Fastenbrechen für Anfänger

„Ramadan – Teilen ohne Grenzen“, so lautet der Titel eines Pilotprojektes der muslimischen Jugend Österreich. Im islamischen Fastenmonat Ramadan wollen junge Muslime und Musliminnen auch sozial tätig werden – auf unterschiedlichste Art und Weise.

*Dieser Beitrag ist im ORF Religionsmagazin „Religionen der Welt“ erschienen. Gestalterinnen sind: Ursula Unterberger und Nermin Ismail

„Österreich ist das islamischste Land der Welt“

Vor 20 Jahren flohen 90.000 Bosniaken nach Österreich. Was aus ihnen wurde, wie sie heute leben, und warum sie hierzulande vor allem die freie Glaubensausübung schätzen – eine Nachschau.

Wien. Für so manchen österreichischen Bosniaken ist 2012 ein markantes Jahr: Einerseits feiert dieser Tage das Islamgesetz sein 100-jähriges Bestehen, andererseits kamen viele von ihnen vor 20 Jahren und im Zuge des Balkankrieges ins Land. Doch wie leben diese Menschen heute?

„Ich bin glücklich und zufrieden, Österreicher zu sein“, sagt Ismet Hurtic. Der Salzburger ist 1992 mit der Hilfsorganisation „Nachbar in Not“ im Zuge des Bosnien-Kriegs nach Österreich geflüchtet. In diesem Jahr begann die Belagerung Sarajewos. „Die Wahl auf Österreich fiel spontan“, erzählt er heute. Immerhin war es eine Kriegssituation, in der man nicht viel Zeit zum Nachdenken habe.
Weiterlesen …

Islam und Mode: Ein Kopftuch für jeden Stil

Der Begriff “Kopftuch” führt in die Irre – denn es gibt unzählige Arten, wie Muslimas ihren Kopf bedecken. Vier junge Frauen sprechen über ihre Motive, ihren individuellen Stil und wo sie ihre Kopftücher kaufen.

„Brauchst du nicht voll lange, um dieses Tuch zu binden? Und ist es nicht umständlich?“ Mariam steht auf, nimmt das Kopftuch ab, legt es auf den Tisch. Alle Blicke richten sich auf sie – warum macht sie das? „Darunter trage ich eine Art Stirnband, das auch farblich zum Outfit abgestimmt ist“, sagt sie mit ruhiger Stimme und zieht auch dieses runter.

Die 20-Jährige ist nicht das erste Mal bei einer dieser Veranstaltungen, bei denen es um interkulturellen, interreligiösen Dialog geht. Bei denen sie die Chance nutzen will, selbst zu Wort zu kommen – und sich nicht über Medien und Politiker definieren zu lassen. Diesmal ist es ein fraueninterner Workshop im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema Islam in Österreich. „Ich wurde immer als Oberösterreicherin gesehen. Jetzt auf einmal bin ich die Ausländerin“, erzählt sie.
Weiterlesen …

Fehlentscheidungen und ihre „fürchterlichen Folgen“

Buchrezension. Zehn Thesen zum prekären Verhältnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt.

Wien. – „Ihr würdet euch wundern, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.“ Mit diesem Zitat von Papst Julius II. leitet Jürgen Todenhöfer den Leser in eine erbarmungslose Geschichte ein. Ignoranz sei oft genauso gefährlich wie Bosheit. „Viele Fehlentscheidungen des Westens gegenüber der muslimischen Welt hängen mit der Unkenntnis einfachster Fakten zusammen“, fährt Todenhöfer fort.

Geschämt habe er sich immer wieder bei seinen Reisen im Irak, in Afghanistan und weiteren muslimischen Ländern aufgrund des Unsinns, den westliche Politiker und Publizisten über die muslimische Welt verbreiteten. Mit der Scham könne man leben, doch nicht mit den „fürchterlichen Folgen“, die die politische Führung der westlichen Mächte anrichtet.
Weiterlesen …

Fachtagung: Gelungene Integration durch Religionsunterricht?

