Verlorene Kinder

Nermin Ismail

Nermin Ismail- Politik. Menschenrechte und alles, was mit Menschen zu tun hat. Hinhören und nachfragen.

10.000 Flüchtlingskinder sind laut Europol in Europa nicht mehr auffindbar. Sie sind unbegleitet eingereist und nun vom Radar einzelner Länder verschwunden. Wo die Kinder sein könnten und warum eigentlich keiner den Überblick hat.

Endlich in Europa angekommen, und schon hat sich ihre Spur verloren. Das Problem: Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die ohne Eltern in Länder der EU eingereist sind, sind im System nicht mehr auffindbar. Niemand weiß, wo sie sind und warum sie verschwunden sind. Ende Jänner veröffentlichte die europäische Polizeibehörde Europol eine vorsichtige Schätzung, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Im April hat Deutschland konkrete Zahlen geliefert. Das Bundesinnenministerium berichtet von fast 6.000 Kindern, davon 555 unter 14 Jahren, die in Deutschland als vermisst gelten. „Die Kinder, die in den letzten Monaten angekommen sind, wurden teils kaum registriert, teils doppelt registriert und sind quer durch europäische Länder gereist. Das ist gefährlich, weil die Kinder dadurch leichter Verbrechen zum Opfer fallen können. Weil man nicht einmal weiß, wo sie sind“, erklärt Ruth Schöffel, Sprecherin von UNHCR in Wien.

Refugee children at the coast near the open refugee camp of Souda

APA/AFP/Louisa Gouliamaki

Continue reading

Die Todesreise

Weltflüchtlingstag: Flüchtlinge begeben sich in eine ungewisse Reise in ein fremdes Land, wo für sie ein neues Leben beginnt. Nermin Ismail schreibt über die Todesreise eines jungen Mannes aus Syrien.

(c) Nermin Ismail

Jehad Nour Eddin Al-Hussari lebte noch vor wenigen Monaten in Syrien. Er führte ein gewöhnliches Leben, sagt er und hält kurz inne. Als Imam in mehreren Moscheen tätig, studierte er Islamisches Recht an der Universität in Aleppo. Seine Eltern wohnten in Damaskus. Neben seiner Arbeit und dem Studium, verbrachte er viel Zeit mit seinen beiden Töchtern Rabia und Fatma. Doch dann herrschte Krieg. Der Krieg, der ihn von seinen Geliebten, von seiner Arbeit, seinem Studium und seiner Heimat trennte. Jetzt sitzt Jehad in Wien und versucht sich irgendwie durchzukämpfen, um ein neues Leben anzufangen.

<!–more–>

Der Traum einer Veränderung

Al-Hussari ist ein bekannter Name in der arabischen Welt.  Prominent wurde dieser Name vor allem durch den Koranrezitator Mahmoud Khalil Al-Hussari. Mit ihm ist Jehad verwandt. Nicht nur wegen seinem Namen, aber auch aufgrund seines Berufs sei Jehad in seiner Heimat geachtet gewesen. „Ein Prediger spricht die Massen an und hat somit auch Macht und Ansehen“, so der dreißig-Jährige. Er wirkt zart und schmächtig. Mit einem dünnen Reifen kämmt er seine dunklen, glatten Haare straff nach hinten. Der Syrer lebte mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in deren gemeinsamer Wohnung, die sich innerhalb der Moschee befand. Ihm war klar, dass er in seinen Ansprachen an die Gläubigen keine Kritik gegen Bashar Al-Assad ausüben dürfe. „Politik war immer ein Tabu.“ Dennoch musste er den Präsidenten im Gebet erwähnen und ihm obendrein nur das Gute wünschen. Frei sei er nicht gewesen, da er seine wahre Meinung nicht äußern konnte.

2011, als die Revolution erst anfing, war Jehad immer dabei. Bei jeder Demonstration in seinem Viertel hielt er motivierende Ansprachen und erinnerte die Menschen an ihre Verantwortung gegen das Unrecht anzukämpfen und für das Richtige einzustehen. Die Regierung erkannte damals die Wut der Bürger und sprach von geplanten Verbesserungen. Doch das sei alles eine Lüge gewesen, meint Jehad. Die Demonstranten, denen Gewaltlosigkeit ein indiskutables Anliegen war, planten immer regelmäßiger Aufstände. Auch immer mehr Städte und Viertel schlossen sich der Bewegung an. Als dann die Regierung mit dem Beschießen der zivilen Wohnviertel anfing und die Zahl der Opfer immer mehr anstieg, bestärkte das nur den Willen der Syrer im Kampf gegen die Ungerechtigkeit. „Es war unglaublich schön, rauszugehen mit vielen Menschen und nach der Freiheit zu rufen.“, kann sich der Imam erinnern. Die Konfrontation mit den Waffen und horrende Überteuerungen waren die einzige Antwort des Regimes darauf.

