Wahlkampf-Finale: Ein Rückblick

Nermin Ismail

Nermin Ismail- Politik. Menschenrechte und alles, was mit Menschen zu tun hat. Hinhören und nachfragen.

Wie haben sich Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen im zweiten Teil des Wahlkampfs geschlagen? Welche Strategien befolgten sie? Was verrät ihre Körpersprache über sie und wie konnten sie in der digitalen Welt punkten?

Zehn TV-Duelle in 150 Minuten im ersten Durchgang. Unzählige Konfrontationen im zweiten. Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen absolvierten in den vier Wochen bis zur Stichwahl mehrere Duelle. Sie lieferten sich einen harten Schlagabtausch nach dem anderen. Begonnen hat es auf Puls4 mit dem ersten Fernsehduell zwischen den beiden Hofburg-Kandidaten. Hier wurde klar: Der softe Kurs ist vorbei. Hier wurden beide ziemlich angriffig, zum Teil auch untergriffig. „Wir befinden uns in einer Situation, die wir so noch nie hatten. Dass ein Bundespräsidentschaftskandidat das Sch-Wort verwendet, ist für einen staatsmännischen Stil unüblich“, erklärt Kommunikations- und Verhaltensprofilerin Tatjana Lackner.

Bis zum legendären Duell auf ATV, das unmoderiert verlaufen ist, schien die Tonalität eine ganz andere zu sein (zu sehen hier). Von der anfänglichen Zurückhaltung Van der Bellens war nichts mehr zu spüren: „Sie haben in den letzten Wochen so viel Kreide gefressen, Herr Hofer. Nur sieht man es Ihnen noch nicht an“, lautete der Vorwurf Van der Bellens, als es um die EU ging. Doch Hofer blieb ihm nichts schuldig: „Herr Doktor, Sie sind heute so böse. Ich weiß gar nicht warum? Ich habe Ihnen nichts getan.“

Alexander Van der Bellen (Grüne), Norbert Hofer (FPÖ), im Rahmen einer ATV Diskussionsrunde mit den Präsidentschaftskanditaten zur BP- Wahl

APA/ HANS PUNZ

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Verlorene Kinder

Nermin Ismail

Nermin Ismail- Politik. Menschenrechte und alles, was mit Menschen zu tun hat. Hinhören und nachfragen.

10.000 Flüchtlingskinder sind laut Europol in Europa nicht mehr auffindbar. Sie sind unbegleitet eingereist und nun vom Radar einzelner Länder verschwunden. Wo die Kinder sein könnten und warum eigentlich keiner den Überblick hat.

Endlich in Europa angekommen, und schon hat sich ihre Spur verloren. Das Problem: Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die ohne Eltern in Länder der EU eingereist sind, sind im System nicht mehr auffindbar. Niemand weiß, wo sie sind und warum sie verschwunden sind. Ende Jänner veröffentlichte die europäische Polizeibehörde Europol eine vorsichtige Schätzung, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Im April hat Deutschland konkrete Zahlen geliefert. Das Bundesinnenministerium berichtet von fast 6.000 Kindern, davon 555 unter 14 Jahren, die in Deutschland als vermisst gelten. „Die Kinder, die in den letzten Monaten angekommen sind, wurden teils kaum registriert, teils doppelt registriert und sind quer durch europäische Länder gereist. Das ist gefährlich, weil die Kinder dadurch leichter Verbrechen zum Opfer fallen können. Weil man nicht einmal weiß, wo sie sind“, erklärt Ruth Schöffel, Sprecherin von UNHCR in Wien.

Refugee children at the coast near the open refugee camp of Souda

APA/AFP/Louisa Gouliamaki

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Buchpräsentation „Ungehörte Stimmen“

Vortrag / Diskussion

Alte Muster – neuer Kontext

Buchpräsentation und Diskussion

Fragen von Ungleichheit, Marginalisierung und Diskriminierung sind heute aktueller denn je. Mechanismen der Repräsentation sowie Formen der Wissensproduktion, also der Etablierung von „Wahrheit“, beschreibt die Autorin Nermin Ismail als fundamental für Herrschaft. Nicht erst seit Köln stehen Flüchtlinge im Mittelpunkt der medialen Debatte. Inwiefern prägen postkoloniale Züge die aktuellen Debatten rund um das Flüchtlingsthema?

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Nermin Ismail, Politologin, Autorin, Journalistin, ORF
Alexander Pollak, SOS Mitmensch
Birgit Sauer, Politologin, Universität Wien
Moderation: Hanna Hacker, Kulturwissenschafterin, Universität Wien

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Erdogan bei „uns“

Da ist endlich mal etwas los in meinem 22. Bezirk und ich bin nicht da. Wie ärgerlich. Als ich im Mai in Köln war, war ein großer Aufstand zu spüren. „Erdogan kommt nach Deutschland.“ Das hat man einfach mitbekommen. Dennoch schien mir die Aufregung etwas entspannter zu sein, als hier in Österreich. Der türkische Premierminister, über den seit geraumer Zeit immer wieder in den heimischen Medien berichtet wird, kommt nach Österreich. Der Mann, der friedliche Demonstrationen brutal niedergeschlagen haben soll, der ‚socialmedia‘ wie Facebook und Twitter sperre und als der ‚böse Türke‘ gemeinhin herhält. Nun abgesehen von der türkischen Innenpolitik und der Berichterstattung darüber, möchte ich etwas ganz anderes in den Fokus stellen.