(c) www.irpa.ac.at

Was Religionsunterricht bringt, wie er zur Integration beitragen kann und welche Herausforderungen im interreligiösen Unterricht stecken – diese Fragen standen bei der Fachtagung „Religionsunterricht und säkularer Staat“ im Mittelpunkt.

Am 3. und 4. November fand eine Fachtagung mit dem Titel “Religionsunterricht und säkularer Staat” in den neuen Räumlichkeiten des Hochschulstudiengangs für das Lehramt für Islamische Religion (IRPA) in Wien Liesing statt. Hochrangige PädagogInnen und WissenschaftlerInnen aus ganz Europa wie unter anderem Paul Zulehner, Bülent Ucar, Anton Pelinka, Tarek Badawia und Susanne Heine thematisierten die dialektische Beziehung von Religiosität und Schule. Unterstützt vom Staatssekretariat für Integration des Bundesinnenministeriums sowie vom Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, standen im Zentrum der Tagung auch Thematiken rund um dem säkularen Staat und Religion.
Weiterlesen …

„Sunnitischer Islam erlaubt keine islamische Staatsform“


Die Muslimbrüder schlossen Abdel Moneim Abu El-Futuh wegen seiner Entscheidung, bei der Präsidentschaftswahl zu kandidieren, aus

Er fühle sich der Idee trotzdem noch verbunden, sagt er im Gespräch mit Nermin Ismail.

*****

STANDARD: Sie haben sich nach der Revolution entschieden, als ehemaliger Muslimbruder, für die Präsidentschaftswahl zu kandidieren. Soll Ägypten mit Ihnen als Präsident islamisch werden?

Abu El-Futuh: Ich habe mich entschieden, unabhängig und nicht als Repräsentant der Muslimbrüder zu kandidieren. Auch wenn ich von dieser Organisation getrennt bin, fühle ich mich ihrer Idee noch verbunden. Allerdings wollen alle islamischen Bewegungen in Ägypten keinen islamischen, sondern einen zivilen, demokratischen Staat: eine Verfassung, ein Parlament, welches das Volk repräsentiert und eine Regierung, die demokratisch gewählt ist. Der sunnitische Islam erlaubt keine islamische Staatsform. Deswegen ist die Furcht vieler Menschen, die Islamisten würden einen religiösen Staat installieren, fehl am Platz. Das war und wird nicht sein.

STANDARD: Heißt dies, dass im Islam, Ihrer Auffassung nach, Religion und Politik getrennt sein sollten?
Weiterlesen …

Dudu Kücükgöl: Islam und Feminismus sind kein Widerspruch

Muslimische Frauen werden in der Öffentlichkeit vor allem als Opfer betrachtet. Viele von ihnen wehren sich gegen dieses Bild – sie sehen sich als Feministinnen in der Tradition des Propheten Mohammed.

Wien. Feminismus zielt auf die Gleichstellung von Frau und Mann ab. Er beinhaltet „Handlungen und Haltungen, die die Unterdrückung, Benachteiligung, den Ausschluss und die Marginalisierung von Frauen zu überwinden versuchen“, wie Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer sagt. Weiters versuchen Feministinnen, Ungleichheit aufgrund von sozialer Position, Ethnizität, Religion oder sexueller Orientierung aufzuheben. All das sind Anliegen, die auch muslimische Frauen vertreten – und sie erheben diese Forderungen zum Teil auch lautstark.
Weiterlesen …

Köpfe der Zukunft: Yassmin Abdel-Magied

Frauen und Motorsport? Für Yasmin Abdel-Magied kein Traum, sondern tägliche Realität. In unserem Interview spricht sie über die Liebe zu lauten Motoren und schönen Autos. Das Gespräch ist in englischer Sprache verfasst.

KISMET: You have a passion for cars which is not usual and ordinary. Not for women and even less for muslim women. How did you become involved with that?