Menschen, die trotz dem Morden und Foltern von Gefangenen, hinter dem Regime standen, gab es auch. „Vor allem Aleviten und all jene, die vom Regime profitierten“, weiß er. Menschen, die als Prediger oder Gelehrte tätig waren hatten drei Möglichkeiten: Entweder sie stellen sich hinter Bashar und erhalten im Gegenzug Sicherheit und Schutz; sie schließen sich dem Widerstand an und setzen somit alles aufs Spiel, oder sie versuchen neutral zu bleiben und äußern sich gar nicht zu den Geschehnissen, so, als würde es sie gar nicht geben. Kurz nach den ersten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei, wurde die Moschee, in der sich Jehads Wohnung befand, bombardiert. Der Familienvater hatte keine andere Wahl als wegzuziehen. Doch auch da war die Lage nicht länger ertragbar. Vor allem für die beiden Töchter. „Es wurde jeden Tag geschossen. Meine Töchter, fünf und sechs Jahre alt, hatten Angst und haben viel geweint. Bei jedem Geräusch haben sie geschrien.“ Die Eltern machten sich Sorgen und wollten ihre Kinder vor Traumatisierungen beschützen. April 2011 zogen sie in die Türkei. Dort nahmen sie Freunde der Familie für eine Weile in der Moscheeschule in Gaziantep auf. Vier Monate ist Jehad mit seiner Familie dort geblieben. Jeden Freitag ging er aber nach Syrien zum Predigen.

Er erinnerte die Menschen an die Wichtigkeit gewisser Werte,  die man im Krieg zu haben hat, die Gewaltlosigkeit und an die Geduld, die deren Herzen füllen sollte. Das gefiel vielen Menschen nicht. Sie versuchten ihn zu beeinflussen und ihn davon abzubringen, Menschen gegen das Regime aufzuhetzen. „Sie versuchten mir Angst zu machen und bald kamen dann auch die ersten Drohungen. Von Anhängern Assads aber auch vom IS“, erinnert sich der Student. Für ihn waren es dennoch kostbare Momente der Freiheit, die er so schnell nicht aufgeben wollte und niemals vergessen wird. Die Demonstrationen waren freitags, auch hier war Jehad an vorderster Front. Als sich die Angriffe auf die Moscheen häuften, da als ein Ort des Widerstands vom Regime betrachtet wurden, entschied sich der dreißig-Jährige die Moscheen zu verlassen. Viele ließen sich einschüchtern und die Moscheen wurden auch immer leerer.

Der politische Aktivist Jehad beende die Tätigkeit als Imam und führte seinen ganz persönlichen Widerstand in einem anderen Rahmen weiter fort. Er wagte einen Karrieresprung und moderierte von nun an eine Nachrichtensendung beim Radiosender „Halab Al-Youm“. Es folgte ein religiöses Format mit dem Namen „Ulama Bilad Al Sham“, das von Jehad moderiert wurde und im Sender „Nasaem Syria“ erschienen ist. Nebenher arbeitete der Imam in einer Hilfsorganisation, die die Bevölkerung Syriens mit Brot versorgte. Doch das ist längst nicht alles, was Jehad in den letzten vier Jahren im Krieg in Syrien leistete. „Überall, wo ich etwas leisten konnte, tat ich etwas“, sagt er mit ruhiger Stimme. Wichtig sei ihm stets gewesen, nützlich zu sein und nicht während Unrecht geschieht, zuzusehen. „Du´at Murabitin“ hieß die Vereinigung, die er wenig später gründete.

