Ulusoy mit Joachim Gauck

Am Montag war ich zu einer ganz wundervollen Freundin zum Fastenbrechen eingeladen – bis heute ist nämlich noch die Fastenzeit der Bahai – und wir hatten einen ganz wunderbaren, herzlichen und lustigen interreligiösen Abend mit vielen Gesprächen sprichwörtlich über Gott und die Welt. Es wurde spät und nach einem Abschieds-Selfie (natürlich!) wurde es dann leider doch sehr ernst und traurig, als ein Freund – es gibt selten so herzensgute Menschen auf dieser Welt – davon erzählte, was ihm vor einiger Zeit in Cottbus widerfahren ist. Weiterlesen

Blutspendedebatte: Sensibilität fehlt

(C) http://www.muslimespendenblut.de/aktionen.phpLeserkommentar | Ismail Nermin
13. Februar 2014, 17:13

Muslime gehören keiner homogenen Gruppe an. Das macht die Diskussion um ein Verbot für Blutspenden absurd

Die Muslime. Das sind immer Türken. Sprechen nicht wirklich gut Deutsch. Sind in Südosteuropa zu verorten und aja, auf ihre Gesundheit achten sie meist kaum. Es sind immer dieselben Bilder, die bei vielen auftauchen, wenn sie Islam oder Muslime hören. Sie werden unterschwellig betoniert, verschärft und bekräftigt. Bei Musliminnen ist es oft schlimmer. Weiterlesen

Aus freiem Willen spenden und nicht aus Gruppendruck

Die ungekürzte Version meines Artikels in der Wiener Zeitung zum Missverständnis bei der Blutspendeaktion, bei der Linzer Muslime abgelehnt wurden.

Wien. Verwirrung, Empörung und Enttäuschung kamen bei den muslimischen Bürgern in Österreich auf, als eine Blutspendeaktion der Islamischen Religionsgemeinde am Dienstag vom Roten Kreuz in Linz bei einem Telefonat abgelehnt wurde. Die Ablehnung wurde im Nachhinein damit begründet, dass die medizinischen Leiter des Roten Kreuzes ein erhöhtes Vorkommen von Hepatitis-B-Antikörpern bei Menschen aus Südosteuropa verorten. Weiterlesen

Die Hoffnung ist dahin

Hamza Namira, ein gesellschaftskritischer ägyptischer Sänger, hat ein neues Lied auf den Markt gebracht. Er drückt die Wut, die Trauer und das Leid vieler Ägypter aus. Vor allem aber auch spricht er die Zerspaltung des ägyptischen Volkes an und ihre Hoffnungslosigkeit.
„Ich will nie wieder nach Ägypten“, teilte mir eine Freundin, nach ihrem letzten Aufenthalt in Kairo, mit. Die Menschen seien frustriert wie noch nie zuvor. Die Hoffnung sei dahin. Genau diese Gefühle versucht Namira in seinem neuen Song: „Und was soll ich dir nur sagen?“ musikalisch auszudrücken. Weiterlesen

Elternabend

Lehrer: „Naja schauen sie. Er ist eh gescheit. Und wie ich sehe, sprechen sie ja auch so gut Deutsch. Es kann also nicht an der Sprache liegen. Er versteht ja Deutsch. Er ist kein Dummer. Gell Karim, du verstehst eh alles, oder?“

Schüler: „Naja manchmal sind sie sehr schnell und da komme ich nicht mit.“

Lehrer: „Na aber deine Schwester spricht doch auch sehr gut Deutsch. Welche Sprache sprecht ihr denn daheim?“

Ältere Schwester: „Ich will nur kurz klarstellen, es geht nicht um die Sprache. Es geht darum, dass Sie ihm einfach zu schnell sind und, dass er oft nicht mitkommt.“

Lehrerin: „Verstehe. Aber sie sprechen ja Deutsch zu Hause, oder?“

Dian Pelangi in Wien

Mit nur 21 Jahren die größte Modedesignerin Indonesiens. Dian Pelangi ist die Modeschöpferin Südostasiens schlechthin. Sie ist mittlerweile in der gesamten nicht nur muslimischen Modeszene bekannt und bringt immer wieder Farbe und Innovation in die traditionelle indonesische und muslimische Mode. Weiterlesen …

30 Jahre islamischer Religionsunterricht in Österreich

Weltweit gibt es Millionen Kinder, denen etwas fehlt. Vielen von ihnen werden die Grundbedürfnisse gestillt, doch mangelt es ihnen an einer grundlegenden Sache. Auch in Europa gibt es nach wie vor Millionen Kinder, denen dieser essentielle Lebensbestandteil abgeht. …Sie haben keinen Zugang zu professioneller religiöser Bildung.

Obwohl der Islam schon seit Jahrhunderten die europäische Kunst, Kultur und Wissenschaft mitgeprägt hat, besteht noch ein großer Nachholbedarf in der rechtlichen und gesellschaftlichen Anerkennung von Muslimen in Westeuropa. Die institutionalisierte Gleichstellung des Islam mit anderen Religionsgemeinschaften ist derzeit flächendeckend nur in Österreich umgesetzt worden: schon vor mehr als hundert Jahren wurde das Islamgesetz in der österreichischen Verfassung verankert. Eine Besonderheit, auf die Österreichs Muslime stolz sind. Weiterlesen …

Die Trennung: Ein Witz

(c) Nermin IsmailBei einem Spaziergang mit meinen liebsten Freundinnen in der Altstadt Salzburgs erblicke ich einen Wagen mit einem großen Aufkleber, worauf ein gebrochenes Herz zu sehen ist. Drunter steht: Trennungsagentur. Ich zeige darauf hin und muss es belächeln. Wir lachen. Ich frage mich: Wie absurd ist denn das jetzt? Ja, ich kenne Singlebörsen und Verkupplungsagenturen. Aber Trennungsbörsen, die sind mir neu. Umso interessanter. Drei ältere Männer in Anzug blicken zu uns. Hab ich zu laut gesprochen? Oder war es mein sonderbares Lachen, das ihre Aufmerksamkeit auf uns zog?
Einer der Mitte 60- Jährigen bleibt kurz vor den zwei anderen Herren stehen und sagt in einer tiefen Stimme: „Schatz!“ Ich bin irritiert. Ich lausche. „Bald ist unsere silberne Hochzeit. Was wünscht du dir?“ Seine Stimme geht plötzlich in die Höhe: „Die Scheidung.“ Und wieder in die Tiefe: „Na. So viel wollte ich auch wieder nicht ausgeben.“ Wir kichern. Alle sechs. Dann atmen wir auf, wenden uns langsam ab und lachen weiter. Unsere Wege trennen sich, doch unser Gelächter war noch zu hören.

Das liebe ich an Menschen. Diese Gelassenheit. Mit anderen Menschen zu spaßen, sie auf der Straße anzusprechen und gemeinsam zu lachen. Wie wunderbar ist das und wie sehr bringt es uns zusammen.
(c) Nermin Ismail