Yassmin Abdel-Magied: To be honest my love for motorsport only really began when I was in middle school at about 13 years old. I saw a film where a kid was a go kart racer and fell in love with the idea and then began to read more and more about cars, machines, F1 and racing. I remember taking out all the F1 history books from the library and trying to remember all the names of the greats… and realised the beauty of it all!

KISMET: So you´re the first female, Muslim, formula one racing driver. How do the reactions from your surrounding field look like? Are peoples surprised when they hear of your passion?

Oh I am not there yet! But it is definitely a dream I would love to achieve. The reactions have been quite varied – but the level of response and reaction has been really incredible. I have had many people wish me luck and unequivocal support, and I have had others tell me that this isn’t really the place for women, let alone Muslims. I think it actually brings up a lot of other issues that lie beneath the surface as well in terms of gender equality in such a sport and what people think Muslim females can or can’t do. My father is of the opinion that it is better for me to pursue the technical/engineering aspect, while my mother simply said to me – “if you really really want this and you won’t be doing anything that is Islamically incorrect then go for it.” So there has been every extreme and everything in between, but I just do what I do.

KISMET: You were born in Khartoum, raised up in Brisbane, you´ve visited islamic and christian schools and now you´re studying mechanical engineering at the Brisbane university. Did you go through the phase of the lost identity like most people having migration background?

I think everyone that migrates to a different country and grows up in a society that is different to the one they are brought up in will always face an identity challenge, and I am no exception. Alhamdulilah though, having my parents and family around me, as well as having a strong foundation of faith from my Islamic school days helped me immensely. I think it was most difficult during high school, as that is an age where we are all trying to figure out who we are and where we stand in this world, but I found my purpose in life early on Alhamdulilah, and that was to help people, and to have an impact on everyone I meet inshallah. One way I do that is by embracing my more uncommon passions, like cars, and showing people that Muslims aren’t all that different! I think I have grown to enjoy my differences as something to be proud of and to be embraced.

KISMET: Tell me about Youth Without Borders? (When did it start, do you have a team, how was it at the beginning, what are your activities etc.)

YWB actually started as an idea at the end of 2007. It was the four days before my QCST exams (the final exams for year 12, that sets our high school graduating results), and I had been selected to attend a conference called the ‘Asia Pacific Cities Summit’. It was a fantastic experience and as part of the Youth component, 100 young people from around the Asia Pacific came together to talk about change in our region. Something I noticed throughout the four days though, was the although there were many extremely passionate and capable youth in our region, they still competed for funds, still had conflicting interests…even though they were all working on similar issues, trying to help the same people. It led me to think “wouldn’t it be great if there were an organisation whose pure focus is to bring these people and organisations together to work on projects?”. That is essentially how YWB was born. I pitched the idea on a boat trip during the conference and got mixed reception…but I decided to do it anyway. Now here I am! We have a strategic board of three, a management committee of 10 and a membership in Australia of 70 and around the Asia Pacific of about 150. Projects we do range from organising mobile libraries in Indonesia to setting up football teams for marginalised kids in Brisbane, and we are always looking for new places to expand and grow!

KISMET: „Shinpads and Hijabs“ is the soccer team coached by you. Are sports important in your life? What do you want to achieve with this project?

Sports are actually an extremely important part of my life. From being an extremely avid football fan (the biggest one in my family actually), to boxing for the last three years and also cycling, running and going to the gym on a regular basis, I find the importance of healthy living and staying fit imperative for everyone, regardless of gender, religion or race. Shinpads and hijabs is an extraordinary project started by Football United and partnering with YWB – essentially teaching young Muslim girls to play football. We train them at the school and have brought in national champion female soccer players from around the country to show these girls how it is done. Not only do these girls now have an increased sense of confidence in their ability, as well as an increased level of fitness, we have provided these girls with an opportunity they may have never previously been able to access. Some are considering taking up soccer as a full time extracurricular sport and joining and league, and now many parents are more comfortable with their girls playing organised sport more competitively. I am a great believer in sport being one of the great equalisers and football is definitely the world game and a passion for many, so it is great to see it bring change and open the eyes of so many Muslim girls here in Brisbane.