Hier ging er an die Front und sprach mit den Kämpfern der Freien Syrischen Armee, um sie zu erinnern. „Wir gaben Tipps, leisteten Beistand. Sie sollen keine Unschuldigen töten, keinem Baum und keinem Tier schaden“, so Jehad. Mit der Zeit entstanden viele Probleme, die ihn daran hinderten diese Arbeit fortzuführen. Immer mehr Menschen wollten Unrecht zu Recht erklären und die Religion für ihre Zwecke missbrauchen. Auch innerhalb der Freien Syrischen Armee und der Widerstandbewegung ging es immer mehr um Positionen. Bis dahin kam es für ihn nicht in Frage das Land zu verlassen. Es ist seine Heimat. Auch im Krieg müsse er da bleiben, davon war er überzeugt. „Irgendwann realisierte ich, die Lösung liegt nicht mehr an uns. Die Lösung liegt alleine in der Hand der Weltpolitik. Solange sie den Konflikt in Syrien nicht lösen wollen, wird es nur schlimmer“ , sagt Jehad verbittert.

Ungewissheit und ein ständiges Warten

Jehad entschied sich im November 2014 für die Flucht. Er nennt sie die „Todesreise“. Seine achtjährige Schwester kam mit. Sie würde eine Familienzusammenführung in Österreich erleichtern. Der Plan war von der Küste Mersins nach Italien zu fahren. 6200 Dollar sollte die Bootsfahrt nach Italien kosten.  Täglich versprechen die Schlepper die Abfahrt, dann ändern sie den Plan. Ständig geben die Schlepper Treffpunkte und Uhrzeiten an, die sie nicht einhalten. Fünf Tage ging das so weiter, bis Jehad diese Ungewissheit nicht mehr ertragen konnte und sein Geld zurückforderte. Genau an diesem Tag sollte die tatsächliche Abfahrt stattfinden. Am Meer nicht weit von der Küste kam es zu einem technischen Schaden. Das Schiff mit 320 Passagieren, konnte nicht viel weiter fahren und drehte sich fünf Tage im Kreis. Das Schwanken machte die Menschen am Schiff nervös, viele übergaben sich durchgehend. Die Schlepper kündigten ein anderes Schiff an, das sie holen und weiterfahren würde, doch dieses trat nicht ein. Stattdessen hielt das Schiff in Zypern an, wo man sich um die Flüchtlinge kümmerte und sie nach Mersin zurückschickte. Die Schlepper behielten für diese Fahrt 200 Dollar von jedem einzelnen Flüchtling.

Nach diesem Versuch das Land über das Meer zu verlassen und nach Europa zu gelangen, war sich Jehad sicher, ein zweites Mal würde er dies nicht mehr tun. Freunde rieten ihm mit einem Boot nach Griechenland zu fahren und von dort mit dem Auto nach Österreich. Mit einem Schlauchboot fuhr Jehad, beim zweiten Versuch mit seinem Bruder, nach Griechenland. Es sei die schlimmste Erfahrung gewesen, viel mehr möchte er darüber nicht sagen. Für 1000 Dollar kamen sie in diesem überfüllten Boot in Griechenland an. „Wir gingen dann nach Athen, wo Schlepper auf uns zukamen und uns Angebote machten“, weiß Jehad noch. 5000 Euro seien noch wenig gewesen, doch das Geld hatte er nicht. Die Schlepper, beschreibt der Imam, als eine große Mafia, die die Straßen und das Meer kontrolliert. Da sie meist Lügen erzählten und die Menschen auf der Flucht mit der Zeit immer mehr verunsicherten, entschieden sich Jehad und sein Bruder die Reise alleine ohne Hilfe der Schlepper anzutreten.

Im Dezember erreichten die Temperaturen minus sechzehn Grad. Viel hatten die beiden Brüder nicht mit. Die meiste Zeit gingen sie zu Fuß den Bahngleisen entlang, versteckten sich in Wäldern und schauten darauf nicht erkannt zu werden. In Mazedonien angekommen, wurden sie drei Mal geschnappt und an die Grenze zurückgebracht. Jehad wusste nicht weiter. Nun schien die Reise endgültig zu scheitern. Die Kälte war untragbar und die Hoffnung schien immer mehr zu schwinden. Die Brüder trafen einen deutschen Mann, der mit ihnen in den Zug einstieg. „Er wollte uns helfen, aber wir hatten schon das Vertrauen in allen verloren.“ In Skopje konnten sie nicht aussteigen, das sei viel zu gefährlich, denn es könnte Polizisten geben, die ihre Papiere verlangten. An der Grenze, in Loja angekommen, trafen sie einen Mann bengalischer Herkunft. Ein Schlepperboss, wie ihn Jehad nennt, verlangte 500 Euro für sich und 200 Euro für den Helfer, der die zwei nach Serbien bringt.