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Die Hoffnung ist dahin

Hamza Namira, ein gesellschaftskritischer ägyptischer Sänger, hat ein neues Lied auf den Markt gebracht. Er drückt die Wut, die Trauer und das Leid vieler Ägypter aus. Vor allem aber auch spricht er die Zerspaltung des ägyptischen Volkes an und ihre Hoffnungslosigkeit.
„Ich will nie wieder nach Ägypten“, teilte mir eine Freundin, nach ihrem letzten Aufenthalt in Kairo, mit. Die Menschen seien frustriert wie noch nie zuvor. Die Hoffnung sei dahin. Genau diese Gefühle versucht Namira in seinem neuen Song: „Und was soll ich dir nur sagen?“ musikalisch auszudrücken. Continue reading

Nationalratswahlen 2013

Das Ergebnis war wenig überraschend, denn der Schaden war schon längst angerichtet. SPÖ u ÖVP haben seit dem EU Beitritt verabsäumt, zu erklären, warum eine EU-Mitgliedschaft Sinn macht und notwendig ist, und wie Ö eigentlich davon profitiert hat. Ohne eine emotionale Anbindung wird es schwer gefühlten Wahrheiten wie „in –Schilling-Zeiten war alles billig“ rationale Argumente entgegenzuwirken, und damit auch bei den Leuten anzukommen. Wie in vielen Bereichen – Integration z.B. wurde das Feld kampflos den Rechtspopulisten überlassen. Weiterlesen …

Demonstration in Wien: „Nein, nein, Morsi ist nicht allein“

Nermin Ismail, 8. Juli 2013, 22:13 Über 300 Menschen versammelten sich heute Nachmittag, um gegen den Militärputsch zu demonstrieren. Österreichische Ägypter versammelten sich vor der Ägyptischen Botschaft in Wien, um gegen die Machtübernahme der Armee zu demonstrieren. Die ägyptische Flagge mit dem Bild Mohamed Morsis dominiert das Straßenbild. Jung und Alt haben sich am Montag vor der ägyptischen Botschaft in Wien versammelt. Einige Hunderte sind zusammengekommen, um ihren Unmut deutlich zu machen. Sie sind gegen den Militärputsch, der vor wenigen Tagen Ägyptens Präsident Mohammed Morsi von der Spitze des Staates verdrängte. Erst Ende Juni demonstrierte in Wien eine ähnlich große Anzahl von Ägyptern für die Absetzung Morsis und gegen seine Politik. Noch vor zwei Jahren standen die beiden Gruppen hier vereint gegen Mubarak. Nun sind sie gespalten.
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erinnern und gedenken

Der Gipfel aller damaligen Geschehnisse während des Angriffskriegs gegen Bosnien-Herzegowina war das Massaker an den BosniakInnen in der UN-geschützten Enklave Srebrenica, welches im Juli 1995 von großserbischen Nationalisten begangen wurde. In nur wenigen Tagen an jenem Juli wurden über 8.300 Menschen getötet, vor allem Männer und Knaben im Alter von 12 bis 77 Jahren. Die Geschehnisse in der Enklave Srebrenica gelten als das schlimmste Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Internationale Gerichtshöfe in Den Haag haben dieses Verbrechen mehrmals als Völkermord anerkannt und verurteilt.

*Dieser Beitrag ist im ORF Religionsmagazin „Religionen der Welt“ erschienen.

„Österreich ist das islamischste Land der Welt“

Vor 20 Jahren flohen 90.000 Bosniaken nach Österreich. Was aus ihnen wurde, wie sie heute leben, und warum sie hierzulande vor allem die freie Glaubensausübung schätzen – eine Nachschau.

Wien. Für so manchen österreichischen Bosniaken ist 2012 ein markantes Jahr: Einerseits feiert dieser Tage das Islamgesetz sein 100-jähriges Bestehen, andererseits kamen viele von ihnen vor 20 Jahren und im Zuge des Balkankrieges ins Land. Doch wie leben diese Menschen heute?

„Ich bin glücklich und zufrieden, Österreicher zu sein“, sagt Ismet Hurtic. Der Salzburger ist 1992 mit der Hilfsorganisation „Nachbar in Not“ im Zuge des Bosnien-Kriegs nach Österreich geflüchtet. In diesem Jahr begann die Belagerung Sarajewos. „Die Wahl auf Österreich fiel spontan“, erzählt er heute. Immerhin war es eine Kriegssituation, in der man nicht viel Zeit zum Nachdenken habe.
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