KISMET: Yassmin you´re dedicated to empowering youth in Australia and around the world. What can you do for youth all around the world?

What can I do? That’s a pretty big question I guess! Anything the world needs me to do I guess. I am reluctant to ‘talk for the Muslim Youth’ because we are so varied and all face various issues, but I am dedicated to the concept of empowerment and will work for it wherever in the world I am. For now, that happens to be Australia, but who knows where that might lead me to inshallah. Make no mistake though, I am willing to give it my all!

KISMET: What do you want people to know about Islam and Muslim women?

I guess there are a few things that people should understand – however I will preface this by saying that I am no expert on these matters! In terms of Islam; Islam is an extremely varied and multicultural religion and there are so many

KISMET: Last year you were awarded the Young Queenslander of the Year. How did you feel?

Subhanallah it was amazing! It was so unexpected and I felt extremely humbled and indebted to everyone who has helped me along the way, especially my parents – without whom, I would not be here! It has also given me the amazing opportunity to reach out to so many more people and to learn so much more! Definitely something that I feel blessed to receive and I hope that I can use it to its full potential inshallah.

KISMET: What do you want to reach exactly with your work? Do you have a certain message?

There are a number of things I want to achieve in my life inshallah… nothing so concrete as yet but I want to have a positive impact inshallah on every person I meet; essentially live a life that is worthwhile and that leaves a legacy. I also want to impress this upon everyone I talk to as well; don’t underestimate the impact you can have on someone else’s life. My hope is that inshallah by living, I have made others’ lives better.

KISMET: Yassmin do you think being part of the integration process of muslim youth in Brisbane. Can you change the picture of the oppressed, poor, muslim woman represented in the media through your participation and emancipation? Are you breaking stereotypes?

I would like to think that I am inshallah! In fact, I take pride in doing things in the most unexpected way, and being a mechanical engineering, football loving, F1 aspiring boxer – as well as a female Muslim, does a pretty good job of breaking stereotypes you might say. But also just being open to questions — being able to have conversations about Islam and politics but also the rugby and the cricket – shows people that it I am just another Australian youth and they have nothing to fear. I believe that ignorance is the cause of most prejudice as people fear what they do not know, so if I can help remove that ignorance, then we can inshallah remove any prejudice and fear. I do think we are extremely lucky though in Australia, the system has supported me this far =)

KISMET: How do you see your future and the future of the integration debate around the western society?

To be honest I am not exactly sure. I know it is going to be difficult at times, but also I believe people are ultimately good and are willing to learn, so hopefully we can work with that.

KISMET: Last but not least you´re planning to build your own vehicle? Is this true?

Yes I am! I am saving up for a really good set of tools at the moment, but am searching for a corvette stingray that I can work it. It will probably take a fair few years, but I will love it! In the meantime I might just settle for a regular datsun, but from my previous experience I will also need a ‘daily driving’ car; ones that are being worked on aren’t always completely reliable!

Interviewd by Nermin Ismail.(Picture: DR)

Ein Vorzeigemodell für den Islamunterricht

Studenten lernen, Verantwortung für die Bildung und Ausbildung muslimischer Kinder zu übernehmen

Wien – Die Glocke läutet, die Schüler stürmen in die Klasse hinein. Hedija Hadzic betritt den Klassenraum. „Schritt für Schritt lebt man sich in den Schulalltag hinein. Je öfter man unterrichtet, desto besser fühlt man sich“, berichtet die 23-Jährige von ihrer schulpraktischen Zeit. Denn schon vom ersten Semester an musste die Lehramtsstudentin im Zuge des privaten Studiengangs für Islamische Religion an Pflichtschulen schulpraktische Studien absolvieren.