Drei Tage gingen sie zu Fuß. In Serbien trafen sie auf einen Syrer, der dort lebte und sie herzlich willkommen hieß. „Das war einer der wenigen Menschen, denen ich auf der Flucht begegnet bin, die mir zeigten, dass es noch gute Menschen auf dieser Welt gibt.“ Nach einem ausgiebigen Essen, gab er ihnen Geld für die weitere Reise und empfahl ihnen Serbien sobald wie möglich zu verlassen. Ein weiterer Syrer, den sie am Weg kennenlernten, erzählte ihnen von einem Freund, der sie abholen würde und nach Ungarn bringen würde. „Wir warteten viele Stunden im Schnee. Ich spürte nichts von meinem Körper. Alles war wie vereist, erstarrt“, weiß er noch. Irgendwann nach gefühlten zwanzig Stunden kam das Auto und sie fuhren nach Ungarn. Dort trafen sie einen Schlepper, der sie im Lastwagen nach Villach brachte, wo sich Jehad und sein Bruder trennten. Sein Bruder wollte nach Deutschland und führte die Todesreise, wie Jehad sie nennt, alleine fort.

In Villach angekommen, ging Jehad zur Polizei, später wurde er nach Salzburg verlegt. Am 3.März 2015 wurde er als Asylant anerkannt. „Diese Reise lehrte mir so viel. Vor allem, dass man alles schaffen kann, wenn man daran glaubt“, meint Jehad. Der Syrer sah, dass die Straßen von Kriminellen beherrscht werden, die schon seit Jahren durch jegliche Krisen profitieren. Es wird kaltherzig mit dem Schicksal von hilflosen Menschen gespielt, was deren Geschäft zum Boomen bringt. Die Zustände in den Kriegsgebieten werden immer katastrophaler und es ist kein Ende in Sicht.

 

Suche nach Freiheit in einer neuen Heimat

Jehad wiederholt, er wollte seine Heimat nie verlassen und jedes Mal bekommt er dabei glasige Augen, doch irgendwann ging es nicht anders. Seine beiden Töchter Rabia und Fatma, verlassen niemals seine Gedanken und sind der Grund seiner Sorge, seitdem er gegangen ist. Er ist froh, dass seine Familie zumindest in Sicherheit ist, doch er vermisst sein zu Hause, seinen VW Käfer, den Duft der syrischen Straße und seine Moschee. Er hält kurz inne, sein Blick flüchtet. Nach Syrien zurückgehen will er nie wieder, zu viel hätte er dort an Grausamkeit gesehen. Frei konnte er nie sein in Syrien und als er dies versuchte, und sich in die Vorstellung verliebte in seiner Heimat frei und gleichgestellt leben zu können, wachte er in einem fremden Land auf.

Der zweifache Vater ist überzeugt, dass viele vom Krieg Nutzen ziehen. „Russland, China und Iran. Und so lange es Mächte gibt, die Waffen liefern, wird weiterhin gemordet“ Der sogenannte „Islamische Staat“ ist für ihn nichts als eine terroristische Organisation, die die Religion missbraucht, um politische Interessen durchzusetzen. Viele seien verblendet und das kommt von einem fehlenden Verständnis der Religion. Sein jetziger Schmerz ist Unabhängigkeit und Stabilität. Noch könne er nicht so gut Deutsch, bis er arbeiten kann, wird es dauern. Und eine Wohnung ohne Arbeit wird er nicht bekommen.

Ein Anliegen hat Jehad: Er möchte als Mensch und weniger als armer Flüchtling behandelt werden. Er wünscht sich von Österreich mehr Nachsicht und Beistand. „Wir kommen vom Krieg zerstört hierher und wollen nur ein normales Leben. Wir wollen arbeiten dürfen, auf unsere eigenen Beinen stehen und nicht vom Staat abhängen.“ Das Zusammenleben funktioniere in seiner Heimat seit Jahrzehnten problemlos, deswegen müsse es doch auch hier in Europa möglich sein. Seine Wünsche für die Zukunft: „Ich möchte meine Kinder und meine Frau bald wieder sehen und sie hier bei mir haben. Ich möchte studieren und als Arabischlehrer arbeiten.“ Jehads Reise geht weiter, dieses Mal in Richtung Leben.

(c) Nermin Ismail