Hedija war 18, als sie sich kurzfristig für die Ausbildung entschied. Jetzt steht sie kurz vor ihrer Bachelorprüfung. „Ethik im Religionsunterricht“ ist der Titel ihrer Abschlussarbeit, die sowohl theoretische als auch praktische Elemente dieser Thematik behandelt. Das hat sie bewusst so entschieden, denn „es soll für die Religionslehrer im Unterricht nützlich und umsetzbar sein. Wir haben noch lange nicht ausreichende Materialien.“
Weiterlesen …

Köpfe der Zukunft: Sineb El-Masrar

In einer neuen KISMET-Serie stellt das Onlinemagazin erfolgreiche muslimische Frauen aus Europa vor. Den Beginn macht die deutsche Publizistin Sineb El-Masrar. Sie spricht über ihr Leben und wie sie sich die Zukunft vorstellt.

KISMET: Sie haben als eine von ersten Frauen in Deutschland ein eigenes Medium für die muslimische Frau in Deutschland auf die Beine gestellt. Wie sind Sie erst mal auf die Idee gekommen „Gazelle“ zu gründen?

El-Masrar: Gazelle ist kein Frauenmagazin nur für muslimische Frauen. Es bezieht allerdings als erstes Frauenmagazin in Deutschland gezielt auch diese Frauen mit ein – sowohl bei der Themenauswahl als auch beim Personal. Gazelle aus einem einzigen Bedürfnis entstanden: Nämlich die Lebensrealität Deutschlands in einem Frauenmagazin abzubilden. Und diese ist multikulturell geprägt. 2006, als Gazelle auf den Markt erschien, war und ist es anderen Frauenmagazin noch nicht gelungen.

KISMET: Sie haben einen großen Erfolg mit ihrem Magazin erzielt. Hat es auf ihrem beruflichen Weg Hindernisse gegeben, die Ihnen den Aufstieg erschwerten?

Der Erfolg ist der Nachfrage zu verdanken, die logischerweise bei der Zielgruppe Frauen besteht. Hindernisse gibt es vor allem noch bei den Anzeigenkunden, die sich schwer vorstellen können, dass Frauen mit einem Migrationshintergrund über Geld verfügen und es eigenhändig für Autos, Reisen, Kosmetika oder Kleidung ausgeben. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

KISMET: Womit beschäftigt sich das Magazin und wie schaut Ihr Team aus? Gibt es einen bestimmten Grundsatz, den „Gazelle“ verfolgt.

El-Masrar: Gazelle greift Themen auf, die Frauen interessieren. Gesundheit, Kultur oder Mode sind genauso vertreten wie in anderen Medien. Es werden Produkte oder Mode vorgestellt, die beispielsweise für dunklen Teint geeignet sind oder für Kopftuchträgerinnen. Nebenbei greifen wir gesellschaftsrelevante Themen auf, die aus der Lebensrealität der Frauen entspringen. Wie gestaltet sich heute eine Partnerschaft; wie erziehe ich meine Kinder bilingual; wie geht man mit dem Tod seiner ausländischen Eltern um oder wie schaffe ich es allein erziehend meinen beruflichen Weg zu gehen. Und vieles mehr. Bei uns ist es einfach immer wieder spannender und vielfältiger. Das haben wir vor allem dem Team zu verdanken, die selbst unterschiedliche Zugänge zur Gesellschaft haben, über Empathie verfügen und dadurch einfach aus einem viel größeren Fundus schöpfen können. Unsere Autoren sind daher nicht nur deutschstämmig, sondern auch russisch, arabisch, persisch oder asiatischstämmig.

KISMET: In einem Interview erzählten Sie von ihrer Erfahrung und gleichzeitig die anderer Jugendlichen und sagten: „Dauernd stellte sich uns die Frage der Identität, wir lebten mit verwandten Brüchen“. Haben Sie nun eine Antwort gefunden? Was wollen Sie den Jugendlichen in Deutschland, die genau mit solchen Problemen konfrontiert sind, heute mitgeben?

El-Masrar: Es ist und bleibt ein Prozess, den übrigens jeder Jugendliche durchlebt. Auch ohne Migrationshintergrund. Wenn aber jeder, der einen ausländischklingenden Namen oder dunkleren Teint hat nach seiner Herkunft gefragt wird, und sich deshalb wegen Diktatur oder Terror rechtfertigen muss, dann zeigt es vor allem, dass der Fragende noch einen langen Weg vor sich hat. Denn Schwarzköpfe – Aischas, Mehmets und Ivans, sind genauso Deutsch oder Österreichisch wie die anderen in dem Land auch. Und dieses Selbstbewusstsein, sollten sich die jungen Menschen aneignen, statt sich infrage zu stellen. Denn wichtiger sollte vielmehr die Persönlichkeit eines jeden einzelnen sein, statt seine Herkunft.

KISMET: „Muslim Girls“ nennen Sie Ihr heuer veröffentlichtes Buch, in dem Sie vom Alltag muslimischer Mädchen schreiben. Wie schaut dieser aus und wird sich hier noch in Zukunft viel ändern?

El-Masrar: Wie der Alltag von Frauen und Mädchen eben aussieht. Vielfältig und vor allem spannend! Die Mehrheit dieser Frauen und Mädchen sind bemerkenswert. Wie sie trotz aller Hürden und Startschwierigkeiten, die sie manchmal ihren Eltern oder der gesellschaftlichen Strukturen zu verdanken haben, ihre Ziele mit viel Durchhaltewillen erreichen. Das ist nicht nur inspirierend sondern auch vorbildlich. Statt sie bemitleiden verdienen sie großen Respekt!

KISMET: Gibt es eine bestimmte Message, die Sie durch Ihre Arbeit verbreiten wollen? Einerseits an die Menschen mit Migrationshintergrund und andererseits an die deutsche community?

El-Masrar: Jeden mit dem Respekt begegnen, den man sich auch von seinem Gegenüber wünscht. Und dem Gegenüber zuhören, statt ihn mit seinem vorgefertigten Bild zu nerven. Das gilt für beide Seiten – ohne Ausnahme.

KISMET: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

El-Masrar: Zufrieden mit dem was ich mache.

KISMET: Was wünschen Sie sich für, die immer aktuelle und hitzig diskutierte, Integrationsdebatte in Europa?

El-Masrar: Mehr Besonnenheit und vor allem Aufrichtigkeit.

KISMET: Abschließend noch eine etwas provokante Frage: Glauben Sie, würde sich Herr Thilo Sarrazin freuen Sie kennenzulernen oder wären Sie für ihn noch nicht integriert genug?

El-Masrar: Mich meint er ja nicht. Nur die anderen…

Das Gespräch führte Nermin Ismail.(Bild: Privat)

„Das Kopftuch ist wie ein Piercing“

Unterdrückt, ungebildet, unterwürfig: So stellt man sich eine Frau mit Kopftuch vor – Die Realität sieht anders aus: Viele muslimische Frauen sind gebildet, selbstbestimmt und emanzipiert – und stehen zu ihrem Glauben

Wien – Montag, 18 Uhr, vor der Haupt-Uni. Eine Gruppe StudentInnen unterhält sich angeregt. Durch ihr energisches, selbstbewusstes Auftreten fällt eine von ihnen besonders auf: Asma Aiad, 22-jährige Politikwissenschaftsstudentin. Sie trägt weiße Sneakers, Jeans, eine beige Tunika, eine extravagante Brille – und ein pinkes Kopftuch. Dem Klischee eines unterdrückten „Kopftuchmädchens“ entspricht sie ganz und gar nicht. „Als muslimische Frau mit dunkler Hautfarbe musste ich mich doppelt und dreifach behaupten“, erzählt Aiad. Das habe ihr Selbstvertrauen gestärkt.
Weiterlesen …

Kopf der Woche: Ilham Moussaid

Anfang Februar wurde eine junge Muslimin als Kandidatin der Neuen Antikapitalistischen Partei im französischen Avignon präsentiert. Dieser Schritt brachte viel Trubel, rund um die ständige Diskussion des Kopftuches in Frankreich, mit sich.

Die neue antikapitalistische Partei (NPA- Nouveau Parti Anticapitaliste) besteht erst seit einem Jahr und hat jüngst für viel Aufsehen gesorgt. Durch die Kandidatur einer jungen Politikerin mit Kopftuch zur Regionalwahl, entstand angesichts der Kopftuchdebatte in Frankreich eine heftige Diskussion. Eine ungewöhnliche Entscheidung für eine Partei, die auf kommunistische Ideale basiert und sich u.a. auf eine anti-religiöse Grundlage stützt. Dazu kommt, dass nicht nur außerhalb der Partei starke Kritik ausgeübt wurde, sondern auch innerhalb der neuen Partei.

Jung, selbstbewusst, politisch aktiv und Muslimin mit Kopftuch. Die 21- jährige Ilham Moussaid zeigt sich empört über die Reaktionen auf ihren Antritt. Sie ist traurig „zu sehen, dass acht Jahre meines Lebens auf mein Kopftuch reduziert werden… zu sehen, dass mein persönlicher Glaube eine Gefahr für andere darstellt, während ich für Freundschaft, Respekt, Toleranz , Solidarität und Gleichwertigkeit aller Menschen kämpfe.“

Sie erzählt lächelnd, dass sie verstehe, dass man sie beschützen wolle, doch die Frage, die sich an dieser Stelle bietet ist: Wovor? Die in Marokko geborene Betriebswirtschaft-Studentin vertraut den LeserInnen in einem Interview mit der französischen Tageszeitung an: „Die Werte, die mir meine Eltern vermittelten sind die Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Solidarität.“

Reaktionen auf die junge Politikerin

Obwohl Moussaid mit der Unterstützung der Mehrheit ihrer Partei gerechnet hat, lehnen 15 Mitglieder das Kopftuch ab. Bemerkenswert ist die Reaktion der Feministinnen. Seit 2005 besteht die Organisation „Ni putes Ni Soumises“, die sich für Frauen und ihre Rechte einsetzt. Wie die französische Tageszeitung Le Monde berichtet, will diese gegen die Kandidatur Beschwerde einlegen, da sie diese Aktion als „eine anti-feministische, anti-laizistische und anti-republikanische Einstellung“ betrachten.

„Ich hab oft genug gesagt und erklärt, dass ich nicht unterdrückt werde, und ich glaube, dass sich hier sehen lässt, dass ein Mangel an Verständnis besteht“, so Moussaid. Betrachten viele das Kopftuch doch als Symbol der Unterdrückung der Frau.

Allerdings teilte die Partei mit, dass die Entscheidung Ilham auf die Liste zu stellen nur von den Parteimitgliedern in Vaucluse beschlossen wurde. Zudem sei die Nominierung nicht als nationale Entscheidung der NPA zu verstehen. Junge muslimische Frauen werden in den europäischen Gesellschaften aktiv und präsent, doch die große Barriere ist das Kopftuch. Werden sie sich zwischen Religion und Aktivismus entscheiden müssen?

Nadia El Bouroumi, Stadträtin der Opposition von Avignon schildert die Situation der jungen MuslimInnen in Frankreich und betont im Interview mit der französischen Tageszeitung: „Die Muslime meiner Generation versuchen um jeden Preis so wie die anderen zu sein. Ilham’s Generation hat keine Komplexe.“ Pierre Golard, Kopf der regionalen Liste war genauso zuversichtlich wie vor einigen Tagen und meinte Ilham hätte den Schock gut überstanden. Er fürchtet nur mögliche gewalttätige Angriffe.